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Blackberry Z10 Mutig in eine ungewisse Zukunft

 ·  Der angeschlagene Smartphone-Hersteller Blackberry startet einen neuen Anlauf. Das Z10 muss jetzt die Wende bringen. Es verspricht mehr Sicherheit. Und das Bedienkonzept bricht mit allen Konventionen.

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© Hersteller

Blackberry geht es schlecht. Der kanadische Smartphone-Hersteller legt nun den Unternehmensnamen „Research in Motion“ ab und heißt künftig wie sein Betriebssystem: Blackberry. Während die Zahl der verkauften Smartphones in aller Welt geradezu explodiert, wird Blackberry bedeutungslos. Nach den Untersuchungen der Marktforscher von Gartner sank der Marktanteil im vierten Quartal von 8,8 Prozent (2011) auf 3,5 Prozent im Jahr 2012. Nur noch 7,3 Millionen Geräte wurden verkauft. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum waren es fast 150 Millionen Androiden. Die Wende soll das neue Flaggschiff Z10 bringen, das Ende Januar vorgestellt wurde und in diesen Tagen in den Handel kommt.

Mit dem Z10 ändert Blackberry alles. Die Bauform ist attraktiv wie nie. Statt einer unscheinbaren Arbeitsmaschine mit Minitastatur kommt nun ein auf dem Touchscreen basierendes Oberklassegerät, dessen Design sich am iPhone oder an Samsung-Modellen orientiert. Das Z10 für rund 600 Euro wirkt schick, es hat eine standesgemäße Bildschirmauflösung von 1280 × 768 Pixel (Bildschirmdiagonale: 10,6 Zentimeter, 4,2 Zoll), im Innern arbeitet ein aktueller Zweikernprozessor, und die Hauptkamera löst mit acht Megapixel auf. Zeitgemäß sind ferner der Datenturbo LTE mit den in Deutschland üblichen Frequenzbändern, Bluetooth 4.0, NFC sowie 16 Gigabyte Arbeitsspeicher, die sich mit Micro-SD-Karten erweitern lassen.

Für die wichtigste Zäsur jedoch steht das grundlegend neu gestaltete Betriebssystem 10, das sich vom altbackenen Charme der Vorgänger emanzipiert und geradezu revolutionär auftritt. Es gibt keine Menütasten, alles wird per Wischgesten mit dem Finger erledigt.

Nicht weniger wichtig ist die Möglichkeit, das Gerät vollkommen autark von Blackberry-Unternehmensdiensten und entsprechenden Mobilfunk-Zusatzverträgen nutzen zu können. Die älteren Geräte der Kanadier waren ohne diese Extras nur sehr eingeschränkt verwendbar. Nun öffnet sich der Blackberry allen Kunden. Man kann sich im Unternehmenseinsatz an den Blackberry Enterprise Server (BES) andocken, wenn es um sichere Datenübertragung geht, muss es aber nicht. Der Zugang zum geschäftlichen Exchange-Konto funktioniert mit dem Z10 so einfach wie das Abrufen der Google-Mail.

Und schließlich ist mit diesen Hinweisen schon das wichtigste Alleinstellungsmerkmal der Blackberry-Familie angesprochen: Wer BES wie gehabt nutzt, erhält mit der Blackberry-Infrastruktur im geschäftlichen Einsatz die einzigartige abhörsichere Kommunikationslösung und mit den neuen Geräten als ebenfalls einzigartiges Extra die Option der Trennung privater und geschäftlicher Daten. Im „sicheren“ Business-Abteil (“Perimeter“) landen Apps und Daten aus dem Unternehmen, der Administrator legt die Sicherheitsrichtlinien fest, der Bereich lässt sich aufschließen und wieder absperren, die Trennung setzt sich bis ins Dateisystem hinein fort. Das alles bietet kein anderer Smartphone-Hersteller.

Das Z10 ist etwas größer und vor allem breiter als ein iPhone 5, unter der abnehmbaren, sehr filigranen Rückseite befinden sich der wechselbare Akku sowie die Steckplätze für Micro-Sim-Karte und Micro-SD. Am linken Gehäuserand liegen die Anschlüsse für Micro-USB und -HDMI offen. Die Verarbeitungsqualität ist ordentlich, reicht aber nicht an ein iPhone 5 heran, obwohl die Komponenten und Bauteile teurer als beim Apple-Smartphone sind. Die Qualität des Displays mit einer Pixeldichte von 356 dpi überzeugt, es ist allerdings sehr anfällig für Fingerfett.

Menütasten am unteren Bildschirmrand fehlen. Vielmehr sind fleißige Fingerbewegungen und Wischgesten gefordert. Von unten nach oben und umgekehrt - und in der Horizontale. Das alles ist sehr gewöhnungsbedürftig, man vermisst zumindest einen Home-Button als „Rettungsanker“, der sofort zurück ins Hauptmenü führen würde. Die ersten Tage ist man irritiert, dann geht’s besser. Aber ob der bisweilen tief verschachtelten Menüs bleibt die fehlende Taste ein Minuspunkt. Und mehr Tempo ist ebenfalls wünschenswert.

