07.01.2010 · Auf der Consumer Electronics Show CES will die Branche Aufbruchstimmung verbreiten. Für das neue Jahr wird Stabilisierung erwartet. Neue Produkte sollen dabei helfen. Neben Apple bleibt auch Google der CES fern. Den Startschuss für die Messe gibt traditionell Microsoft mit der Eröffnungsrede.
Von Roland Lindner, Las VegasNach einem schwierigen Jahr soll die Elektronikmesse CES in Las Vegas Aufbruchstimmung in der Technologiebranche verbreiten. Darauf setzt Shawn DuBravac, Chefökonom des Branchenverbands Consumer Electronics Association (CEA), der die Veranstaltung organisiert. „2010 ist das Jahr der Erholung und des Wiederaufbaus“, sagte er kurz vor der Messe, die am Donnerstag offiziell beginnt. Der Verband verspricht eine an Neuheiten und Trends reiche Show – und versucht, sich unbeeindruckt davon zu geben, dass die beiden Branchengiganten Google und Apple in diesen Tagen andere Schauplätze für die Präsentation neuer Produkte vorziehen. Gleichwohl will sich die CEA nicht zu allzu kühnen Prognosen hinreißen lassen: Für 2010 sagt sie einen gegenüber dem schwachen Vorjahreswert unveränderten Umsatz in der Konsumelektronik voraus.
Die Elektronikindustrie wurde im vergangenen Jahr nicht von der Wirtschaftskrise verschont. Der gesamte Einzelhandelsumsatz auf der Welt schrumpfte nach Angaben der CEA um 2 Prozent auf 681 Milliarden Dollar. Der Rückgang verlief damit zwar glimpflicher als in manchen anderen Branchen, war aber trotzdem eine herbe Enttäuschung. Denn in den vorangegangenen drei Jahren hatte es noch jeweils Zuwachsraten zwischen 14 und 17 Prozent gegeben.
Insgesamt sind rund 2500 Aussteller vertreten
Die trübe Stimmung schlug sich auch auf der CES vor einem Jahr nieder: Nur 113.000 Besucher kamen zur Messe nach Las Vegas, in den drei Jahren zuvor waren es jeweils mehr als 140.000. In diesem Jahr stellen sich die Veranstalter wieder auf eine überschaubare Menge von 110.000 Besuchern ein, aber sie verweisen auf andere Signale für eine verbesserte Stimmungslage. So habe die CES in diesem Jahr 330 neue Aussteller und damit so viele wie noch nie. Außerdem sind einige prominente Unternehmen wie der Elektronikkonzern Philips, die sich die Messe im vergangenen Jahr gespart haben, zurückgekehrt. Insgesamt sind rund 2500 Aussteller auf der Messe vertreten.
Zu der schwachen Entwicklung der Branche im vergangenen Jahr hat vor allem der nordamerikanische Markt beigetragen, wo es nach CEA-Angaben ein Umsatzminus von 12 Prozent gab. Westeuropa habe dagegen mit einem Wachstum von 2 Prozent deutlich besser abgeschnitten – wobei der Verband dies damit erklärt, dass sich die Krise hier erst zeitversetzt stärker bemerkbar macht. Für das laufende Jahr wird in Europa ein Umsatzminus von 9 Prozent erwartet, in Nordamerika werde es einen abermaligen Rückgang von 3 Prozent geben.
Westeuropa stand im Jahr 2005 noch für 21 Prozent des Weltmarktes
Diese Einbußen würden durch Wachstum in Regionen wie Asien und dabei vor allem China wettgemacht. Damit beschleunigt sich der schon einige Jahre andauernde Bedeutungsverlust der westlichen Nationen für die Konsumelektronik. Westeuropa stand im Jahr 2005 noch für 21 Prozent des Weltmarktes, in diesem Jahr werden es nach CEA-Schätzungen noch 17 Prozent sein. Nordamerika werde 2010 noch auf 19 Prozent kommen, vor fünf Jahren waren es 24 Prozent. „Die Tage der Dominanz Nordamerikas und Westeuropas in der Elektronik sind gezählt“, sagte CEA-Analyst Steve Koenig.
Freilich gab es bei aller Trübsal auch im vergangenen Jahr Erfolgsgeschichten: Apple freute sich über reißenden Absatz bei seinem Multimediahandy iPhone und wurde damit zum Motor für das ganze Segment dieser sogenannten Smartphones, die jenseits des Telefonierens viele traditionelle Computerfunktionen wie E-Mail übernehmen. Die Geräte etablieren sich immer mehr in der breiten Öffentlichkeit. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Forrester Research entfielen Ende 2009 rund 17 Prozent aller Mobilfunkverträge von amerikanischen Erwachsenen auf solche Alleskönnerhandys, ein Jahr zuvor waren es 11 Prozent.
Ihren Höhenflug fortsetzen konnten Mini-Laptops oder Netbooks
Zu den Gewinnern gehörten im vergangenen Jahr auch digitale Lesegeräte wie der Kindle des Online-Händlers Amazon, deren Absatz sich nach CES-Schätzungen in Amerika fast vervierfachte. Ihren Höhenflug fortsetzen konnten Mini-Laptops oder Netbooks, deren Absatz sich mehr als verdoppelte. Nach einem langsamer als erwarteten Start finden auch Bluray-Spieler offenbar immer mehr Anhänger: Bluray hat sich vor zwei Jahren als neuer Standard für DVDs der nächsten Generation durchgesetzt, mit dem Filme in hoher Auflösung gezeigt werden können. Der Anteil von Bluray-Geräten am gesamten DVD-Markt stieg im vergangenen Jahr nach Angaben der CEA von 5 auf 12 Prozent, in diesem Jahr rechnet der Verband mit einem Sprung auf 28 Prozent.
