06.01.2011 · Der Microsoft-Chef verkündet auf der CES in Las Vegas einen Kurswechsel beim Vorzeigeprodukt Windows. Zum Wachstumsmarkt der Tablet-PCs sagte Ballmer nur wenig. Stattdessen präsentierte er eine ganze Reihe von Geräten mit Windows 7.
Von Roland Lindner und Raymond Wiseman, Las VegasDem Softwarekonzern Microsoft wird oft Trägheit vorgeworfen, aber auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas demonstriert das Unternehmen echten Veränderungswillen. Vorstandsvorsitzender Steve Ballmer hatte Neuigkeiten zu vermelden, die zwar nicht sexy klingen mögen, aber für Microsoft einer Revolution gleichkommen. Sein Vorzeigeprodukt Windows für Personal Computer wird das Unternehmen künftig nicht mehr nur auf Mikrochips von Intel und Advanced Micro Devices (AMD) abstimmen, sondern zusätzlich auch auf die Architektur des britischen Unternehmens Arm Holdings. Dessen Chipdesign hat eine dominierende Position in wachstumsträchtigen Segmenten wie Tablet-Computern, es findet sich zum Beispiel im iPad von Apple. Für Microsoft wäre die Verbindung mit Arm somit ein Weg, um Windows auch stärker jenseits seiner traditionellen Säulen wie Laptops und Desktop-Computern unterzubringen.
Um die Nachricht von der neuen Allianz zu verkünden, hatte Microsoft vor der traditionellen Rede von Steve Ballmer zum Messebeginn noch eine zusätzliche Pressekonferenz angesetzt. Microsoft ließ dabei aber im Dunkeln, welche Art von Geräten genau das Ergebnis der Partnerschaft sein könnten, es wurden nur einige kaum aussagekräftige Prototypen gezeigt. Offen blieb auch, wann die nächste Windows-Generation auf den Markt kommen soll. In der Branche wird der Nachfolger der aktuellen Version „Windows 7“ erst für 2012 erwartet. Und so blieb die Ankündigung dieses Kurswechsels am Ende doch unbefriedigend. Vielleicht begann Ballmer deshalb seine Rede mit einem Blick zurück zu einem stärker greifbaren Thema, das er klar als Erfolgsgeschichte für Microsoft verbuchen kann: der Bewegungssensor Kinect für die Spielekonsole Xbox, der sich seit seinem Start vor zwei Monaten offenbar glänzend verkauft hat.
Das Interesse in der Branche richtete sich im Vorfeld des Auftritts von Ballmer aber vor allem darauf, mit welchen Tablet-Initiativen er aufwarten würde. Ballmer hatte schon vor einem Jahr bei der CES einige Prototypen gezeigt, noch bevor Apple das iPad vorstellte. Während das iPad im vergangenen Jahr zu einem Verkaufsschlager wurde, ließen die Windows-Tablets auf sich warten. Ballmer machte jetzt die Tablets nicht zu einem eigenständigen Teil seines Vortrags. Stattdessen präsentierte er eine ganze Reihe von Geräten mit „Windows 7“, darunter einige Tablets, aber auch einige gewöhnliche Laptops mit neuen Chipgenerationen von Intel und AMD. Die gezeigten Tablets von Herstellern wie Samsung und Asus werden in den nächsten Monaten auf dem Markt kommen, sagte Ballmer. Microsoft kämpft hier nicht nur gegen das iPad. So werden auf der CES auch eine Fülle von Tablets verschiedener Hersteller mit dem Programm Android des Internetkonzerns Google präsentiert.
In seiner nächsten Version neue Flexibilität haben
Um den Aktionsradius von Windows noch mehr zu erweitern, vertröstete Ballmer auf die nächste Generation des Betriebssystems - und hier brachte er wieder die Allianz mit Arm ins Spiel. „Das wird es uns erlauben, eine möglichst große Palette von verschiedenen Geräten anzubieten.“ Windows werde in seiner nächsten Version eine neue Flexibilität haben, versprach Ballmer. In seiner bisherigen Form gilt das Betriebssystem als übermäßig komplex für kleinere mobile Geräte wie Tablets. Ein Vorteil von Arm-Mikroprozessoren ist zudem der vergleichsweise geringe Energieverbrauch, der eine lange Batterielaufzeit möglich macht. Arm stellt Chips nicht selbst her, sondern lizenziert sie an andere Unternehmen. Die Arm-Chips für die nächste Windows-Version sollen von Qualcomm, Texas Instruments und Nvidia kommen. Neben Tablets findet das Chipdesign von Arm vor allem auf internetfähigen Handys (Smartphones) Anwendung. Microsoft arbeitet bei seiner eigenen Handy-Software Windows Phone 7 heute schon mit Arm zusammen.
