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Apples iPhone 4 im Test Schon wieder ein Kultobjekt aus Cupertino

24.06.2010 ·  Das iPhone 4 von Apple kommt an diesem Donnerstag in den Handel. Die Nachfrage ist immens, wie immer gab es schon vorab manche Aufregung. Der Praxistest hat gezeigt: Das neue iPhone ist ein großartiges Gerät, ein Meisterstück.

Von Michael Spehr
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Apple präsentiert ein neues iPhone, und daraus wird natürlich gleich ein Weltereignis, zumindest im Internet. Gerüchte, ein angeblich verlorener Prototyp, wilde Spekulationen und dann endlich die Ankündigung durch Steve Jobs persönlich auf einer Entwicklerkonferenz. Der Hohepriester zeigt das Kleinod vor mehr als 5000 Gläubigen. Man kann nur den Kopf schütteln angesichts des Hypes, der derzeit um Apple-Produkte gemacht wird. Und man fragt sich: Wie soll das weitergehen, wo führt das hin?

Zunächst die Eckpunkte: Das iPhone 4, ausgestattet mit einem ebenfalls neuen Betriebssystem iOS 4, ist keine Weltsensation. Es kann nichts, was man nicht schon anderswo gesehen hätte. Es ist eine sinnvolle und konsequente Erweiterung des älteren iPhone 3GS, es führt bewährte (und umstrittene) Traditionen fort, die Verbesserungen liegen im Detail - und einige sind durchaus spektakulär.

Das neue iPhone ist ungeachtet dieser Relativierungen in der Gesamtschau auf den Markt ein großartiges Gerät, ein Meisterstück. Das neue Design verabschiedet sich von den runden, geradezu bauchigen Formen der Vorgänger, es wirkt straffer, markanter. Steve Jobs sprach von einer Reminiszenz an den Kamerahersteller Leica, und damit hat er nicht unrecht. Das iPhone 4 ist 9,3 Millimeter dünn und damit eines der flachsten Smartphones überhaupt.

Rund 100 Euro teurer als vergleichbare Produkte der Oberklasse

Sodann die Materialien und die Verarbeitungsqualität: Dieses Gerät ist zwar rund 100 Euro teurer als vergleichbare Produkte der Oberklasse. Aber die sonst übliche krasse Diskrepanz zwischen toller Software und billiger Hardware ist hier nicht zu beobachten. Das iPhone 4 ist aus einem Guss. Die Vorder- und Rückseite bilden zwei glänzende Glasplatten aus Aluminiumsilikat, die 20 Mal härter und 30 Mal fester als Plastik sind, sagt Apple. Der gefräste Rahmen aus Edelstahl ist die tragende Struktur und fungiert als Antenne für die diversen Funkmodule. Das Gerät ist extrem verwindungssteif, wir haben noch nie ein so hochwertiges Smartphone in der Hand gehalten, da kommt Begeisterung auf.

Grundlegend verbessert wurde die Fotoabteilung. Das iPhone 4 hat jetzt zwei Kameras, rückseitig nun mit 5 Megapixel auflösend, und eine zweite kleine an der Vorderseite für die Videotelefonie mit 0,3 Megapixel. Ein LED-Blitz unterstützt die Optik, und die Hauptkamera verweigert sich zwar dem üblichen Megapixel-Rennen, verwendet jedoch besonders große und damit empfindliche Sensoren (1,75 µm). Das Ergebnis sind sehr gelungene Außenaufnahmen, die mit den Fotos einer Kompaktkamera mithalten können. Unter schlechten Lichtverhältnissen hängt alles davon ab, welche Belichtungszeit die (nicht zu beeinflussende) Automatik wählt. Etliche unserer Schnappschüsse waren wegen zu langer Belichtungszeit verwackelt. Der Fotograf hat wie gehabt kaum manuelle Eingriffsmöglichkeiten, sie beschränken sich auf die Festlegung der Autofokus-Zone mittels Fingertipp und die Blitzsteuerung.

