25.01.2008 · In Großunternehmen ist es gang und gäbe: Die Programme des Arbeitsplatz-PCs laufen übers Netz. Und zu Hause? Lieber Software kaufen oder kostenlose Angebote nutzen? Interessante Lösungen finden sich bereits im Internet.
Von Michael SpehrDer neue PC steht auf dem Schreibtisch und daneben ein Schuhkarton mit Standard-Software: Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, das E-Mail-Paket und der sündhaft teure Bildbearbeiter. Nun soll alles installiert werden, und für diese Aufgabe rechnen wir mit einem halben Tag am Computer. Original-CD oder -DVD einlegen, anschließend Lizenznummern eingeben, die gewünschten Verzeichnisse festlegen, warten, warten, warten, und wenn alles so weit ist: den Rechner neu starten (ja, es handelt sich um einen Windows-PC).
Die Prozedur haben wir oft genug erledigt, und mit der Installation allein ist es noch nicht getan: Man will ja auch die Textverarbeitung oder das E-Mail-System an seine persönlichen Gepflogenheiten anpassen. Das betrifft Erscheinungsbild, Ordner-Optionen, die privaten E-Mail-Konten und vieles mehr. Alles in allem eine unerquickliche Tätigkeit, die sich über Stunden hinzieht, als ob man sein Arbeitszimmer komplett neu einrichtet.
Die Alternative zu Kosten und Mühe
Es muss doch einfacher gehen, denken wir bei dieser Prozedur. Seit einem Vierteljahrhundert versenden wir unsere Daten von nahezu überall auf der Welt elektronisch. In den achtziger Jahren nutzten wir Datex P der Deutschen Bundespost und ein Analogmodem, um Texte von zu Hause in die Redaktion zu übertragen. Wenig später kam die E-Mail zum Einsatz, in der Regel weitergeleitet von einer Mailbox zur nächsten. So arbeiteten das Maus- oder Fido-Net. Manche E-Mails waren bereits nach wenigen Stunden zugestellt, andere brauchten Tage. Und nun kommt der nächste Schritt: die Software im Netz statt auf dem PC. Warum mit Kosten und Mühe eigene Programme kaufen und installieren?
Es gibt doch mittlerweile so gut wie alles im Internet mit webbasierter Technik, man muss sich um nichts mehr kümmern, kommt mit jedem Gerät an seine Daten, gegebenenfalls sogar mit dem Mobiltelefon. In Großunternehmen spricht man von „Saas“, „Software as a Service“, eine neue Geschäftsidee, bei der Programme in der Ferne von einem Dienstleister zur Verfügung gestellt werden.
Für die private Nutzung starten wir den Praxistest mit einem Notebook in der Werksausstattung. Der Internet Explorer und Wireless-Lan machen den Weg frei ins Netz, und wir landen als Erstes bei Google. Also dem umstrittenen Datenkraken, der bei jeder Gelegenheit sein eigenes Motto „Sei nicht böse“ konterkariert, werden uns gleich Dutzende von empörten Lesern zurufen.
Die eine E-Mail unter Tausenden
Was ist mit Googles Suchroboter, der in Googlemail zum Inhalt der E-Mail passende Anzeigen einblendet, also private Post nach bestimmten Schlüsselwörtern durchsucht? Was ist mit den Geschäftsbedingungen von Googles „Text und Tabellen“, wo man dem amerikanischen Unternehmen weitreichende dauerhafte und unwiderrufliche Rechte einräumt? Das alles sind berechtigte Einwände. Aber die Leute aus Kalifornien sind nun mal unglaublich kreativ, und wer gute Software im Netz sucht, kommt um Google kaum herum. Schon das E-Mail-Programm Googlemail ist spektakulär. Rund 7 Gigabyte stehen zur Verfügung, Platz für Zehntausende von Nachrichten. Man muss nie wieder irgendetwas löschen und findet doch die eine gesuchte E-Mail unter 29.523 in wenigen Sekunden.
Viele Kollegen nutzen derzeit Googlemail als ihr Hauptpostamt. Und sind sehr zufrieden, obwohl vieles fehlt. Eine sicherere Alternative ist Outlook Web Access, wenn man im Unternehmen einen Exchange-Server hat. Auch dann gelingt mit dem Internet Explorer oder einem anderen Browser sofort der Zugriff auf die Daten im Büro - keine lästige Synchronisation, sondern ein Echtzeitzugriff: Was man unterwegs oder zu Hause tut, geschieht stets auf dem Server. Windows Live von Microsoft bietet wie Googlemail viel Speicherplatz (5 Gigabyte), Adressverwaltung und Kalender. Auch hier wird Werbung eingeblendet wie bei allen anderen kostenlosen Anbietern à la Yahoo oder AOL.
