20.11.2005 · Die Pisa-Studie scheint einen positiven Zusammenhang zwischen Computer-Nutzung und Leistung nachzuweisen. Zwei Münchner Ökonomen bestreiten das.
Von Jürgen KaubeManche Eltern lassen sich zur Anschaffung eines Computers für ihre Kinder durch das Argument überreden, er sei hilfreich für die Schule. An den Schulen selber bemüht man sich seit Jahren, in puncto Medienausstattung gut dazustehen. Gegenwärtig kommt auf 17 Schüler an deutschen Schulen durchschnittlich ein Personalcomputer (PC) und auf 43 Schüler einer mit Zugang zum Internet.
Daß Computer, so wie jedes andere Medium vom Buch über Tonträger bis zum Film, erzieherisch sinnvoll genutzt werden können, steht außer Frage. Aber geschieht es auch? Verbessert also die Verfügung über einen Computer zu Hause und in der Schule die elementaren Fähigkeiten der Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften und im Bereich sprachlicher Auffassungsgabe? Diese Frage haben sich die Ökonomen Thomas Fuchs und Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut gestellt und auf der Grundlage von Pisa-Daten einmal nachgeforscht.
Kein Zusammenhang zwischen Computer und Leistung
Mehr als 80 Prozent der in „Pisa 2000“ getesteten Schüler leben in Haushalten, in denen ein oder mehrere PCs verfügbar sind. Allerdings nutzt ihn knapp die Hälfte davon allenfalls selten. In der Schule geschieht das schon häufiger, dort nutzen nur 12 Prozent der Schüler den Computer so gut wie nie. Das Internet hingegen wird von weniger als der Hälfte während der Schulzeit herangezogen.
Vergleicht man die Mathematikleistungen im Pisa-Test von Jugendlichen mit Computer gegenüber denen ohne, so ergibt sich zunächst ein deutlicher Unterschied: Der Leistungsvorsprung der ersteren beträgt fast ein ganzes Schuljahr. Und so hat es die OECD 2001 auch gedeutet: Schüler mit stärkerem Interesse an Computern schneiden besser ab.
Nun bedarf es aber nur einfachster soziologischer Überlegung, um zu wissen, daß mit dem Computerbesitz eine ganze Menge anderer Merkmale von Haushalten einhergeht. So hängen die Pisa-Leistungen der Kinder positiv mit dem Beruf der Eltern zusammen, der Beruf der Eltern aber wiederum mit der Zahl der heimischen PCs. Zwischen Computer und Leistung muß es also keinen kausalen Zusammenhang geben.
Computer werden nicht zum Lernen genutzt
Die Münchner Ökonomen haben darum versucht, mittels statistischer Verfahren den Einfluß anderer Faktoren auszuschließen, um den Beitrag der Computernutzung isoliert bestimmen zu können. Ihr Ergebnis: Vergleicht man also nur Schüler mit gleichem familiären Hintergrund, dann schrumpft das Ausmaß, in dem Computer zur schulischen Leistungssteigerung beitragen, dramatisch.
Und rechnet man dann auch noch andere Einflüsse auf die Leistung - wie etwa die Bildungsausgaben pro Schüler, die Unterrichtszeit, das Schulbudget und die Qualität der Lehrer - heraus und vergleicht nur Schüler, die auch in diesen Dimensionen ähnliche Voraussetzungen haben, dann kehrt sich der Zusammenhang sogar um. Der Computerbesitz hat dann einen statistisch signifikanten negativen Effekt auf die Schulleistungen, und zwar im Umfang von etwas weniger als einem halben Schuljahr. Beide Befunde gelten nach Auskunft der Forscher sowohl für das deutsche wie für andere Schulsysteme.
Wie kommt es dazu? Ein Grund liegt auf der Hand und wird auch durch empirische Erhebungen bestätigt: Der Computer wird eben nicht vorrangig zum schulbezogenen Lernen verwendet. Kinder, die den PC zur „Recherche“ verwenden, profitieren leicht davon. Aber ob sie das tun, hängt nicht von den Computern selber ab, sondern von den Eltern.
Nachdenken lernt man nicht im Internet
Was den Einfluß der Computerausstattung von Schulen angeht, kommen die Autoren zu einem für Technologie-Enthusiasten ähnlich ernüchternden Ergebnis. Hier reduziert sich der Beitrag des PCs, wenn man die Herkunft der Schüler und die sonstige Ausstattung der Schule kontrolliert, auf Null. Eine moderate Nutzung - „mehrmals pro Monat“ - hat dabei durchaus einen moderaten Leistungseffekt. Wird der PC jedoch mehrmals pro Woche genutzt, fallen die Leistungen der Schüler ab.
Diese Ergebnisse haben dem Berliner „Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft“ (IBI), das sich mit Bildungssoftware, Medienkompetenz und „E-Learning“ befaßt, nicht gefallen. Seine Argumentation kann als typisch zitiert werden: Zu den hohen Kosten einer Computerausstattung gebe es für die Schulen „unter einem Gesichtspunkt keine Alternative“ - der Zugang zu weltweit vorhandenem Wissen sei durch das Internet „immer einfacher, jedoch auch notwendiger beziehungsweise selbstverständlicher geworden“. Den Schülern müsse beigebracht werden, wie man im Internet das Wichtige vom Unwichtigen und das Wahre vom Falschen unterscheiden könne.
Aber ebendas - Quellenkritik, Lesen, Nachdenken - lernt man ja nicht im Internet, sondern nur durch Fachwissen. Daß es zum Beispiel bei den Forschungen von Forschungsinstituten sinnvoll ist, auf ihre Auftraggeberliste zu schauen - auf der beim IBI beispielsweise Microsoft, Siemens sowie diverse Landeskultusministerien stehen -, läßt sich nicht dem Internet entnehmen, sondern nur dem allgemeinen Menschenverstand.