Das neue iPhone nimmt ferner Videos in HD-Qualität auf (720p), wobei man allerdings einen Bildstabilisator vermisst. Die Filme lassen sich mit dem Zusatzprogramm iMovie sogar am Gerät schneiden und mit allerlei hübschen Effekten versehen. In Sachen Multimedia ist das iPhone 4 also ein klarer Gewinner, zumal mit der Anbindung an die Musiksoftware iTunes und ihrer Fülle der Möglichkeiten. Neu hinzugekommen ist die Videotelefonie, die es auch bei anderen Geräten und Betriebssystemen schon länger gibt. Apple nennt sie Facetime, und sie funktioniert nur mit zwei iPhone 4, die beide in ein W-Lan-Netz eingebucht sein müssen. Dann macht das Ganze aber richtig Spaß (und es fallen vom Start des Videomodus an keine weiteren Gesprächsgebühren an).

Aktuelle Android-Smartphones liegen bei 800 x 480

Der nächste große Pluspunkt ist das Display mit einer nunmehr auf 960 x 640 Pixel erhöhten Auflösung. Zum Vergleich: Die älteren Modelle bringen es auf 480 × 320 Pixel, und aktuelle Android-Smartphones wie das Nexus One liegen bei 800 x 480. Hier setzt also das iPhone 4 eine neue Rekordmarke, und die immense Auflösung ist beim Betrachten von Fotos und Videos allemal von Vorteil. Die Bildschirmdiagonale beträgt nach wie vor neun Zentimeter, und so ist bei der Darstellung von Texten die Punktdichte von 326 Pixel je Zoll geradezu atemraubend. Man sieht in der Regel keine einzelnen Pünktchen mehr, sondern eine gestochen scharfe Schrift, so klein sie auch sein mag. Bei den meisten Smartphones gehen mit höherer Auflösung kleinere Symbole und Schaltflächen der Bedienungsoberfläche einher. Apple hat sich jedoch für eine seniorenfreundliche Lösung entschlossen, so dass die gesamte Bildschirmdarstellung exakt so aussieht wie bei den älteren iPhones.

Das hört sich zunächst gut an, bringt aber einen gewaltigen Nachteil mit: Wenn es um E-Mail oder das Internet-Surfen geht, zeigt der Bildschirm des iPhone 4 nicht ein Fitzelchen mehr Information als der eines älteren Modells. Die Darstellung ist nur schärfer. Von faz.net sieht man etwa beim iPhone 3GS und 4 die obersten drei Nachrichten im Überblick, auf dem 4er selbst in der Übersichtdarstellung so knackscharf, dass man die kleine Schrift lesen kann. Auf dem Nexus One sind es indes fünf Artikel in Mini-Schrift, und dieses Manko zieht sich beim iPhone 4 derzeit auch durch alle Apps: Man sieht nicht mehr, obwohl die höhere Auflösung mehr zeigen könnte, etwa bei der E-Mail oder beim Lesen von Twitter- und RSS-Nachrichten. Hier ist eine Chance vertan worden. Warten wir ab, ob sich das mit neuen Apps ändert.

Kein Multitasking im gewohnten Sinne

Nur am Rande angemerkt sei ein weiterer Nachteil des Safari-Browsers: Zwar kann man mit einem Doppeltipp auf den Bildschirm Zeilen- und Bildschirmbreite aneinander anpassen. Wer im gesetzten Alter und mit müden Augen eine größere Schrift braucht, kann zwar mit einer Zwei-Finger-Geste die Schrift schnell skalieren, es fehlt dann aber ein entsprechender Zeilenumbruch. Beim Android-Browser gelingt beides: XXL-Schrift plus automatischer Zeilenumbruch.

