Mark Zuckerberg vermittelt gerne den Eindruck, am Puls der Zeit zu sein, was gesellschaftliche Trends betrifft. Der Gründer und Vorstandschefs des sozialen Netzwerks Facebook rief etwa bei einem Auftritt vor eineinhalb Jahren eine Gesetzmäßigkeit aus, die in der Internetszene seither „Zuckerberg's Law“ genannt wird: Demnach werde sich die Menge von Informationen, die Menschen im Internet austauschen, von Jahr zu Jahr verdoppeln. Bei einem Interview vor wenigen Monaten ging Zuckerberg noch einige Schritte weiter und sagte, es gebe heute ganz neue „soziale Normen“. Nicht nur tauschen Menschen eine größere Menge von Informationen aus, sie tun dies heute auch mit einem höheren Grad an Offenheit. Die Botschaft darin heißt: Die Privatsphäre verliert an Bedeutung. Facebook passe sich lediglich diesem Trend an - und dementsprechend würden sich auch die Privatsphäre-Einstellungen auf der Seite verändern.
Mit seiner unschuldigen Erklärung, Facebook folge nur dem Trend, kommt Zuckerberg mittlerweile aber nicht mehr so leicht durch. Facebook steht wegen Neuerungen auf seiner Seite, die mehr Informationen seiner Nutzer nach außen dringen lassen, im Kreuzfeuer der Kritik - nicht zum ersten Mal, aber wahrscheinlich so massiv wie noch nie. Nun muss sich Zuckerberg den Vorwurf gefallen lassen, dass Facebook nicht nur auf eine gesellschaftliche Entwicklung reagiert, sondern vielmehr selbst aktiv die Aushebelung von Privatsphäre vorantreibt und seine Nutzer zu mehr Offenheit drängt, als ihnen lieb ist. Facebook hat dafür schließlich ein einleuchtendes Motiv: Die Informationen der Facebook-Mitglieder sind wertvolle Daten und können dabei helfen, dem Internetnutzer maßgeschneiderte Werbung zu zeigen. Facebook versucht, aus seiner riesigen internationalen Nutzergemeinde stärker Kapital zu schlagen, und sucht nach neuen Einnahmequellen - zumal das Unternehmen einen Börsengang in nicht allzu ferner Zukunft anpeilt.
Facebook ist nur eines aus einer ganzen Generation junger Internetunternehmen, deren Idee auf dem Datenaustausch unter Nutzern basiert. Aber nicht jeder vertritt ähnlich radikale Ansichten wie Mark Zuckerberg, wie viel Privatsphäre auf diesen Plattformen übrig bleiben soll. Offenbar ist Zuckerberg selbst innerhalb von Facebook mit seiner Auffassung nicht ganz unumstritten. Das „Wall Street Journal“ berichtete vor wenigen Tagen, dass es im Unternehmen Unstimmigkeiten über die Datenschutzpolitik gibt. Schon in der Vergangenheit hätten Mitarbeiter von Facebook dafür plädiert, Standardeinstellungen so auszurichten, dass mehr Kategorien von Informationen nicht so leicht zugänglich sind. Zuckerberg habe solche Vorstöße aber abgeblockt. Nach der jüngsten Aufregung werde nun im Unternehmen wieder kontrovers diskutiert, ob und wie man es den Nutzern erleichtern soll, mehr Privatsphäre zu wahren. Am Montag meldete sich Zuckerberg selbst zu Wort: In einem Gastbeitrag in der „Washington Post“ kündigte er an, dass Facebook in den nächsten Wochen neue Einstellungen auf der Seite einführen werde. Zuckerberg gab sich kleinlaut: „Wir haben einfach daneben gelegen.“ Facebook presche manchmal zu schnell voran, wolle nun aber auf die jüngsten Bedenken reagieren.
Die aktuelle Welle der Empörung hat Facebook mit der Vorstellung neuer Angebote bei einer Konferenz im April ausgelöst. Im Kern geht es darum, dass Facebook Informationen und Interessen seiner Nutzer nicht mehr nur auf seiner eigenen Seite sammelt, sondern mit dem gesamten Internet verbindet. Dies geschieht zum Beispiel, indem auf Partnerseiten von Facebook „Gefällt mir“-Buttons untergebracht werden. Wenn ein Facebook-Nutzer auf das Feld klickt und damit signalisiert, dass er die Inhalte auf der Partnerseite gut findet, können das auch seine Freunde erfahren - entweder auf Facebook selbst oder auf der Partnerseite.