Das Startmenü zeigt die zuletzt geöffneten Apps inklusive momentaner Inhalte verkleinert als Kacheln, und von dort geht es nach rechts in die Liste aller installierten Anwendungen, die sich in iPhone-Manier anordnen oder löschen lassen. Ein Fingerwisch von oben nach unten fördert in jeder App das Menü für die Einstellungen zutage, links vom Startmenü findet man den zentralen Nachrichtensammler, den Blackberry Hub. Hier läuft alles aus allen Kanälen (Mail, Twitter, Facebook, Anrufe, SMS) in chronologischer Sortierung ein. Darstellung und angezeigte Elemente lassen sich sehr individuell justieren. Man kann beispielsweise aus einem Exchange-Postfach einzelne Ordner zur Anzeige und Überwachung auswählen. Der Blackberry Hub erweist sich sofort als Gewinn, Gleiches gilt für den Sperrbildschirm, der auf einen Blick E-Mail-Nachrichten, Hinweise von Twitter, anstehende Termine und verpasste Anrufe zeigt.

Kontakte, Kalender und E-Mail folgen üblichen Gepflogenheiten, auch hier fließt alles in einem Datenstrom zusammen. Schwach ist die Kalenderdarstellung in der Wochenübersicht. Im Adressbuch sind sämtliche unterschiedlichen Dienste zusammengeführt, ein „Sharing“, also das Teilen von Inhalten mit anderen Applikationen, ist rudimentär vorhanden. Zu den schönen Extras zählen wir die Option, bei einer angezeigten Adresse sofort die letzten Aktivitäten (etwa E-Mails) aufrufen zu können. Zum Schreiben von E-Mail oder SMS hat Blackberry einen weiteren Pfeil im Köcher, nämlich den intelligenten Wortvorschlag-Algorithmus, der alle vergleichbaren Assistenten weit in den Schatten stellt. Während des Tippens auf der virtuellen Tastatur erscheinen sinnvolle Vorschläge, die man mit einem Fingerschnipps „nach oben“ ins Eingabefeld schieben kann. Die Vorschläge sind erstklassig, man staunt.

Auch die Spracherkennung, die sich mit einem Druck auf die Seitentaste starten lässt, ist zumindest der Konkurrenz aus den Häusern Android oder Windows Phone 8 kilometerweit überlegen. Sie ist fast so gut wie Apples Siri und bewährt sich nicht nur bei der Texterfassung, sondern man kann auch flink Kalendereinträge erstellen oder Internetsuchen starten.

Die mitgelieferte Navigation arbeitet ordentlich, lädt allerdings, wie die Pendants von Apple und Google, das Kartenmaterial stets „online“ ins Gerät. Hier sind noch einige Fehler auszumerzen, etwa bei der Adresssuche oder den Fahranweisungen, die stets nur auf Englisch ausgegeben werden. Die Kamera überzeugt draußen mit ordentlicher Fotoqualität, kann bei Innenaufnahmen aber nicht mit einem iPhone 5 oder Nokia Lumia 920 mithalten.

Wir hatten zwei Testgeräte in Betrieb. Das erste verlor regelmäßig die Mobilfunk-Datenverbindung und wies Dutzende von Software-Fehlern auf. Das zweite lief deutlich besser, aber beide mochten sich im W-Lan-Betrieb nicht mit einer älteren Fritzbox 7270 anfreunden. Auch an einer modernen Fritzbox 7390 gab es hin und wieder Schwierigkeiten. Beim ersten Testgerät hielt der Akku nicht mehr als zehn bis zwölf Stunden durch, beim zweiten locker einen ganzen Arbeitstag.

Nicht nur wegen der ungewohnten Bedienung erfordert das Z10 eine gewisse Gewöhnungszeit. Anfangs hielt sich unsere Begeisterung in Grenzen. Nach einigen Tagen macht das Z10 richtig Spaß. In der Verbindung aus Blackberry Hub und innovativer Bildschirmtastatur ist das jüngste Blackberry eine tolle E-Mail-Maschine. Bei den Apps sieht es mau aus, das Online-Kaufhaus „Blackberry World“ enttäuscht. 70000 Apps seien dort, teilt das Unternehmen mit. Aber der größte Teil ist Ramsch. Twitter, Facebook und einiges andere sind ab Werk in Basisversionen installiert, die Funktionalität bleibt bescheiden. Ordentliche Software mit gehobener Ausstattung ist Mangelware.

Wer also ein überzeugter Android- oder Apple-Jünger ist und auf „viele tolle Apps“ Wert legt, wird nicht umsteigen. Die Bedeutung des Z10 liegt vielmehr darin, dass Unternehmen mit dem Anspruch sicherer Kommunikation ihren Angestellten nun ein attraktives und modernes Gerät in die Hand drücken können. Angesichts des zunehmenden Trends von immer mehr Schadsoftware auf Android-Smartphones dürfte auch im privaten Einsatz das Argument „Sicherheit“ ziehen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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