25.03.2010 · Der Ärger mit Bluetooth-Freisprechanlagen im Auto ist ein Dauerthema. Automobilindustrie und ihre Zulieferer laufen den aktuellen Trends stets hinterher, und daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.
Von Michael SpehrDer Mann ist erfolglos bis vor das Oberlandesgericht gezogen. Er hatte als Käufer eines Neuwagens die Navigation mit Bluetooth-Freisprechanlage aus dem Zubehörprogramm gewählt. Das Auto gefiel, aber der Freisprechbetrieb mit seinem Telefon funktionierte nicht. Der Händler vermochte nicht zu helfen, er verwies auf eine Liste der kompatiblen Handys im Internet. Ein Wort gab das andere, und am Ende stand eine gerichtliche Auseinandersetzung um die Wandlung des Kaufvertrags. Nun geht die Sache zum Europäischen Gerichtshof.
Der Ärger mit Bluetooth-Freisprechanlagen der Werksausstattung ist ein Dauerthema, auch unter unseren Lesern. Sie verstehen beispielsweise nicht, dass ihre „Original-Anlage“ eines renommierten deutschen Autoherstellers, die einschließlich Navigation 3000 Euro gekostet hat, mit ihrem aktuellen Smartphone der Oberklasse nichts anfangen kann. Beide Komponenten seien doch ganz neu. Aber schon hier irrt der Kunde. Die Kommunikationstechnik des Autos muss im Zusammenspiel mit anderen Elektronik-Komponenten des Fahrzeugs ausgiebig erprobt und geprüft werden, und so kommt der aktuelle Neuwagen von heute mit einer Ausrüstung auf den Markt, die bisweilen schon älter als ein Jahr ist. Das Entwicklungstempo bei den Mobiltelefonen ist deutlich höher - und für die Handy-Hersteller ist die Kompatibilität mit vorhandenem Zubehör nebensächlich. So laufen die Automobilindustrie und ihre Zulieferer den aktuellen Trends stets hinterher, und daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.
Mehr als zehn Jahre alte Bluetooth-Technik
Dazu kommt gleich das nächste Problem: Wer bei der mehr als zehn Jahre alten Bluetooth-Technik an einen verbindlichen Standard denkt, liegt abermals daneben. Der Kurzstreckenfunk für kleine Netze wird fortwährend weiterentwickelt und ist kein statisches System. Ganz aktuell ist Bluetooth 3.0, aber die meisten Geräte arbeiten noch mit Version 2.0 oder 2.1, die in den Jahren 2004 und 2007 verabschiedet wurden. Bluetooth ist zudem kein homogenes Protokoll, sondern besteht aus 30 verschiedenen Profilen für unterschiedliche Anforderungen und Aufgaben. Kaum ein Bluetooth-Produkt hat alle Profile implementiert, stets kommt nur eine gerätespezifische Auswahl zum Einsatz, und die vorhandenen Profile werden ständig von allen Beteiligten überarbeitet.
Für den Betrieb einer Freisprechanlage stehen gleich mehrere Bluetooth-Profile parat, die beiden wichtigsten sind das Headset- und das aufwendigere Hands-Free-Profil, kurz: HSP und HFP. Ist Ersteres nur für Standardfunktionen gerüstet, nämlich die Sprachübertragung und das Annehmen oder Ablehnen von Anrufen, bietet HFP deutlich mehr. Es wurde eigens für fest eingebaute Freisprechanlagen entwickelt und enthält Mechanismen zur Rauschunterdrückung und Echokompensierung sowie zum Aufbau eines Wählvorgangs - Rufnummern lassen sich also vom Freisprecher zum Handy übertragen.
