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Chaos Computer Club Die neue Hack-Ordnung

02.01.2007 ·  Der „Chaos Computer Club“ hat sich verändert: In 25 Jahren sind aus anarchischen Technikfreaks digitale Bürgerrechtler geworden. Constanze Kurz repräsentiert die neue Zeit: weiblich, technikaffin, politisch engagiert.

Von Oliver Trenkamp
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Sie ist eine Frau. Schon dadurch fällt sie auf. Constanze Kurz, blonder Zopf, 32 Jahre alt, sitzt zwischen vier Männern auf dem Podium. Die Männer sprechen über Computer, über das Internet und darüber, was ihr Verein im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt hat. Es geht um „Vorratsdatenspeicherung“, um das „Informationsfreiheitsgesetz“ und um „Wahlcomputer“.

Eigentlich hätte Constanze Kurz genausoviel zu sagen wie die Männer, aber diesmal ist sie nur Moderatorin. Sie liefert die Stichworte, und manchmal drängt sie: „Bitte faßt euch kürzer, wir haben nur noch wenig Zeit.“ Sie selbst spricht immer schnell, fast hektisch. Weil sie so stark berlinert, wirkt ihr Tempo aber nicht unsicher. Bei dem Dialekt würden selbst Kurt Krömer und der verstorbene Günter Pfitzmann vor Neid erblassen. Im Publikum sitzen knapp 300 Männer und nur eine Handvoll Frauen. Einige balancieren einen Laptop auf dem Schoß. Viele lachen über Sprüche wie: „Die Humorfähigkeit der Polizei ist extrem ausbaufähig.“

Weiblich, technikaffin, politisch

Bis Samstag tagte der Kongreß des „Chaos Computer Clubs“ (CCC) in Berlin, eine Art Klassentreffen der Hacker-Szene, zu dem jedes Jahr knapp 3000 Technikbegeisterte anreisen. Das Motto diesmal: „Who can you trust?“ Wem kannst du trauen? Den CCC gibt es schon seit 25 Jahren, gegründet in den Redaktionsräumen der „taz“ an der ovalen Tafel der Kommune 1. Als „galaktische Gemeinschaft“ bezeichneten sich die frühen Mitglieder, die für ein „Menschenrecht auf Kommunikation“ kämpften. Inzwischen sind aus den Computerfreaks von einst digitale Bürgerrechtler geworden. Vier Tage hocken sie in einem sanierten DDR-Kongreßzentrum, essen in unregelmäßigen Abständen Pizza Hawaii oder Hamburger und denken in großen Dimensionen: Es geht gegen den „Überwachungsstaat“ und seine Instrumente - den biometrischen Paß und den Funkchip im Ausweis.

Frauen sind hier eher selten, nur knapp ein Zehntel der Besucher ist weiblich. Constanze Kurz mittendrin, die Moderation ist vorbei. Jetzt hämmert sie die Gliederung für den nächsten Vortrag in ihren schwarzen Apple-Laptop. Sie hat den Kongreß mit vorbereitet, hat nächtelang an Vorträgen gefeilt, die Presseeinladungen verschickt und vergangene Nacht nur ein paar Stunden geschlafen. Es sind auch ihre Themen, über die hier gesprochen wird. Sie schreibt an einer Dissertation über „Überwachungstechnologien“ und hält Vorlesungen zur „Geschichte der Verschlüsselung“ an der Universität. „Aber da kann ich nicht politisch argumentieren“, sagt sie, „sondern nur wissenschaftlich. Ich bin aber ein zutiefst politischer Mensch.“ Sie repräsentiert die neue Zeit im CCC: weiblich, technikaffin, politisch engagiert.

Der erste digitale Bankraub in Deutschland

Als Constanze Kurz Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal von diesem Club hört, wirkt der Verein eher wie eine technische Bastel-Runde. Sie studiert damals im ersten Semester Informatik an der Humboldt-Universität in Berlin, ein VWL-Studium hat sie nach dem Vordiplom abgebrochen. Kommilitonen nehmen sie mit zu einem Treffen. „Da saßen Geeks und Nerds“, sagt sie, „aber ich mochte die sofort.“ Erst mal hört sie nur zu und macht Hausaufgaben für die Uni.

„Damals waren die berühmt für ihren BTX-Hack“, erzählt Constanze Kurz - eine zur mythischen Heldentat verklärte Aktion aus den achtziger Jahren. Der Coup der Hacker damals: CCC-Mitglieder knackten 1984 das Bildschirmtext-System BTX der Bundespost und überwiesen sich von der Hamburger Sparkasse 135.000 Mark - einfach so, per Knopfdruck. Weil es darum ging, auf Risiken der Technik hinzuweisen, machten die Computerfreaks die Sicherheitslücke öffentlich und gaben das Geld zurück. Es war der erste digitale Bankraub in Deutschland und für die Hacker der erste PR-Erfolg. „Online gehen“ hieß noch „Datenfernübertragung“, und Constanze Kurz war zehn Jahre alt.

