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Computersteuerung Fingerzeig in die Zukunft

 ·  Ein kleiner Kasten könnte die Computerbedienung grundlegend ändern: Der Leap-Motion-Sensor erfasst Gesten mit noch nie gesehener Genauigkeit. PC-Nutzer werden zu Dirigenten ihres Software-Orchesters.

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© Dreamworks „Minority Report“: Im Film navigiert Tom Cruise allein mit Gesten durch Bild und Video. Diese Vision könnte jetzt Realität werden

Wie wird künftig der Computer bedient? Die steile These junger Tüftler aus Amerika lautet: Mit Fingerzeigen und immer weniger Hardware. Wie soll das funktionieren? Wer einen Blick in die Zukunft werfen will, darf die Vergangenheit nicht aus dem Auge verlieren. Die Geschichte der PC-Technik ist eine der fortwährenden Vereinfachungen.

Wurden Großrechner in den Anfangszeiten nur von geschultem Fachpersonal in klimatisierten Räumen in Betrieb gehalten, änderte der „Personalcomputer“ seit Mitte der 1970er Jahre alles. Einen Apple, Commodore, Olivetti, Tandy oder IBM konnte man privat kaufen und selbst im Arbeitszimmer aufbauen. Eine Revolution.

Zigarettenschachtelgroßes Dirigiergerät

Anfangs arbeitete man nur mit der Tastatur und speziellen Steuercodes oder Funktionstastenbefehlen. Wer in frühen Jahren mit der Textverarbeitung jonglierte, musste wissen, dass man etwa in Word Perfect (von 1982 an) für das Druckmenü die Tastenkombination Shift-F7 aufzurufen hatte. F7 allein wurde zum Verlassen des Dokuments betätigt, und gewiefte Spezialisten hatten selbst solche Befehlsungetüme wie Shift+F8, 3, 2 für den Aufruf der Standardcodes im Kopf.

Die Computermaus und die grafische Bedienungsoberfläche änderten alles. Was Xerox erfunden und Apple für seine „Lisa“ lizenziert hatte, war zunächst nicht erfolgreich. Erst der Macintosh begründete von 1984 an den Siegeszug der Maus. Mit dem zigarettenschachtelgroßen Dirigiergerät auf Rollen wählte man Symbole auf dem Bildschirm, anschließend führte die Maschine das gewünschte Kommando aus.

Das Ganze wirkte schick, zumindest auf dem Mac. In der Welt von Microsoft gefiel die Maus nicht jedem. Geübte PC-Nutzer waren mit den gewohnten Tastaturkürzeln schneller, die Maus-Integration in DOS blieb stets holprig. Jahrelang ärgerte man sich über mal sechs, mal neun, mal fünfundzwanzigpolige Stecker, fehlerhafte Treibersoftware und die Unterschiede zwischen seriellen und Bus-Mäusen. Windows, das im November 1985 erschien, änderte das, wenngleich die meisten Profis erst mit Windows 3.x von den 90er Jahren an auf die grafische Oberfläche umstiegen.

Die nächste Zäsur der PC-Bedienung soll der berührungsempfindliche Bildschirm sein, wie er nun von Windows 8 protegiert wird. Der Touchscreen hat sich auf den Smartphones bewährt, zwei Welten wachsen jetzt zusammen, meint Microsoft. In der Tat findet man auf einem Windows-Phone-8-Handy die gleichen großen Kacheln vor, die den Startbildschirm des jungen PC-Betriebssystems schmücken. Groß sind die Kacheln, damit man sie mit dem Finger zielsicher trifft. Der Tipp auf den Bildschirm gilt als intuitiv und schnell. Aber die Bedienung via Fingerstreich hat etliche Nachteile: Komplexere Aufgaben gelingen auf diese Weise nicht, dafür sieht Windows 8 die gewohnte Desktop-Oberfläche als zweite Menüebene vor. Wer Fingerfertiges auf einem opulenten Breitbildmonitor erledigen will, muss sich zudem nach vorn beugen oder gar aufstehen: Windows 8 als Fitnesstrainer. Nicht zuletzt sei auf die Spuren von Fingerfett hingewiesen, die sich unvermeidbar auf dem Display zeigen. Begeisterung geht anders.

