26.11.2008 · Näher an die Natur hat bislang kein Computerspiel herangeführt als „Motorstorm“. Die neue Version der schlammigen Rallye-Raserei erobert die pazifische Inselwelt, ständig den Tod durch Explosion oder Absturz vor Augen.
Von Klaus UngererWarum macht das Spaß? Die ewige Frage beim Spielen, die ewige Frage bei allem Verbotenen, Tabuisierten, was man sich als mutmaßlicher Kulturmensch dennoch von Zeit zu Zeit in ästhetisierter Form zu Gemüte führen mag. Was schlummert da in einem – wenn man sich manchem bestialischen Mord nicht entziehen mag, so er denn im Fernsehen mit angemessen düsterem Chic in Szene gesetzt worden ist? Woher rührt das Vergnügen an der Aggression – wenn man im Brettspiel noch den eigenen Bruder auszulöschen willens ist?
Der männliche Mensch ist schlecht, das lungert in ihm drin, und wenn sich je ein Forscherteam in den Schlagzeilen finden wird, welches die urzeitmännlichen Gewaltgene planetenumspannend rasch ausschalten kann, so wünschen wir bestes Gelingen. Bis dahin aber, und es hat keinen Sinn, es zu leugnen, bis dahin sind wir auf uns selbst verwiesen, auf das ewige Rumoren und Blubbern in uns, den Gruß der Savanne, wo wir uns in den Bäumen balgten und kreischten.
Zurück in den Dreck
Bis dahin setzen wir uns, vielleicht mit einem weiteren befreundeten Spätaffen in traulicher Runde, immer wieder gerne einmal vor den einen oder anderen Gewaltsimulationskasten – und wenn es ein High-End-Gerät wie die Playstation 3 ist, so können wir uns nicht nur an Explosionen, Lärm, Krachmusik, Geschwindigkeitsrausch, am Morden und Jagen erfreuen, welche allesamt den Räuschen in Kino und Fernsehen kaum nachstehen – nein, wir können sogar wieder Fühlung aufnehmen mit einer lange vergessenen Leidenschaft aus Kindertagen: Dreck.
Als die Playstation 3 vor zwei Jahren auf den Markt kam, zeigte man sich beeindruckt von ihrer leis brummenden, schwarz schimmernden, hyperaufgespritzten Super-Rechenkraft – blieb aber angesichts der Spiele auch ein wenig ratlos. Denn oft ging das optische Spektakel mit Vernachlässigung des Spielwitzes einher, oft schien dem Hochglanzerleben die Seele zu fehlen. Eine der wenigen Ausnahmen war das großartige „Motorstorm“, ein aberwitziges Rallye-Rennspiel von ganz besonderer Güte: „Die Staub- und Schlammeffekte sind herausragend“, urteilte seinerzeit ein Fachmagazin. „Auf schlammigem Untergrund schleudern die vorausfahrenden Wagen reichlich Dreck auf die eigene Motorhaube.“
Motormachos in Monument Valley
Und die Schlammspritzer auf der Motorhaube und die tiefen Furchen, welche unsere Reifen im Untergrund hinterließen, waren nur die zartesten und unscheinbarsten Boten einer tiefer greifenden Idee: das Urtümlich-Barbarische an jeder Motorsportbegeisterung noch zu vertiefen und zu Ende zu denken. Keine hübsch beklebten Rallye-Autos fuhren da um die Wette, nicht ging es zwischen freundlich interessierten Dörfern über Wald und Feld. Sondern der Motorstorm-Rennzirkus entwarf eine eigene harsche Macho-Welt, die sich von der Ästhetik der Mad-Max-Filme inspirieren ließ und somit schon vom Ende aller Zivilisation, wie wir sie kennen, kündete.
Und sie lokalisierte ihre dröhnende, aggressive, schlammig beglückende Raserei im vielleicht urtümlichsten Authentizitäts-Ambiente, das sich hätte finden lassen: der allseits beliebten Westernkulisse Monument Valley, welche den Menschen wie wenige Orte auf die eigene Nichtigkeit und Niedrigkeit wirft; ein Ort, der das Rohe, Karge mit dem Heiligen verschränkt – und den zu schänden dem Motormacho in uns das größtmögliche Glück und die größtmögliche Befriedigung bescherte.
Zurück zur Natur
Näher an ein ehrfürchtiges Naturerlebnis war man bislang im Computerspiel noch nie gekommen: Die antizivilisatorische, sinnbefreite Raserei, die ständigen Tod durch Explosion oder Absturz mit orgiastischer Partystimmung verschränkte, sie öffnete den Spieler für die Erhabenheit der Naturkulisse, und die Rennstrecken in ihrer Wechselhaftigkeit und Gnadenlosigkeit erzeugten einen Sog der Unterwerfung, die selbst beim Rennsieger notwendig erlebt wurde: Überlebt! Das war der Hauptimpuls beim Erreichen des Ziels, auch wenn man unterwegs diverse Male zerschellt oder sonst irgend detailreich geschrottet und dann wie neu wieder auf die Strecke gesetzt worden war.
Wie sehr passt es uns also in den Kram, dass die ja so segensreiche und besinnliche Weihnachtszeit, welche wir im Spätkapitalismus alljährlich erleben dürfen, nun einer neuen Beschmutzung und also, wie wir glauben wollen, seelischen Reinigung zugeführt werden kann: Für die Playstation 3 ist jetzt die neugierig erwartete Fortsetzung des großen Schlammrutschervergnügens erschienen: „Motorstorm: Pacific Rift“, und somit stehen wir einmal mehr vor der Antwort auf die Frage: Draufsatteln wollen – ist das im Erfolgsfall eigentlich sinnvoll?
Wer will schon Innovationen?
Das Monument Valley jedenfalls hat ausgedient, plattgefahren vielleicht; vielleicht aber auch hat es den Motorenzirkus lange vergessen, nur umherliegender, bleichender Schrott gemahnt noch daran. Der Motorstorm-Zirkus aber und seine Überlebenden, sie sind weitergezogen, lassen sich und ihre Gefährte auswerfen über einer tropischen, vulkanischen Insel. Und vom Umfang her ist für mehr Unterhaltung gesorgt als beim ersten Teil der Verwüstung: Sechzehn Rennstrecken dürfen abgebraust werden mit Motorrad, Quad, Buggy, Rennauto oder Killer-LKW, und somit doppelt so viele wie beim ersten Teil.
Vom Spielerischen hat sich nicht übertrieben viel getan. Ein paar kleine Aggressiönchen kann man austeilen nach links oder rechts, piff und paff, ein neues Gefährt ist hinzugekommen, und seinen vorübergehend zuschaltbaren Super-Boost-Antrieb kann man nun im Vorbeirasen in Pfützen oder Schlammbezirken kühlen. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Der Star ist die Landschaft, und sie hat dieses Mal mehr Abwechslung zu bieten, weniger wüstenkarge Prägnanz. Im Dschungel ist man genau so unterwegs wie man über Strände brettert oder sogar über längere Strecken durch flacheres Wasser, und dank einem aktiven Vulkan auf der namenlosen Pazifikinsel wurde der reichen Varianz an Arten des Scheiterns nun eine sehr spektakuläre weitere Todesart hinzugefügt: Verspringt man sich bei der wilden Jagd, so kann man auch gut einmal in heißglühender Lava landen. Ein wenig verspielter kommt Pacific Rift daher als sein Vorgänger, ein wenig weicher, schlickiger, nasser – im Gameplay nichts Neues, krittelt die Innovatorenlobby. Aber – Innovationen? Welcher von uns Urzeitmenschen interessiert sich schon für die?