http://www.faz.net/-gy9-16gss
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.05.2010, 14:05 Uhr

Designer Dieter Rams im Gespräch „Braun hat Apple angeregt - ein Kompliment“

Dieter Rams war Chefdesigner des Elektrogeräteherstellers Braun und gilt manchen als Großvater des Apple-Designs. Rams selbst sieht die Ähnlichkeit in der grundsätzlichen Philosophie: der selbsterklärenden Schlichtheit des Designs.

© dpa

Herr Rams, Apple-Chefdesigner Jonathan Ive ist der Vater von iPhone und iPad. Sie gelten als Großvater des Apple-Designs. Sind Sie stolz auf den Titel?

Wissen Sie, ich halte nicht viel von solchen Worten, die mal irgendjemand in die Welt gesetzt hat.

Mehr zum Thema

Aber Ive höchstpersönlich hat Sie als Vorbild genannt.

Er hat mir mal einen iPod Touch geschickt - mit einem sehr lieben Brief.

Braun Apple Vergleich Taschenrechner © Hersteller Vergrößern Zwei Mal Taschenrechner: Einmal von Apple als iPhone-Anwendung und einmal von Braun als Hardware

Was stand drin?

Dass er schon während seines Studium durch seine Eltern Braun-Geräte gehabt habe, dass er ein großer Bewunderer meiner Arbeit gewesen sei und sie ihn sehr stark beeinflusst habe.

Sie waren vier Jahrzehnte Chefdesigner von Braun. Manche meinen, Apple habe sein Design von Braun gestohlen.

Ja, dieser Ansicht ist unter anderen der französische Kollege Philippe Starck, der mich mal ganz aufgeregt darauf hingewiesen hat. Ich habe aber von vornherein gesagt, dass ich das nicht so empfinde.

Das Minimalistische und Funktionalistische bei Apple kommen doch Ihren Braun-Entwürfen schon sehr nahe. Und Ive hat in einer ersten Version des iPhone-Betriebssystems sogar die virtuellen Taschenrechner-Tasten nach den berühmten runden Tasten von Braun-Taschenrechnern gestaltet.

Das ist richtig, aber für mich ist das ein Kompliment. Das ist was ganz anderes als eine plumpe Nachahmung. Apple ist angeregt von Braun, wie viele andere auch. Hier geht es um die grundsätzliche Auffassung. Design ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass es Dinge erklärt, ohne dass man lange eine Gebrauchsanleitung lesen muss.

Genau das, was viele Apple-Jünger an den Produkten loben.

Das war immer unsere Vorgabe bei Braun: Dinge so zu gestalten, dass sie besser begreifbar waren. Wir haben von Anfang an viel Wert auf Produktgrafik gelegt, auf Skalen und Beschriftungen am Gerät. Das ist auch bei Apple ganz wesentlich - nicht das vordergründige Aufpolieren eines Gerätes, sondern, es gebrauchstauglich zu machen. Das ist eher selten zu finden: Die Firmen, die Design wirklich ernst nehmen, können Sie an zehn Fingern abzählen. Apple gehört dazu.

Jetzt sind Sie aber hart in Ihrem Urteil.

Es gibt natürlich kleine und mittlere Unternehmen, die gut sind, unter anderem in der Möbel- oder Beleuchtungsbranche. Aber im großen Maßstab? Solche Unternehmerpersönlichkeiten sind selten. Früher war das zum Beispiel Adriano Olivetti, heute ist es Steve Jobs.

Woran liegt das?

Es liegt an unseren Strukturen, die zu beliebig geworden sind, und an den Medien, die häufig nur das Spektakuläre in den Vordergrund stellen. Das ist für die Gebraucher - ich sage lieber Gebraucher als Verbraucher - nicht sehr lehrreich. Guten Geschmack aber muss man lernen, der ist nicht angeboren.

Soll ein Designer nicht das designen, was den Menschen gefällt?

Bei Braun wäre all das nicht gelungen, wenn es die Unternehmerpersönlichkeiten, also Artur und Erwin Braun, nicht gewollt hätten. Im heutigen globalen Wettbewerb ist das Marketing verantwortlich für den return on investment. Die sichern sich dann lieber ab, wollen unbedingt herausfinden, was die Leute wollen. Dem Volk aufs Maul zu schauen heißt aber, es kommt am Ende nicht das Beste heraus.

Muss ein Designer aber nicht mit seinem Design auch verkaufen wollen?

Wir haben durchaus dazu beigetragen, dass Braun über Jahrzehnte erfolgreich war. Bis zur Mitte der 1950-er Jahre war das Unternehmen ja nur als Radio-Braun im Frankfurter Raum bekannt. In Hamburg kannte keiner Braun, und in München kannte keiner Braun. Erst mit dem Design ist Braun bekannt geworden auf der ganzen Welt, die Umsätze sind von Jahr zu Jahr gestiegen, und der Exportanteil lag zuletzt bei 75 Prozent. Ein ausgesprochenes Beispiel, dass man mit gutem Design durchaus erfolgreich sein kann.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sicherheitslücke im iPhone Die ausgeklügeltste Malware, die wir je gesehen haben

Die IT-Sicherheitsspezialisten von Lookout haben die drei Sicherheitslücken im Apple-Betriebssystem iOS identifiziert. Im Interview verraten sie, was es mit der Attacke auf sich hat. Mehr Von Jonas Jansen

26.08.2016, 12:36 Uhr | Wirtschaft
Bedrohte Wüstenstadt Künstler baut Palmyra aus Kork nach

Die syrische Wüstenstadt Palmyra ist vom Islamischen Staat zerstört worden – ein deutscher Künstler hat jetzt ein Modell der Welterbestätte aus Kork gebaut. Mehr

21.08.2016, 19:56 Uhr | Feuilleton
Neuer Schuhtrend Pantoffelhelden aus dem Orient

Maghrebinische Slipper erobern die Modewelt – eine Rückbesinnung auf die Schönheit des Orients. Aber muss es überhaupt die Luxusvariante sein? Mehr Von Celina Plag, Berlin

17.08.2016, 17:22 Uhr | Stil
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
EU-Entscheidung Apple muss bis zu 13 Milliarden Euro Steuern in Irland nachzahlen

Rekordforderung gegen einen Weltkonzern: Die EU-Kommission zwingt Irland, 13 Milliarden Euro Steuern von Apple einzuziehen. So hoch seien unrechtmäßig gewährte Steuervergünstigungen. Das Land will das Votum nicht hinnehmen. Mehr

30.08.2016, 11:55 Uhr | Wirtschaft

Schwierige Entscheidung

Von Hans-Heinrich Pardey

Auf Reisen stehen Hobby-Fotografen oftmals vor der schwierigen Wahl des Objektivs. Reicht eines oder bedarf es doch mehrerer? Je nach Art der Reise gibt es verschiedene Möglichkeiten. Mehr 0