Eigenes GSM-Funkmodul
Das Top-Protokoll für die Telefonie im Auto ist das Sim-Access-Profil (SAP). Die Freisprechanlage bringt dabei ein eigenes GSM-Funkmodul und in der Regel eine Außenantenne mit. Die Anlage greift mit Bluetooth auf die Sim-Karte des Handys zu, liest die erforderlichen Daten aus und legt das Mobiltelefon anschließend „schlafen“. Daraus ergeben sich etliche Vorteile: ein besserer Netzempfang, eine geringere Strahlenbelastung im Innenraum und ein deutlich reduzierter Energieverbrauch des Handys. SAP-Anlagen bieten nur wenige Hersteller als Werksausstattung an (etwa Audi), sie richten sich an den Vieltelefonierer, und sie sind teuer. Zwei Nachteile sollen indes nicht verschwiegen werden: Es gibt nur wenige SAP-Telefone, darunter Nokias mit Symbian-Betriebssystem und einige des taiwanischen Herstellers HTC mit Windows Mobile. Das mit SAP angebundene Handy erlaubt im Schlafmodus ferner keinen Datenempfang, neue E-Mails werden im Auto also nicht signalisiert.
Dass das Telefon mit SAP angebunden wird, bemerkt man schon beim Koppeln von Handy und Freisprecher. Hier ist nämlich meist ein 16-stelliger Code erforderlich, während bei HSP und HFP vier Zahlen reichen. Bei der Kopplung gibt man auf beiden Seiten einen identischen Zahlenschlüssel ein, derjenige der Freisprechanlage ist im Handbuch nachzulesen - oder lässt sich bei manchen Anlagen frei programmieren. SAP kann man unter Symbian und Windows Mobile deaktivieren, dann springen HSP oder HFP ein. Allerdings gibt es einige SAP-Anlagen in der Werksausrüstung, die ausschließlich SAP-Geräte akzeptieren. In diesem Fall kommt man mit einem HSP- oder HFP-Handy nicht weiter.
Gelingt die Kopplung von Handy und Freisprecher nicht, was sehr selten vorkommt, ist die Aktualisierung der Betriebssoftware des Handys (“Firmware“) ein Rettungsversuch. Häufig ist die erste Firmware eines neuen Telefons noch fehlerhaft. Die Ware reift beim Kunden, die Hersteller bessern nach, und bei vielen Geräten kann man ein solches „Update“ am PC selbst vornehmen.
Verbindung zwischen Telefon und Anlage bricht ab
Aber meist ist nicht die Kopplung das Problem, sondern die reibungslose Zusammenarbeit im täglichen Einsatz. Der Freisprecher muss das Handy (mit eingeschaltetem Bluetooth) beim Betreten des Fahrzeugs erkennen, anbinden und die Kontrolle übernehmen. Funktioniert das nicht automatisch, sind die Beteiligten nicht kompatibel. Es kann lohnend sein, im Handy-Menü die einzelnen Optionen für Bluetooth zu erkunden und mit den Parametern zu experimentieren. Ferner kann es vorkommen, dass die Bluetooth-Anbindung tagelang reibungslos funktioniert - und plötzlich nicht mehr. In diesem Fall lösche man das Handy aus der Geräteliste der Anlage und koppele erneut. Dass die Verbindung zwischen Telefon und Anlage während der Fahrt unversehens abbricht, haben wir ebenfalls mehrfach erlebt, meist ist der Fehler auf Seiten des Handys zu suchen.
Noch mehr Verdruss können manche Komfortfunktionen bereiten, an erster Stelle der Import des Telefonbuchs in die Anlage des Fahrzeugs. Mit SAP wird meist nur das Kontaktverzeichnis der Sim-Karte eingelesen. Für den Nutzer eines teuren Smartphones, das gegebenenfalls seine Daten mit dem Exchange-Server im Unternehmen synchronisiert und dann nicht auf dem Plastikchip, sondern im Gerätespeicher vorhält, kann das ein K.-o.-Kriterium sein. Zumal sich Adressen und Telefonnummern oft ändern, die möchte man nicht ständig kopieren. Die einzige SAP-Anlage, die zusätzlich den Telefonspeicher ausliest (mit Sync ML) ist uns in einem Audi A8 begegnet.