Es muss nicht immer Google sein
Doch nun zur Kür: Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Vor 25 Jahren kam man um den eigenen „Editor“ oder ein leistungsfähigeres Schreibprogramm nicht herum. Heute bietet „Text und Tabellen“ von Google alle wichtigen Funktionen für die Formatierung, auch mit verschiedenen Schriftarten und Hervorhebungen wie „fett“ oder „kursiv“. Es gibt eine Rechtschreibprüfung, die Möglichkeit, Worte zu zählen, in verschiedenen Formaten zu exportieren (sogar als PDF), und man kann Kommentare, Querverweise oder Tabellen einfügen. Ferner lässt sich der Text für eine Arbeitsgruppe freigeben, auf dass sich unterschiedliche Autoren mit Vorschlägen oder Änderungen beteiligen. Natürlich gibt es etliche Einschränkungen: Fußnoten sowie Kopf- und Fußzeilen fehlen ebenso wie eine Seitenansicht. Auch die Tabellenkalkulation beschränkt sich auf das Wesentliche.
Gibt es Alternativen zu Google? Ajax Write (www.ajaxlaunch.com) bietet in englischer Sprache ein vergleichbares Angebot, orientiert sich stärker an Word, beherrscht aber ebenfalls nicht alle Details. Auf der Ajax-Technik basieren etliche neue Angebote, wie etwa Thinkfree Office (www.thinkfree.com). Sie stecken aber häufig noch in den Kinderschuhen. Und schließlich die Bildbearbeitung im Netz. Wer seine Fotos gern öffentlich präsentiert, kennt Picasa (von Google) oder Flickr (von Yahoo). Beide bieten rudimentäre Funktionen für das Aufpeppen der eigenen Schnappschüsse. Es gibt aber auch etliche webbasierte Programme für fortgeschrittene Aufgaben.
Noch nicht bis ins letzte Detail durchdacht
Mit Picnik (www.picnik.com) lassen sich Fotos zuschneiden und drehen, man kann Spezialeffekte anwenden, eine automatische Tonwertkorrektur vornehmen lassen oder mit hübschen Schriftzügen arbeiten. Ähnliches will demnächst der Vorreiter in Sachen Bildbearbeitung ebenfalls anbieten: Von Adobe wurde Photoshop Express angekündigt, ein Foto-Tool, das allein im Internet-Browser läuft. Hier gibt es die vom „großen“ (und teuren) Photoshop bekannten Werkzeuge wie den Reparaturpinsel oder die Möglichkeit, den Weißabgleich, die Farbsättigung sowie Tiefen und Lichter einzustellen.
Und wohin mit den Bilddateien? Wer auf die eigene Festplatte verzichten will, sucht Anbieter für Web-Speicherplatz. Auf www.kostenlos.de findet man flink Hunderte von Angeboten mit Kapazitäten im Gigabyte-Bereich. Und damit ist auch gleich die nächste Frage aufgeworfen: Wem will man sich anvertrauen, wie sieht es mit der Sicherheit der eigenen Daten aus? Die Steuererklärung oder persönliche Briefe wird wohl niemand bei einem Web-Dienst speichern. Und die Idee, seine private E-Mail in einem Internet-Café über den Internet-Explorer zu bearbeiten, ist ebenfalls nichts für skeptische Zeitgenossen.
Wer mit dem eigenen Notebook auf Reisen ist, kommt zwar am Bahnhof oder Flughafen sowie im Hotel mit Wireless-Lan leicht in „Hotspots“. Allerdings ist der Funkverkehr der öffentlichen W-Lan-Netze nicht verschlüsselt. Und gleich der nächste Einwand: Was macht der Bahnfahrer mit Notebook, UMTS-Modem und webbasierter Tabellenkalkulation, wenn er in einem der zahlreichen Funklöcher landet? So gesehen ist die Idee der Software aus dem Netz noch nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Vielleicht sind Hybridanwendungen, die einen Teil ihres Programmcodes doch wieder auf der Festplatte ablegen, eine bessere Lösung.
Es gibt auch andere denkbare Möglichkeiten.
Frank Himmelberg (handballer)
- 25.01.2008, 15:19 Uhr
wer ist noch nicht beim ADSL x e hoch x
Ingo Lange (Ingoatwork)
- 26.01.2008, 15:17 Uhr
Was ist eine undenkbare "Moeglichkeit"? Eine Moeglichkeit ist immer moeglich...
Daniel Kleiner (Kleinermann1)
- 26.01.2008, 15:45 Uhr
Google Textverarbeitung mit Kopf- und Fußzeile
Peter Rösch (peter_roesch)
- 26.01.2008, 21:01 Uhr
Netzgestützte Programme sind m.E. nur teilweise sinnvoll,...
Thomas Berger (tberger)
- 26.01.2008, 22:52 Uhr