Facebook gibt zudem Interessen, die Nutzer auf ihren Profilen geäußert haben, an bestimmte Partnerseiten wie Musikdienste weiter. Die Strategie von Facebook mit diesen Angeboten ist es, sich als Plattform im gesamten Internet auszubreiten. Für die Nutzer hatten die Veränderungen aber den Effekt, dass ihre Daten von Facebook ungefragt im Internet weitergegeben wurden.
Schnell meldeten sich Kritiker zu Wort und sahen sich einmal mehr in ihrem Vorwurf bestätigt, dass Facebook auf die Privatsphäre seiner Nutzer pfeift. Denn der Konzern hat in den vergangenen Jahren immer neue Veränderungen an den Datenschutzeinstellungen auf seiner Seite vorgenommen. Der Effekt war vor allem der, dass tendenziell immer mehr Informationen aus den Profilen der Facebook-Mitglieder für einen stetig wachsenden Kreis von Menschen als Standardeinstellung abrufbar wurden. Facebook-Mitglieder können zwar die Einstellungen ändern, aber das wird immer komplizierter. Die Nutzer müssen etwa für etliche Kategorien von Informationen separat entscheiden, wem sie verfügbar gemacht werden sollen.
Im Internet kursieren Grafiken, in denen diese Entwicklung eindrucksvoll verdeutlicht wird: Jedes Feld in der Grafik steht für eine Kategorie von Information - zum Beispiel Fotos, Geburtstag oder Freunde - und für den Kreis von Menschen, die sie potentiell auf Facebook abrufen können. Das Feld wird mit Farbe unterlegt, wenn die Standardeinstellung von Facebook einer bestimmten Gruppe das Abrufen der Kategorie erlaubt. Die Grafiken zeigten an, wie sich im Laufe der Jahre immer mehr Felder mit Farbe gefüllt haben. Die „New York Times“ verfolgte den Umfang der Privatsphärenpolitik von Facebook im Laufe der Jahre: Im Jahr 2005 hatten die Regeln demnach 1004 Wörter, nun sind es 5830 - mehr als die amerikanische Verfassung hat. Zuckerberg versprach am Montag, Facebook werde die Komplexität reduzieren und den Nutzern eine einfachere Kontrolle der Privatsphäre erlauben.
Während er mit seiner Belegschaft im Moment fieberhaft versucht, der gegenwärtigen öffentlichen Aufregung Herr zu werden, muss er zusehen, wie ihn die Vergangenheit einholt. So kam ein alter Nachrichtenaustausch zwischen ihm und einem Freund aus den frühen Facebook-Tagen ans Licht, der ihn in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheinen lässt, was seine Auffassung von Datenschutz betrifft. Damals war Zuckerberg 19 Jahre alt, ging auf die Eliteuniversität Harvard, die Seite hieß noch „The Facebook“ und war eine Plattform für seine dortigen Studienkollegen. In dem Dialog, dessen Authentizität von Facebook nicht bestritten wurde, brüstet sich Zuckerberg damit, mehr als 4000 E-Mails, Fotos und Adressen gesammelt zu haben. Als sein Freund nachfragte, wie er das geschafft habe, antwortete er: „Sie vertrauen mir. Vollidioten.“
Schon im zweiten Absatz schüttelt es mich.
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 25.05.2010, 11:59 Uhr
Fieses Geschäftsmodell
Engelbert Kühlwetter (wallibelli)
- 25.05.2010, 12:28 Uhr
Bei Facebook ist man absolut freiwillig - und unter den Mitgliedern
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 25.05.2010, 12:35 Uhr
Das Problem...
Carsten Cavelius (netzmonschda)
- 25.05.2010, 12:55 Uhr
So harmlos ist Facebook nicht
Marvin Parsons (mapar)
- 25.05.2010, 13:32 Uhr