Zurück zur Maus. Ein halbes Jahr vor der Kinopremiere des Science-Fiction-Dramas „Minority Report“ schrieb „Technik & Motor“-Autor René Meyer hier zum 40-jährigen Jubiläum der Computermaus: „Ob die Maus auch in ein paar Jahren immer noch im weißen Plastikgehäuse neben der Tastatur steht, weiß niemand. Vielleicht navigieren wir dann mit Handschuhen durch die 3D-Welten besonders fortschrittlicher Bildschirmoberflächen.“ Im Juni 2002 sah man dann in dem Steven-Spielberg-Film diese kryptische Andeutung nahezu perfekt umgesetzt: Tom Cruise steht vor einer übergroßen Videoleinwand und navigiert mit seinen Händen durch nahezu unendliche Bestände aus Film und Bild. Allein mit Gesten wischt er Material zur Seite, zoomt in Ausschnitte hinein, mit den Fingern wird dirigiert, und das Ganze ist viel schneller und effektiver als jede bisher gesehene Computersteuerung.

Bewegungen von einem hundertstel Millimeter

Eine solche Gestenerkennung lieferte dann Microsoft 2010 mit seiner Spielekonsolen-Erweiterung Kinect, die mittlerweile auch für Windows zur Verfügung steht. Kinect erfasst Bewegungen der Hände, Arme und Beine. Die Technik arbeitet mit Infrarotlicht, jede Bewegung wird durch Reflexionen im Raum detektiert.

Während Kinect in der räumlichen Gestenerkennung relativ grobschlächtig zu Werke geht, will nun das junge amerikanische Startup Leap Motion eine präzise dreidimensionale Erkennung von Gesten zu einem Gerätepreis von vergleichsweise günstigen 70 Dollar anbieten. Leap Motion hat das Konzept vor einem Jahr präsentiert, die ersten Vorführungen waren spektakulär: Der Bewegungssensor, der ungefähr die Größe eines USB-Sticks hat, wird vor dem Monitor befestigt und erfasst im Raum ein Volumen von etwas mehr als 100 Liter. In diesem Bereich kann man mit Händen, Fingern oder anderen Objekten den Computer per Gesten steuern.

Der Pfiff ist die hohe Empfindlichkeit, die Leap Motion bei Fingerbewegungen mit einem hundertstel Millimeter angibt. Leider verrät das kalifornische Unternehmen bis heute nicht, welche Technik dahintersteckt. Dass die Hardware mit Infrarotlicht und Kameras arbeitet, kann wohl angenommen werden. Aber das Ganze sieht in Demonstrationen geradezu unglaublich perfekt aus. So kamen schnell Bedenken auf, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Indes hat das Startup mittlerweile einige Millionen Dollar Risikokapital gesammelt, Vorführungen für Hunderte von Journalisten absolviert und einen Vertrag mit Asus geschlossen, wonach der Leap-Motion-Sensor noch in diesem Jahr zur Serienausstattung der hochwertigen Baureihen des taiwanischen PC-Herstellers sein wird.

In Zukunft ohne Maus und Tastatur

Jetzt ist Leap Motion bei fast zehntausend unabhängigen Entwicklern angekommen, die ihre Apps für den Sensor erstellen. Die Programmierer haben erste Videos ins Netz gestellt, und abermals gerät man ins Staunen: Da spielt jemand Klavier ohne Klaviatur, und der Nächste wirbelt Drumsticks durch die Luft, um ein virtuelles Schlagzeug zu spielen. Spiele übrigens lassen sich allein mit Finger oder Hand steuern, und beim Ego-Shooter sollte man nicht mit dem Zeigefinger zucken. In weniger als 24 Stunden hat eine andere Entwicklergruppe eine Leap-Motion-Steuerung für die Parrot-Flugdrohne programmiert. Die Bewegungen der gesamten Hand werden vom Sensor erfasst, und das Fliegen des Quadcopters ist damit einfach wie nie. Ganz dicht an „Minority Report“ ist eine Lightroom-Ergänzung, die das Manövrieren mit Fingergesten durch Abertausende von Bildern erlaubt. Diese und andere Videos zeigt Youtube mit der Suche nach „Leap Motion“. Zwar sind noch nicht alle Zweifel aus der Welt geräumt. Die Technik wirkt zu schön, um wahr zu sein. Wenn sie aber tatsächlich funktioniert, ist sie eine Revolution.

Wie bei Smartphones und anderen Technologieträgern emanzipieren sich die Bediensysteme von der Hardware. Das iPhone hat nur noch eine Taste, der Nachfolger vielleicht keine. In dieser Blickrichtung arbeitet der Rechner der Zukunft ohne Maus und Tastatur. Er wird allein mit Gesten und Sprache bedient, und anstelle des Monitors gibt es Projektionen im Raum. Die Hardware macht sich überflüssig, die Funktionen bleiben. Sämtliche Informationstechnik wird zu einer Umwelt, die immer und jederzeit verfügbar ist. Die Cloud war erst der Anfang.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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