15.04.2010 · Wie sieht es mit den „Apps“ aus, die sich in Apples Store tummeln? Fast alle Apps laufen zwar auch auf dem iPad. Aber: Die iPad-Apps sind teurer als die fürs iPhone und den iPod Touch - und sie reizen seine Leistungsfähigkeit nicht voll aus.
Von Michael SpehrDas iPad ist gelandet, wir haben den Tablet-PC von Apple kritisch vorgestellt. Er ist ein ordentliches Lesegerät für WWW-Seiten und E-Mail, so unser Fazit, aber kein Notebook-Ersatz. Doch wie sieht es mit den „Apps“ aus, also den mehr als 150.000 Zusatzprogrammen, die sich in Apples Online-Geschäft tummeln?
Zunächst die gute Nachricht: Fast alle Apps für das iPhone und den Musikspieler iPod Touch laufen auch auf dem iPad. Dessen höhere Bildschirmauflösung von 1024 × 768 Pixel ist jedoch eine Herausforderung für alte Apps, die für eine Auflösung von 320 × 480 Pixel optimiert wurden. Auf dem iPad laufen sie wahlweise in einem mittig auf dem Bildschirm plazierten Fenster in Originalauflösung oder mit hochgerechneter doppelter Pixelzahl fast formatfüllend. Beides ist kein schöner Anblick, das iPad schreit geradezu nach Apps, die seine Leistungsfähigkeit voll ausreizen.
Bis zum Markstart in Deutschland, nunmehr auf Ende Mai verschoben, kommt man jedoch an die für das iPad angepassten Apps nicht heran. Der App-Store weist Kunden mit einem deutschen Account zurück. Die derzeit einzige Lösung besteht darin, ein amerikanisches App-Store-Konto anzulegen. Stöbern, einkaufen und bezahlen funktioniert dann wie beim iPhone mit iTunes als unabdingbarer Schaltzentrale. Derzeit sind schon viele Standard-Apps angepasst, man erkennt sie an einem kleinen Pluszeichen, und wir haben einige ausprobiert.
Teuer als die fürs iPhone und den iPod Touch
Generell gilt: Die iPad-Apps sind teurer als die fürs iPhone und den iPod Touch. Was auf den Kleingeräten 80 Cent kostet, steht für das iPad mit einem Fünf-Dollar-Schildchen im virtuellen Kaufhausregal. Ein Aufgaben-Manager wie „Things“ kostet in geringer Bildschirmauflösung hierzulande acht Euro, die iPad-Variante schlägt indes mit 20 Dollar zu Buche. Nicht wenige Programme liegen bei mehr als 30, einige sogar bei 50 Dollar. Auch die Preise für Spiele ziehen deutlich an.
Meistgekauft in den Vereinigten Staaten sind derzeit die Textverarbeitung Pages, die Tabellenkalkulation Numbers und die Präsentationssoftware Keynote, allesamt von Apple aus dem iWork-Paket ausgegliedert, jedes einzelne kostet zehn Dollar. Das alles sind keine beunruhigenden Nachrichten, schließlich gibt man für Windows- oder Mac-Software deutlich mehr Geld aus. Und die Apps bereiten mit der höheren Bildschirmauflösung mehr Freude. Sind Spiele auf dem iPhone oder iPod Touch eine doch irgendwie fummelige Angelegenheit für Solisten, macht das iPad deutlich mehr Spaß. Man kann gut zu zweit spielen, der Tablet-PC wird unversehens zum Scrabble- oder Backgammon-Brett.
Abenteuer aus den Abteilungen Action, Autorennen oder Sport profitieren ungemein von der höheren Auflösung, zeigen mehr Details und reagieren dank des 1-Gigahertz-Prozessors schneller. Und natürlich haben Filme, Videos und TV-Episoden auf dem Tablett eine großartige Zukunft – wenngleich das Gerät zum längeren Halten etwas zu schwer ist.
Kalender oder Adressbuch sehen wunderbar aus
Wer sein iPad als Arbeitsgerät einsetzen will, freut sich schon bei den eingebauten Programmen für Internet, E-Mail, Kalender und Kontakte über den Gewinn an Text und Bild. Die genannten Programme hat Apple vor allem hinsichtlich der Optik aufgewertet. Kalender oder Adressbuch sehen wunderbar aus. Bei der E-Mail wird der aktuelle Posteingang in einer (ausblendbaren) Seitenspalte angezeigt. Wie gehabt arbeitet das iPad mit allen Diensten zusammen, die auch das iPhone unterstützen.
Wir konnten problemlos mit unserem Exchange-Server (2003) im Unternehmen synchronisieren (nur bleiben, wie beim iPhone, Notizen und Aufgaben außen vor). Schreiben von E-Mail ist mit der großen virtuellen Bildschirmstastatur einfacher als mit dem Smartphone. Aber man kann, wie wir berichtet hatten, die Finger nicht auf dem kapazitiven Display ablegen, und es fehlen Tasten für die deutschen Umlaute. Man erzeugt sie wie beim iPhone durch einen längeren Tastendruck.
