31.08.2010 · Der De-Cix fing 1995 mit drei Kunden in einem Gebäude der Post in Frankfurt an. Mittlerweile ist der größte Internetknoten weltweit daraus geworden. Arnold Nipper begleitet den Aufstieg seit Beginn.
Von Thorsten WinterArnold Nipper steht nicht gern vorne auf der Bühne. Das Gesicht des Internetaustauschknotens De-Cix in Frankfurt ist Marketingchef Frank Orlowski. Nipper zieht lieber im Hintergrund die Fäden, wenn er sich als technischer Leiter um den laufenden Betrieb kümmert. Aber in diesen Tagen kann er nicht vermeiden, „in den Vordergrund geschoben“ zu werden, wie er es ausdrückt. Denn der De-Cix mit Sitz an der Lindleystraße feiert 15. Geburtstag. Und Nipper zählt zu den Gründungsvätern.
Ein solcher Jahrestag wäre in anderen Branchen nicht der Rede wert, nur stehen Internetunternehmen für einen jungen Wirtschaftszweig. Zudem zählt die 19 Mitarbeiter starke De-Dix GmbH als Internetknoten-Betreiberin zu den Aushängeschildern dieser Branche in Deutschland. Für Frankfurt gilt dies in besonderem Maße. Der De-Cix spielt die gleiche Rolle wie der Flughafen: Er verbindet Ziele in aller Welt miteinander und wickelt als Drehkreuz täglich eine Menge Verkehr ab. Datenverkehr der eine, Luftverkehr der andere. Dabei spielt der Internetknoten in seiner Branche sogar eine größere Rolle als der Flughafen. Denn größer als der Frankfurter Knoten ist keiner auf der Welt.
Dem Amsterdamer Amsix enteilt
Im April hat der De-Cix den Konkurrenten Amsix in Amsterdam überholt. Zu Wochenbeginn flossen im Durchschnitt rund 670 Gigabit je Sekunde durch den De-Cix, der Spitzenwert lag bei 1476 Gigabit oder 1,4 Terabit, die zwischen verschiedenen Netzen von Internet-Anbietern wie Google, Yahoo oder Microsoft ausgetauscht wurden. Die tägliche Datenmenge füllt mehr als eine Million DVD. Zum Vergleich: Der Amsix meldete bis zum Nachmittag einen Mittelwert von 640 Gigabit und 946 in der Spitze.
Orlowski spricht von einer natürlichen Entwicklung. In Osteuropa, wo das Unternehmen hauptsächlich tätig sei, wachse die Nachfrage nach Breitbandangeboten für Internetdienste stark. Mithin verschiebe sich das Zentrum des europäischen Internets nach Osten, und von dort aus liege Frankfurt näher als Amsterdam.
Ein Arbeitskreis am Anfang
Nipper vergleicht den Knoten wiederum gerne mit einem Partytreffpunkt, der beliebter wird, je mehr Menschen dort feiern. Für die Vertreter der großen Telekommunikationsunternehmen aus dem Osten ist ein Anschluss am De-Cix ein Muss – und sie ziehen amerikanische Firmen nach, die sich mit ihnen vernetzen wollen. Dadurch steigt die Zahl derjenigen, die neu hinzustoßen, jährlich um ein Fünftel. 360 Kunden sind es derzeit.
Von solchen Dimensionen war 1995, als der De-Cix gebildet wurde, noch nicht annähernd die Rede. Auch war er noch gar kein Unternehmen, sondern vielmehr ein Arbeitskreis unter dem Dach des Verbands der deutschen Internetwirtschaft, genannt Eco. Ganze drei Kunden zählte der De-Cix damals, verbunden waren sie über einen sogenannten Switch in einem Post-Gebäude an der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Den Knoten zu schaffen, ist aus Nippers Sicht eine naheliegende Idee gewesen. Denn zu jener Zeit mussten alle Datenpakete, die zwischen zwei Internetunternehmen in Deutschland hin- und hergeschickt wurden, über ein Netz in den Vereinigten Staaten laufen. Mithin überquerten sie zweimal den Atlantik.
„Messbar, aber nicht wahrnehmbar“
150 Millisekunden dauerte dies, wie Nipper sagt. Nicht mehr als ein Wimpernschlag, doch aus Sicht eines Internetunternehmers „nicht sonderlich performant“ – also langsam. Heutzutage benötigen über den De-Cix ausgetauschte Daten vom Absender zum Empfänger weniger als eine Millisekunde. „Das ist messbar, aber nicht wahrnehmbar“, wie der technische Leiter sagt. Aber da gerade in der Finanzwirtschaft Zeit auch Geld ist, etwa beim Wertpapierhandel, sind solche Miniaturvorsprünge wesentlich für das Geschäft.
Die Finanzwirtschaft war ein wichtiger Grund, den De-Cix in Frankfurt anzusiedeln statt in Städten wie Karlsruhe, wo das deutsche Internet aus der Hochschule heraus befördert wurde. In Karlsruhe wurzelt auch Nippers Internetkarriere. Der Mathematiker fing 1989 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der dortigen Universität an – bei einem Professor, der meinte, Deutschland benötige eine Internetverbindung. Im August 1989 war es soweit: Über ein Siemens-Netz dockten sich die Badener in New York an. In der Folge ist eine Branche entstanden, die zuletzt nur Wachstum gekannt hat. Die via De-Cix ausgetauschten Datenmengen verdoppeln sich jährlich in etwa. Einmal 4000 Kunden weltweit zu erreichen, hält Nipper für realistisch.