10.01.2010 · In Las Vegas feiern viele elektronische Lesegeräte ihre Premiere. So wird die Verlagsbranche in den kommenden Monaten zahlreiche teure Neuzugänge in ihrem digitalen Buchgeschäft verzeichnen. Doch nicht alle dürften für die breite Leserschaft erschwinglich sein.
Von Roland Lindner, Las VegasDer Online-Händler Amazon.com hat im Weihnachtsgeschäft einen Meilenstein in seinem Geschäft mit dem digitalen Lesegerät Kindle und zugehörigen elektronischen Büchern erreicht: Am ersten Feiertag sind auf den Amazon-Seiten nach Angaben des Unternehmens zum ersten Mal mehr Kindle-Titel gekauft worden als physische Bücher. Der Kindle und andere solche E-Reader gehörten ohne Zweifel zu den Erfolgsgeschichten der Konsumelektronik im vergangenen Jahr. Der Markt ist zwar insgesamt noch nicht allzu groß, wächst aber rasant und lockt viele neue Anbieter an. Das zeigt sich auf der CES. Dort werden dieser Tage eine Fülle neuer Lesegeräte gezeigt. Amazon selbst ist zwar nicht in Las Vegas vertreten. Es brachte sich in dieser Woche aber ebenfalls mit der Ankündigung ins Gespräch, die Großversion seines Lesegeräts mit dem Namen „Kindle DX“ auch außerhalb der Vereinigten Staaten zu verkaufen. Den regulären Kindle können Kunden aus anderen Ländern schon seit Oktober bei Amazon bestellen.
In Las Vegas gab es die Premiere des vom kalifornischen Unternehmen Plastic Logic hergestellten Lesegeräts Que. Plastic Logic hat seine Produktion in Dresden. Der Que ist in der Branche mit Spannung erwartet worden. Allerdings stieß seine Vorstellung bei der Messe auf Ernüchterung, als der Preis bekannt wurde: Das Gerät kostet in der Standardfassung 649 Dollar, die Version mit höherer Speicherkapazität und schnellerem Internetzugang wird sogar bei 799 Dollar liegen. Der Kindle kostet je nach Version 259 oder 489 Dollar.
Schwerpunkt liegt nicht mehr nur auf dem Lesen
Plastic Logic grenzt sich aber klar von der bisherigen Konkurrenz ab und positioniert den Que als Gerät für die geschäftliche Nutzung. Der Que eignet sich zwar ebenso wie der Kindle und andere Wettbewerber zum Lesen von Büchern, der Schwerpunkt liegt aber in der Darstellung und Bearbeitung von Dokumenten. Vorstandsvorsitzender Richard Archuleta sagte bei der Vorstellung, der Que solle für eine „papierlose Aktentasche“ sorgen. Die Ausrichtung auf den professionellen Markt zeigt sich auch daran, dass der Que mit dem von vielen Geschäftsleuten genutzten Multimediahandy Blackberry kommunizieren kann. So können per E-Mail auf dem Blackberry erhaltene Dokumente drahtlos an das Gerät übertragen werden. Der Que verfügt auch über ein System, das eine bessere Darstellung von Zeitungen und Zeitschriften ermöglicht, und Plastic Logic kündigte eine Reihe neuer Partnerschaften mit Publikationen wie dem „Wall Street Journal“ an. Ebenso wie der Kindle erlaubt auch der Que keine Farbdarstellung. Der höhere Preis dürfte sich unter anderem mit der Bildschirmtechnologie erklären: Der Bildschirm des Que ist aus Plastik und somit robuster als Geräte, die Glas einsetzen. Der Que soll in Amerika im April auf den Markt kommen, zu einem Startdatum in Europa wurde noch nichts gesagt.
Nicht billig ist auch der vom koreanischen Unternehmen Samsung vorgestellte E-Reader, der je nach Ausstattung 399 oder 699 Dollar kosten soll. Das Samsung-Produkt unterscheidet sich von Wettbewerbern unter anderem dadurch, dass auf dem Bildschirm mit einem mitgelieferten Stift Notizen gemacht werden können. Zum Kreis der in Las Vegas vorgestellten Lesegeräte gehört auch der Skiff, hinter dem der amerikanische Medienkonzern Hearst steht. Der Skiff ist sehr dünn und außerdem biegsam, möglich wird dies durch eine Metallfolie im Bildschirm. Ein Preis wurde noch nicht genannt. Aufhorchen ließ in Las Vegas auch das amerikanische Unternehmen Qualcomm, das sonst vor allem für seine Mikrochips bekannt ist, die in Handys oder anderen Geräten eingebaut werden. Qualcomm präsentierte eine Bildschirmtechnologie für Lesegeräte, die Farbdarstellung erlaubt und auch Videos anzeigen kann. Qualcomm sucht nach Partner, die dieses System mit dem Namen Mirasol auf ihren Geräten unterbringen. Das Unternehmen stellt in Aussicht, dass noch in diesem Jahr ein Gerät mit der Technologie auf den Markt kommt.
Amazon macht ein großes Geheimnis um sein Kindle
Wie viel Momentum der Markt für Lesegeräte wirklich hat, ist etwas schwer zu beurteilen, zumal Amazon jenseits kleiner Informationshappen ein großes Geheimnis um sein Kindle-Geschäft macht und keine konkreten Verkaufszahlen für das Gerät nennt. Auch dürfte der Nachfrageschub bei elektronischen Büchern von Amazon zu Weihnachten noch nicht die Regel sein, sondern damit zu tun haben, dass viele Verbraucher eine Kindle geschenkt bekommen und mit digitalen Büchern gefüllt haben. Amazon-Vorstandschef Jeff Bezos sagte im Herbst, dass bei Büchern, die für den Kindle verfügbar sind, die Verkaufszahlen der elektronischen Fassung 48 Prozent der Absätze der gedruckten Version erreichen. Das ist aber ebenfalls ein dramatischer Anstieg: Vor knapp einem Jahr hat Bezos noch von 13 Prozent gesprochen.
In der gesamten Branche ist das Gewicht der digitalen Bücher noch geringer. Nach Angaben des Verlegerverbands Association of American Publishers erreichten elektronische Titel in den ersten zehn Monaten 2009 einen Anteil von 3 Prozent am Buchmarkt. Die Tendenz geht aber klar nach oben: Der Umsatz in diesem Zeitraum von 131 Millionen Dollar bedeutete einen deutlichen Sprung gegenüber dem Vorjahreswert von 47 Millionen Dollar. Der Markt wird sich in diesem Jahr nach Auffassung von Branchenexperten deutlich ausweiten, sowohl bei den elektronischen Büchern als auch bei den Geräten. Das Marktforschungsinstitut Forrester Research erwartet, dass 2010 in Amerika sechs Millionen digitaler Lesegeräte verkauft werden – und damit doppelt so viele wie im vergangenen Jahr.