Geht es um soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, sind die iPad-Apps ebenfalls denen des Smartphones überlegen: Dank der größeren Übersicht fließt ein breiterer Daten- und Nachrichtenstrom an einem vorbei. Noch sind einige Apps nicht ganz ausgereift. Das oft gelobte und bei uns auf dem iPhone gern eingesetzte Tweet Deck verschenkt im Hochformat viel nutzbare Fläche durch sein Logo und hatte im praktischen Einsatz etliche Probleme, die Twitter-Nachrichten auf dem Laufenden zu halten. Twitterrific arbeitete bei uns besser.
Die Apps laufen stets bildschirmfüllend im Vordergrund
Indes richtet sich die schöne Flunder eher an den passiven Konsumenten als an denjenigen, der aktiv mit eigenen Inhalten arbeiten will. Wer eine E-Mail mit diversen Anhängseln aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen muss, Dinge neu arrangiert, Daten aus der „Cloud“ holt, wird am iPad keine Freude haben. Die Apps laufen stets bildschirmfüllend im Vordergrund, sie lassen sich nicht als Fenster anordnen oder in der Größe ändern. Stets muss man beim Umschalten von einer App zur nächsten über die Home-Taste gehen, dabei wird das laufende Programm geschlossen. Man vermisst eine schlichte Tastenkombination wie „Alt-Tab“ unter Windows, um schnell von einem Fenster zum nächsten zu springen. Mit dem Betriebssystem OS 4, das im Herbst auf das iPad kommt, sollen Verbesserungen einhergehen. Die zuletzt aktiven Apps tauchen dann unten in einer Menüleiste auf.
Ein weiteres Ärgernis ist indes auch mit OS 4 nicht beseitigt: Das Fehlen eines dem Nutzer zugänglichen Dateisystems. Man kann mit dem iPhone keine Anhängsel einer E-Mail speichern, und wer mit Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation liebäugelt, sollte wissen, dass eigene Dokumente stets nur über den Umweg einer iTunes-Synchronisation ins Tablett kommen. Wer das Gerät als Kommunikationszentrale einsetzen will, sieht zudem nicht auf einen Blick, welche Meldungen, Chat-Anfragen oder E-Mail neu eingetroffen sind.
Kein Bedarf für zusätzliche Apps
Abschließend ein Blick auf das Lesen von Nachrichten mit dem iPad. Wir hatten geschrieben, dass die Darstellung der einschlägigen WWW-Seiten im eingebauten Safari-Browser so gut und gelungen ist, dass kein Bedarf für zusätzliche Apps entsteht. Noch nie konnte man mit so wenig Hardware auf so viele Inhalte zugreifen. Die bislang abrufbaren Apps der amerikanischen Verlage bestätigen diese Einschätzung: Erstens bieten die meisten kostenpflichtigen Apps deutlich weniger als die Gratisangebote derselben Anbieter im Web.
Zweitens sind die Preise zu hoch. Das „Time Magazine“ für das iPad kostet pro Ausgabe fünf Dollar, ein Jahresabonnement des gedruckten Magazins indes nur 20 Dollar. Wer auf dem iPad wirtschaftlichen Erfolg haben will, benötigt drittens exklusive, hochwertige Inhalte jenseits des Einheitsbreis aus dem Newsroom. Für solche aufwendigen Produktionen haben indes die Print-Verlage weder Geld noch Ressourcen.
Alternativen zum iPad
Tablet PCs werden in diesem Jahr zur Mode. Die Gerätegattung ist nicht neu, aber sie erlebt nun einen neuen Aufschwung. In der vergangenen Woche hat das junge Unternehmen We Pad in Berlin ein gleichnamiges Produkt vorgestellt, das im Unterschied zum iPad auf jedwede Barrieren verzichten soll. Das We Pad mit USB-Schnittstelle, 16 Gigabyte Speicher und Wireless LAN soll noch in diesem Sommer für 450 Euro in den Handel kommen, eine Variante mit UMTS, GPS und 32 Gigabyte ist ebenfalls angekündigt. Auf der Pressekonferenz der vergangenen Woche wurde zwar die Hardware gezeigt, aber entgegen den Angaben des Herstellers lief auf dem Gerät Windows und nicht etwa Linux mit Multitouch-Oberfläche. Auch wollte man das We Pad nicht in Aktion zeigen, es lief nur ein Video als Endlosschleife. Was aus diesen vielversprechenden Ankündigungen wird, ist also noch ganz und gar offen. Weitere iPad-Konkurrenten werden von Google und Nokia erwartet. Im Sommer kommt ebenfalls der Slate von HP mit einer Bildschirmauflösung von 1024 × 600 Pixel, einem 1,6 Gigahertz-Atom-Prozessor, 32 oder 64 Gigabyte Speicher, erweiterbar mit SD-Karten. Das 670-Gramm-Gerät arbeitet unter Windows 7 und soll mit einer Akkuladung rund fünf Stunden arbeiten. Es wird umgerechnet rund 450 Euro kosten.