Das neue Handy-Betriebssystem nahm auch einigen Raum in der Rede von Ballmer ein. Microsoft hat Windows Phone 7 im vergangenen Herbst eingeführt und hofft, damit den rapiden Verfall seiner Marktanteile zu stoppen. Im dritten Quartal vergangenen Jahres hatte Microsoft nach Angaben des Marktforschungsinstituts Gartner weltweit nur noch einen Anteil von 2,8 Prozent am Smartphone-Markt, nach 7,9 Prozent im Vorjahr. Microsoft liegt nun weit hinter Wettbewerbern wie Apple mit dem iPhone und Handys mit dem Google-Programm Android zurück. Ballmer beschwor in seiner Rede, wie zufrieden Nutzer von Handys mit dem neuen Microsoft-Programm seien, wenn sie es erst einmal hätten, aber er erweckte nicht den Eindruck, dass es einen Ansturm der Verbraucher auf die Geräte gibt.
Geringe Zahl von Programmen oder Applikationen
„Unser wichtigster Job ist es, den Menschen das Telefon zu zeigen. Wenn sie es sehen, dann lieben sie es“, sagte Ballmer. Microsoft hat vor einigen Wochen von bislang 1,5 Millionen verkauften Exemplaren gesprochen, Ballmer nannte nun keine aktuellere Zahl. Ein Manko von Windows Phone 7 ist die noch vergleichsweise geringe Zahl von 5500 dafür entwickelten Programmen oder Applikationen, womit Microsoft noch weit hinter dem für das iPhone oder für Android-Handys verfügbaren Angebot zurückliegt. Nach den Worten von Ballmer wachse die Zahl aber sehr schnell, und mehr als 20 000 Softwareentwickler hätten sich bei Microsoft registriert, um Applikationen zu kreieren. Ballmer versprach auch, dass bislang fehlende Funktionen des Betriebssystems wie die Möglichkeit, Texte zu kopieren und in eine andere Telefonanwendung zu übernehmen, in den nächsten Monaten ergänzt werden. Auch die Leistungsfähigkeit soll durch Updates gesteigert werden.
Beim Bewegungssensor Kinect verkündete Ballmer anders als bei der Handy-Software bereitwillig Verkaufszahlen. Acht Millionen Geräte seien in den ersten sechzig Tagen nach der Einführung im November verkauft worden, Microsoft habe selbst mit fünf Millionen gerechnet. Der Sensor erfasst über Kameras und Mikrofone die Bewegungen und die Stimme des Spielers von der Konsole und setzt sie in Steuerbefehle um; hierbei hat der Nutzer keine Geräte in der Hand, sondern agiert direkt mit seinem Körper, also vornehmlich mit Armen und Beinen. So erfordern beispielsweise Sport- und Tanzspiele vollen Körpereinsatz und zwingen den Akteur, tatsächlich in die Luft zu springen, mit seinen Armen zu wedeln oder die Hüften zu schwingen. „Es gibt auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares“, sagte Ballmer stolz.
Für Microsoft geht es bei Kinect nicht nur um Spiele. Das Unternehmen hofft, diese Art der Bedienungstechnologie künftig auch auf eine ganze Reihe anderer Produkte unterzubringen, zum Beispiel auf Computern. In Las Vegas stellte Ballmer einige neue Einsatzmöglichkeiten fürs Wohnzimmer vor. So soll Kinect demnächst auch mit Videodiensten wie Hulu oder Netflix arbeiten können. Die Auswahl und die Wiedergabe von Videos und Filmen kann durch Gesten oder Stimmkommandos gesteuert werden. Ballmers Vision ist, dass die Xbox zusammen mit Kinect der zentrale Knoten für alle Unterhaltungsaktivitäten im Haushalt wird, angefangen vom Spielesystem über das Videoportal bis hin zum interaktiven Fernseher, über den sich dann auch Menschen treffen können. Nach Angaben von Ballmer hat Microsoft bis heute mehr als 50 Millionen Exemplare der Xbox 360 verkauft.
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