Home
http://www.faz.net/-gy9-73ub9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Browser-Auswahlfenster Brüssel droht Microsoft mit neuer Milliardenstrafe

Schon vor drei Jahren hat die EU Microsoft verpflichtet, auf neuen Windows-PCs ein Browser-Auswahlfenster einzubauen, statt automatisch den Internet-Explorer zu verwenden. Microsoft hat das auch getan, allerdings spät. Und nach einer Software-Aktualisierung war das Fenster plötzlich wieder verschwunden.

© http://www.browserchoice.eu/ Auf Druck der EU hat Microsoft dieses Auswahlfenster in Windows integriert: Nutzer können darüber einfach ihren bevorzugten Browser wählen

Die EU-Wettbewerbshüter drohen Microsoft mit einer neuen Milliardenstrafe. Nach vorläufigen Ermittlungsergebnissen habe es der Softwaregigant anderthalb Jahre lang versäumt, das Betriebssystem Windows 7 mit einem Webbrowser-Auswahlfenster anzubieten, teilte Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia am Mittwoch mit. Brüssel habe Microsoft schriftlich die Beschwerdepunkte übersandt.

Damit zündete die Kommission am Mittwoch die nächste Stufe des im Juli eingeleiteten Verfahrens. Die amerikanische Firma kann nun Stellung nehmen. Entkräftet sie die Vorwürfe nicht, kann Almunia eine Geldbuße bis zu 10 Prozent des Jahresumsatzes verhängen. Für das Ende Juni abgelaufene Geschäftsjahr 2012 gibt Microsoft einen Umsatz von 73,7 Milliarden Dollar an (umgerechnet 56,6 Milliarden Euro).

Der Konzern hatte schon bei der Einleitung des Verfahrens vor drei Monaten das Versäumnis eingeräumt und Wiedergutmachung zugesagt. Doch reicht Almunia die Zusage offenbar bei weitem nicht, er fühlt sich von der Firma an der Nase herum geführt. Denn das Unternehmen ist seit 2009 verpflichtet, auf neuen PCs oder in neuen Windows-Paketen eine automatische Browser-Auswahl einzubauen. Das Ziel: Die Firma sollte ihre marktbeherrschende Stellung nicht länger ausnutzen können, um den hauseigenen Internet Explorer gegen Konkurrenten abzuschotten.

Microsoft: „Technischer Fehler“

Seit März 2010 öffnete sich deswegen auf allen neuen Windows-Geräten in der EU ein Auswahl-Fenster, auf dem auch Mozilla Firefox, Google Chrome, Apple Safari, Opera und sieben unbekanntere Navigatoren auftauchen und heruntergeladen werden können. Der Internet Explorer wurde nicht mehr automatisch installiert. Das zeigte Wirkung: So schoss schon kurz darauf der Verkauf von Opera 130 Prozent in die Höhe.

Bis zum Februar 2011 lief alles glatt. Dann lieferte Microsoft PCs mit dem Service Pack 1 für Windows 7 aus. Und durch einen „technischen Fehler“ sei das Auswahl-Fenster dabei verschwunden, erklärte die Firma im Juli. Die Zahl der Betroffenen PCs: 28 Millionen. Schuld sei ein Team von Technikern, die ein notwendiges Update verschlafen hätten.

Erst am 1. Juli will Microsoft über die vermeintliche Panne informiert worden sein, dann aber umgehend gehandelt haben. Um den Schaden wiedergutzumachen, will das Unternehmen die automatische Browser-Auswahl 15 Monate länger anbieten als die von Brüssel verordneten fünf Jahre bis 2014.

Almunia wartet auf Reaktion

„Die Kommission wird einen endgültigen Beschluss nur dann fassen, wenn die Beteiligten ihr Recht auf Verteidigung wahrgenommen haben“, erklärte Almunia am Mittwoch. Doch wird es für den Softwareriesen schwierig. Erschwerend kommt hinzu, dass Microsoft erst im Dezember zugesichert hatte, alle Auflagen korrekt zu erfüllen. „Wenn sich der Verstoß in den Ermittlungen bestätigt, sollte Microsoft mit Sanktionen rechnen“, hatte der Kommissar im Juli erklärt. Ihm sei es „sehr ernst“, dass Kommissionsauflagen befolgt würden.

Schließlich fällt der Streit nicht vom Himmel. Die EU kämpft schon seit mehr als einem Jahrzehnt gegen den Missbrauch von Microsofts Marktmacht - die Amerikaner sind der spektakulärste Widersacher der europäischen Wettbewerbshüter. 2004 verhängte Brüssel eine erste Strafe von 500 Millionen Euro: wegen zu hoher Lizenzgebühren für technische Informationen, und weil der Konzern seinen Kunden mit Windows-PCs zugleich auch den Media Player aufdrängte. Zwei Jahre später folgte eine Buße von 280 Millionen Euro, weil nicht alle Auflagen korrekt umgesetzt worden waren. 2008 wurde die Strafe um 900 Millionen Euro erhöht. Erst im Frühsommer hatte der Europäische Gerichtshof die Strafe im Grundsatz für rechtens erklärt, sie aber um 40 Millionen Euro reduziert.

Mehr zum Thema

Quelle: AP

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Software-Konzern Microsoft gibt Großteil der Online-Werbung an AOL ab

Microsoft wirft Ballast ab: Konzernchef Satya Nadella dünnt bei der Neuausrichtung das Geschäft mit Online-Werbung und die Karten-Entwicklung aus. Laut Medienberichten sollen rund 1300 Mitarbeiter den Arbeitgeber wechseln. Mehr

30.06.2015, 07:46 Uhr | Wirtschaft
Brüssel EU leitet weitere Untersuchung gegen Google ein

Die EU wirft dem Internetunternehmen Google Verfälschung von Suchergebnissen im Internet vor. In seiner Suchmaschine würde Google Treffer für eigene Dienste bevorzugen. Man habe auch eine kartellrechtliche Untersuchung gegen das Betriebssystem Android eingeleitet, teilte die Wettbewerbskommission in Brüssel mit. Mehr

16.04.2015, 11:57 Uhr | Wirtschaft
Internet-Telefonie Immer Ärger mit dem neuen Telefonanschluss

Schneller und einfacher - die Telekom stellt auf IP-Technik um. Aber die neue Telefonwelt hat Tücken, viele Kunden beschweren sich. Mehr Von Helmut Bünder, Düsseldorf

25.06.2015, 22:52 Uhr | Wirtschaft
Neue Comuputerbrille Microsoft präsentiert Windows 10 und HoloLens

Der US-Softwareriese Microsoft hat weitere Einzelheiten seines neuen Betriebssystems Windows 10 enthüllt. Doch die große Überraschung ist die Computerbrille HoloLens. Microsoft preist die Brille als "erste holographische Computerplattform der Welt". Mehr

22.01.2015, 16:30 Uhr | Technik-Motor
Apple Music im Test Musik für die Massen

Am Dienstagabend ist Apple Music gestartet. Der neue Streaming-Dienst soll eine Revolution - und ein Spotify-Killer - sein. Aber ist er das wirklich? Wir haben verglichen. Mehr Von Marco Dettweiler

01.07.2015, 13:27 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.10.2012, 12:20 Uhr

Europa schafft ab

Von Michael Spehr

Mit der Abschaffung der Netzneutralität in Europa wird es jetzt ernst. Diese Grundfrage wird jedoch in der Öffentlichkeit wie gehabt weder gestellt noch diskutiert. Mehr 14