Das Profil muss bei beiden Partnern implementiert sein
Den Telefonbuch-Datenaustausch übernimmt in der Regel das Bluetooth-Profil namens Phonebook Access (PBA). Das Display der Telefonanlage zeigt den Namen des Anrufers, sofern er im Telefonbuch gespeichert ist, und PBA bietet zudem eine Sprachwahl. Das Profil muss bei beiden Partnern implementiert sein. Selbst wenn der Datenaustausch klappt, kann das Ergebnis enttäuschend sein: sei es, dass Umlaute im Namen des Gesprächspartners zu wirren Zeichenfolgen auf dem Display des Freisprechers führen, sei es, dass bei der Exchange-Synchronisation Adressbücher aus dem Unternehmensnetz ins Fahrzeug geladen werden, die dann mit Tausenden von Einträgen das Blättern zur Qual machen.
Bei Apples iPhone synchronisieren viele Freisprecher auch jene Adressbücher, die man im Menü „Kontakte“ und dort unter „Gruppen“ findet: Auch das kann zu viel des Guten sein. Etliche Android-Smartphones sortieren die Kontakte nach dem Vor- und nicht nach dem Nachnamen - stets Anlass zur Verwirrung, wenn man den Vornamen des gesuchten Gesprächspartners nicht im Kopf hat.
Die hohe Kunst des Freisprechbetriebs ist die Sprachwahl. Perfektion erreicht ein System, bei dem man ohne jedes vorherige Training einen Namen aus dem Telefonbuch ansagt, gegebenenfalls ein „zu Hause“, „im Büro“ oder „mobil anrufen“ ergänzt und das Gespräch zum gewünschten Teilnehmer automatisch aufgebaut wird. So ist die Ablenkung des Fahrers am geringsten. Diesen schönen Komfort kann man jedoch nur in wenigen Systemen der Oberklasse genießen. Die meisten Freisprechanlagen kennen gar keine Sprachwahl oder nur eine Nummernwahl oder die Sprachwahl für eine kleine Gruppe der Kontakte, wobei für jeden Eintrag zuvor ein Sprachmuster zu erstellen ist.
Man startet am Handy den MP3-Spieler
Was in der Oberklasse bislang fehlt, bietet neuerdings mancher Kleinwagen: die Musikübertragung mit Bluetooth. Das Profil A2DP ist hier zuständig. Man startet am Handy den MP3-Spieler, und schon wandert die Musik drahtlos in die HiFi-Anlage des Autos. Wenn ein Telefonat eingeht, pausiert automatisch das Unterhaltungsprogramm. Ein schickes Detail, das uns immer wieder begeistert.
Abgesehen von solchen Pluspunkten, erlebt man mit Bluetooth im Fahrzeug immer wieder Überraschungen. In den vergangenen Jahren haben wir die Technik mit einigen hundert Testwagen und ebenso vielen Handys ausprobiert. Vieles funktioniert auf Anhieb einwandfrei, aber ebenso oft ärgert man sich gewaltig. Von einem „Bluetooth-Standard“ sollte man eigentlich nicht sprechen, es handelt sich um eine Funktechnik im stetigen Wandel. So hat es wohl kaum Sinn, angesichts der Vielfalt der geschilderten Probleme den Rechtsweg zu beschreiten.
Beim Neuwagenkauf sollte man auf einer mindestens einstündigen Fahrt die Anlage mit dem Handy der Wahl ausprobieren - und sich wichtige Eigenschaften des Freisprechers schriftlich zusichern lassen. Die besten Anlagen - etwa von Audi - verstehen alle drei Bluetooth-Profile und bieten zusätzlich die Option, eine eigene Sim-Karte fürs Auto fest zu installieren. Ohne Bluetooth funktioniert diese bestechend schlichte Lösung in jedem Fall.