Das neue Betriebssystem iOS 4, das sich mit Einschränkungen auch auf den älteren Modellen installieren lässt, soll nun Multitasking bieten, also die Möglichkeit, dass ein Programm im Hintergrund weiterläuft. Ein Multitasking im gewohnten Sinne ist das jedoch nicht, sondern die Implementierung von mehreren Diensten, darunter die Möglichkeit, Internet-Telefonate jederzeit entgegennehmen zu können, Musik jenseits des iPod-Spielers über eine andere App zu hören oder den GPS-Satellitenempfang weiterlaufen zu lassen. Alle Apps müssen für dieses eingeschränkte Multitasking angepasst werden, wir konnten deshalb noch keine Erfahrungen sammeln. Zwischen den Apps lässt sich nun schneller mit doppelter Betätigung der Home-Taste umschalten, es werden dann die zuletzt aufgerufenen Programme in einer Menüzeile am unteren Bildschirmrand eingeblendet.

Im Standby-Modus zeigt es Neuheiten nicht

Ein Ärgernis bleibt: die Push-Notifications, die auf neue Ereignisse hinweisen, seien es Twitter-Nachrichten oder Chat-Anfragen. Die Meldung erscheint auf dem Bildschirm, und sie muss den Umweg über Server von Apple gehen. Die Push-Notifications arbeiten nicht immer zuverlässig, und wer viele bekommt, verliert schnell den Überblick. In dieser Hinsicht ist ein Android-Smartphone mit seinen zusammenfassenden Statusinformationen in der oberen Menüzeile deutlich besser, alle Meldungen lassen sich mit einem Blick erfassen, bei vielen Androiden gibt es außerdem einen optischen Hinweis mit einer Leuchtdiode. Das iPhone 4 im Standby-Modus zeigt indes nicht, ob es Neuheiten gibt, auch die E-Mail-Anzeige mit einem roten Emblem über dem Programm-Icon ist bei vielen ungelesenen Nachrichten nur wenig aufschlussreich.

Allerdings hat Apple das E-Mail-System und die Datensynchronisation mit verschiedenen Konten gründlich verbessert: Nun gibt es ein Sammelpostamt für alle Kanäle, die Sortierung der Nachrichten nach Unterhaltungen, und man kann diverse Kalender in eine Gesamtdarstellung zusammenführen. Wer unterwegs viel schreibt, darf nun eine Bluetooth-Tastatur anschließen, Ordner für die Apps schaffen Übersicht auf dem Startbildschirm. Die Spotlight-Suche wurde erweitert und verbessert, und im Safari-Browser lassen sich neben der Google-Suchmaschine auch die von Yahoo oder Microsofts Bing auswählen. Das iPhone 4 ist schneller als seine Vorgänger, es verwendet den im iPad eingesetzten A4-Prozessor mit 1 Gigahertz. Trotzdem hält sein Akku etwas länger durch, bei mäßiger Nutzung bis zu zwei Tage. In Frankreich und Großbritannien kostet das iPhone 4 mit 16 oder 32 Gigabyte Speicher zwischen 630 und 750 Euro, und es wird ohne Netlock-Sperre ausgeliefert. In Deutschland ist es nur mit dieser unzeitgemäßen Schikane bei der Telekom erhältlich, und zwar in Verbindung mit den alten (und wenig attraktiven) iPhone-Tarifen. Zu beachten ist ferner, dass sich nur eine Micro-Sim-Karte einsetzen lässt.

Alles in allem ist das iPhone 4 ein sehr empfehlenswertes Gerät. Es bleiben die allseits bekannten Nachteile des „goldenen Käfigs“ rund um die App-Welt und das geschlossene Betriebssystem, für das viele anderswo selbstverständliche Funktionen nicht zu haben sind. Aber es hat wohl niemand erwartet, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändern würde. Mit dem iPhone 4 fokussiert sich Apple vor allem auf bessere Multimedia-Eigenschaften. Das ist eine Richtungsentscheidung, die wahrscheinlich den Geschmack des breiten Publikums am ehesten trifft. Wer zu der Minderheit gehört, die ihr Smartphone in erster Linie als Kommunikationszentrale einsetzt, sehr intensiv im Netz unterwegs ist und jederzeit in alle Richtungen funkt, der findet in dem offenen Betriebssystem Android eine schöne Alternative.

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