Auf der CES werden die Aussteller an einige dieser Entwicklungen anknüpfen: So wird in Las Vegas eine Vielzahl neuer elektronischer Lesegeräte erwartet. Zu den Premieren wird der E-Reader „Que“ des kalifornischen Unternehmens Plastic Logic gehören, der in Dresden produziert wird. Das Gerät unterscheidet sich von der Konkurrenz durch seinen biegsamen Kunststoffbildschirm.
Neben Apple bleibt auch Google der CES fern
Auch Mini-Laptops werden in Las Vegas wieder eine große Rolle spielen, und dieses Segment fragmentiert sich weiter. Einige Unternehmen stellen Geräte vor, die nochmals kleiner und billiger sind als die bislang angebotenen Netbooks und vor allem als Vehikel für die Internetnutzung gedacht sind. Die Branche hat dafür den neuen Begriff „Smartbooks“ ins Leben gerufen.
Ein zentrales Messethema wird auch eine andere Computerkategorie sein, aber das Unternehmen, auf das die Branche dabei mit Spannung blickt, fehlt in Las Vegas. Apple wird aller Voraussicht nach Ende Januar seinen lange erwarteten Tablet-Computer vorstellen. Es soll eine Mischung aus Laptop und iPhone sein, die als Plattform für Internetnutzung oder Videospiele ebenso dient wie zum Lesen digitaler Bücher und Zeitschriften. CEA-Chefökonom DuBravac weist trotzig darauf hin, dass Tablets sich auf der CES als vielversprechendes neues Segment herauskristallisieren werden – auch ohne Apple. Tatsächlich dürften einige Unternehmen in Las Vegas Tablets präsentieren. Der chinesische Computerhersteller Lenovo machte schon am Dienstag den Anfang mit einem verwandelbaren Laptop, dessen Bildschirm herausgenommen und als Tablet genutzt werden kann.
Den Startschuss für die Messe gibt traditionell der Softwarekonzern Microsoft
Neben Apple bleibt auch Google der CES fern und hat stattdessen am Dienstag an seinem Firmensitz in Mountain View sein erstes eigenes Handy mit dem Namen „Nexus One“ enthüllt. Trotzdem wird die Präsenz beider Unternehmen in Las Vegas zu spüren sein. Das Handy-Betriebssystem Android von Google dürfte sich auf einer Reihe neuer Smartphones und anderer Produkte finden. Der deutsche Autozulieferer Continental demonstriert in Las Vegas ein Multimediasystem fürs Auto auf Basis von Android. Erstmals wird die CES eine separate Ausstellungsfläche mit dem Namen „iLounge“ für Unternehmen haben, die Accessoires für Apple-Produkte wie das iPhone oder den Musikspieler iPod anbieten.
Den Startschuss für die Messe gibt traditionell der Softwarekonzern Microsoft mit der Eröffnungsrede am Vorabend des Messebeginns. Der Auftritt des Microsoft-Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer stand für den Mittwochabend amerikanischer Zeit auf dem Programm. Microsoft hat ein schwieriges Jahr hinter sich: Erstmals in seiner Geschichte erlitt das Unternehmen einen Umsatzrückgang und sah sich zu Entlassungen in großem Umfang gezwungen. Allerdings konnte sich Microsoft auch über gute Resonanz auf einige neue Produkte freuen, etwa die Neuauflage des Betriebssystems Windows für Personalcomputer oder die Internetsuchmaschine Bing. Im Vorfeld der Rede von Ballmer wurde spekuliert, dass auch Microsoft auf der CES einen Tablet-Computer präsentieren könnte.
Die Consumer Electronics Show (CES) findet in diesem Jahr zum dreiundvierzigsten Mal statt und dauert vom 7. bis zum 10. Januar. Die Messe richtet sich ausschließlich an Fachbesucher - und unterscheidet sich damit von ihren beiden großen deutschen Konkurrenten, der Computermesse Cebit in Hannover und der Funkausstellung Ifa in Berlin.
Traditionell ist die CES eine Bühne für Unternehmen mit dem Schwerpunkt Unterhaltungselektronik, also zum Beispiel Hersteller von Fernsehgeräten oder Kameras. In den vergangenen Jahren hat sich die Messe aber immer breiter aufgestellt und ist auch zu einer Plattform für große Adressen aus der Informationstechnologie geworden, mit prominenten Ausstellern wie dem Softwarekonzern Microsoft oder dem Chiphersteller Intel. In der Geschichte der CES haben einige sehr prominente Produkte ihre Premiere gefeiert. Im Jahr 1970 wurde hier der Videorekorder vorgestellt, im Jahr 1981 der Camcorder, im Jahr 2001 die Videospielekonsole Xbox von Microsoft und im Jahr 2003 Bluray-Player.
Die CES verteilt sich auf mehrere Hotels und Ausstellungshallen rund um die Amüsiermeile „Strip“, wo die berühmtesten Kasinos der Stadt stehen. Die meisten großen Aussteller sind im Convention Center, die Hauptreden („Keynotes“) finden im Hilton-Hotel statt, und auch das der Stadt Venedig nachempfundene Hotel Venetian ist Schauplatz einiger Veranstaltungen. Viele Firmen präsentieren sich abseits des großen Menschenstroms in Hotelsuiten, wobei Besucher oft nur auf persönliche Einladung Zutritt bekommen. Hier werden zum Beispiel Produkte gezeigt, die noch weiter in der Zukunft liegen, und Gäste müssen sich zu Stillschweigen verpflichten.