„Ist das illegal?“ „Keine Ahnung“

In der Folgezeit schaffte es der Club immer wieder in die Schlagzeilen, zum Beispiel 1987, als Hacker aus dem Umfeld des CCC in Rechner der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa eindrangen. Das Motto dabei: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“, wie es in der selbstverordneten Hacker-Ethik heißt. Allerdings blieb trotz des durchaus politischen Anspruchs der Eindruck: Das sind Computerfreaks, technikversessene Bastler, die stundenlang über den Bau von Antennen und Prozessoren diskutieren. Die Hacker taten alles, um dieses Image zu befeuern: Sie schrieben Bastelanleitungen für ein „Datenklo“ - ein Modem, für das man eine Gummimanschette aus dem Sanitärfachhandel brauchte, um es an den Telefonhörer anzuschließen. Sie stellten eine Dissertation ins BTX-Netz mit dem Titel „Penisverletzungen bei der Masturbation mit Staubsaugern“. In der Vor-Internet-Gesellschaft galten sie einfach als sonderbar.

Heute ist es ein bißchen so wie mit den strickenden Menschen auf Parteitagen von Bündnis 90/Die Grünen: Nach wie vor gibt es die Ur-Hacker, man muß nur etwas länger suchen. Während Constanze Kurz an ihrem nächsten Vortrag arbeitet, sitzen die Fundis im Untergeschoß des Kongreßzentrums, im sogenannten „Hack-Center“. Bildschirme flimmern, Tasten klacken, Tageslicht dringt bis hierher nicht vor. Ein 17 Jahre alter Schüler aus Köln, der seinen Namen nicht verraten will, bastelt an einem Adapter, in einem Karton vor ihm liegen Phasenprüfer und Kabel. Er spricht von „reverse engineering“ und „USB-Ports“. Irgendwie will er damit Handys umprogrammieren. Ist das illegal? „Keine Ahnung“, sagt er.

Im Lobby-Verzeichnis des Bundestages aufgeführt

„Ich liebe die“, sagt Constanze Kurz in ihrem schnellen Berliner Dialekt. Einige der Jungs müsse man zwar ans Essen und Trinken erinnern, damit sie gesund blieben. Aber: „Wir brauchen technische Bastler genauso wie politische Köpfe.“ Durchs Foyer läßt jemand eine ferngesteuerte Video-Drohne fliegen - vier Propeller, in der Mitte eine Kugel. Eine Menschentraube läuft staunend mit.

In jüngster Zeit profiliert sich der CCC zunehmend als politischer Akteur: Der ehemalige Sprecher Andy Müller-Maguhn wurde in das Internet-Gremium Icann gewählt - eine virtuelle Regierung, die die Netzadressen verwaltet. Bei einer Oberbürgermeisterwahl in der Nähe von Berlin kontrollierte der CCC die Sicherheit der eingesetzten Wahlcomputer. Mittlerweile ist der Verein im Lobby-Verzeichnis des Bundestages aufgeführt und schickt Experten in Ausschüsse.

„Die wollen von jedem ein komplettes Profil erstellen“

Auch Constanze Kurz war schon mal da, um den Abgeordneten die digitale Welt zu erklären. „Da sitzen Leute, die gehen ganz anders mit dem Computer um als wir“, sagt sie und nippt an ihrem Kaffeebecher, „die lassen sich E-Mails von ihren Sekretärinnen ausdrucken.“ Gelegentlich kämen Parlamentarier im Clubhaus vorbei, um über das Urheberrechtsgesetz zu diskutieren.

Constanze Kurz trägt ein gelbes T-Shirt mit dem „Pesthörnchen“ drauf. Es ist das stilisierte Posthorn als Totenkopf-Fratze, das alte CCC-Logo. Hat sie eigentlich Freunde außerhalb des Clubs? „Ja klar, ich hab' auch ein soziales Leben“, sagt sie. Sie fährt Motocross, trifft Leute an der Uni. Aber wenn sie mit ihrer Mutter im Supermarkt steht, und die zückt ihre Bonuskarte, kommt sofort wieder die digitale Bürgerrechtlerin in ihr hoch: „Die wollen von jedem ein komplettes Profil erstellen“, schimpft sie, so etwas müsse man boykottieren. Da klingelt ihr Handy. Es ist ein Spezialgerät - natürlich abhörsicher.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2006, Nr. 52 / Seite 64
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