11.08.2008 · Es muss nicht unbedingt Windows sein: Immer mehr Computernutzer entscheiden sich für den Mac. In Amerika trägt jeder zweite PC über 1000 Dollar ein Apple-Logo. Das Unternehmen ist dort der drittgrößte Computerhersteller. Für den wachsenden Erfolg gibt es gute Gründe.
Von Michael SpehrWir merken es im Bekanntenkreis und unter den Lesern: Das Wechselfieber ist ausgebrochen, Apples Mac wird immer populärer. Die subjektive Beobachtung deckt sich mit sämtlichen Studien aller großen IT-Forschungsinstitute: Der Marktanteil der Apple-Rechner liegt zwar noch bei weniger als zehn Prozent, wächst aber seit zwei Jahren rasant, während die verschiedenen Windows-Varianten langsam und kontinuierlich verlieren. In Amerika ist jeder zweite PC über 1000 Dollar, den der amerikanische Einzelhandel an Privatkunden verkauft, ein Mac. Und Apple ist in der drittgrößte Computerhersteller nach Hewlett-Packard und Dell, in der Welt liegt das Unternehmen auf Platz 6. Irgendwas ist also dran an der Begeisterung für die Produkte aus dem kalifornischen Cupertino.
Der Wechsel von Windows zum Mac kann viele Gründe haben. Da ist zunächst der Primat des Designs über die Technik. Das Produkt ist stets monolithisch, aus einem Guss, man sieht und fasst es gern an, ein iMac kann ein Schmuckstück auf dem Schreibtisch sein. Der Primat des Designs setzt sich fort bei der Software und der Bedienungsoberfläche. Sie ist klar, freundlich und hell, fein gezeichnet mit sympathischen Symbolen. Und vor allen Dingen ist sie im Unterschied zu Windows nicht aufdringlich. Sie will nicht mit plötzlich aufploppenden Sprechblasen belehren. Sicherheitshinweise und Kennwortabfragen sind mit Sorgfalt eingesetzt. Sie stören nicht ständig wie die enervierenden „Sind Sie sicher?“-Meldungen von Windows Vista. Der Mac verhält sich zu seinem stolzen Besitzer wie ein guter Freund, er ist offen, ehrlich und hilfsbereit. Alles das ist ein Windows-PC jedenfalls dann nicht, wenn man sich mit Details beschäftigen will oder muss, wenn Fehler auftreten und das System nicht mehr rund läuft.
Die Unterschiede zeigen sich bei der Wartung
Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Man kann auch mit Vista glücklich und zufrieden arbeiten. Aber die Unterschiede zum Mac-Betriebssystem zeigen sich vor allem demjenigen, der den Rechner wartet, also eingreifen muss, wenn es klemmt, wenn der PC mit Software aus dem Internet zugemüllt ist und im Schneckentempo läuft, die Netzwerkverbindung zum Router hakt oder der frisch erworbene Scanner streikt. Windows kann einen in solchen Fällen an den Rand des Nervenzusammenbruchs führen. Der Mac schon deshalb nicht, weil hier vieles deutlich einfacher ist und sich das Betriebssystem auf wesentliche Dinge konzentriert. Warum muss ein USB-Stick einen Laufwerkbuchstaben haben, den man unter Windows nur mit beträchtlichem Aufwand ändern kann? Beim Mac erscheint das Speichermedium mit seinem Namen auf dem Desktop, und damit ist alles gut.
Dass Windows unzweifelhaft in vielen Details leistungsfähiger ist, dass es kompatibel zu alten Vorgänger-Versionen sein will, dass sogar manche Programme aus der DOS-Zeit laufen und Windows im geschäftlichen Einsatz beim Management von Tausenden Rechnern unbestreitbare Vorzüge hat: das alles ist richtig. Apple hingegen hat mehrfach alte Zöpfe abgeschnitten, und dabei ist mit dem aktuellen OS X Leopard ein elegantes, benutzerfreundliches, stabiles und sicheres Unix-Betriebssystem herausgekommen.
Das größte Problem beim Umstieg ist Outlook
Den Umstieg auf den Mac bereut man in der Regel nicht. Wer es gewohnt ist, sich beim Kauf eines neuen Windows-PCs zunächst zwei Abende zwecks Konfiguration und Beseitigung unerwünschter Werbe-Beigaben des Herstellers zurückzuziehen, kann mit einem neuen Mac gleich loslegen. Dateien vom Windows-Rechner lassen sich am besten auf einer externen Festplatte übertragen, und schon die unentgeltlich mitgelieferte Software-Ausstattung ist für die private Nutzung vollkommen ausreichend, wenn es um Internet, Fotos und Videos, Adressverwaltung, Kalender und E-Mail geht. Für einen Aufpreis von 79 Euro bekommt man iWork mitsamt Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware. iWork importiert Dateien aus der Microsoft-Welt und kann sie auch in den Formaten von Word, Excel oder Powerpoint speichern. Mehr Leistung bietet Microsofts Office 2008 für den Mac, das in verschiedenen Varianten von 120 Euro an zu haben ist. Anfangs wegen zahlreicher Fehler heftig von der Mac-Gemeinde kritisiert, haben die Entwickler in den vergangenen Monaten mit Updates kräftig nachgebessert, so dass wir mittlerweile Office 2008 durchaus empfehlen können.
Das größte Problem beim Umstieg ist Outlook. Das Microsoft-Pendant für den Mac heißt Entourage, es bietet nicht die gleiche Funktionalität und verweigert sich unverständlicherweise den Outlook-Datendateien. Indes lassen sich mit der Software Thunderbird alte Nachrichten herüberretten. Wir haben auf unserem Mac nur Microsoft Office 2008 und den Firefox-Browser installiert. Mehr braucht man eigentlich nicht. Das Betrachten und Erstellen von PDF-Dateien beherrscht OS X von Hause aus, auch das Brennen von CDs und DVDs. Bluetooth und Wireless-Lan sind bei vielen Geräten eingebaut, und für die meisten Drucker benötigt der Mac keine gesonderte Software. Voilà, nach einer Stunde läuft alles so, wie es sein soll.
Im Rückblick fällt als Erstes auf, dass wir keinerlei Probleme hatten
Gewöhnungsbedürftig ist nur die Tastenbelegung, insbesondere der Klammeraffe „@“ auf der Taste „L“ und die von Word und Excel. Dass auf den aktuellen Macs mit Intel-Prozessoren sogar Windows läuft, sei nur am Rande erwähnt. Für Spezialaufgaben im Kreativbereich rund um Foto, Video und Audio oder Desktop Publishing ist der Mac bestens gerüstet, beispielsweise mit der Adobe-Produktfamilie. In Sachen Videoschnitt und Videokonvertierung oder DVD-Produktion hat man deutlich mehr Tempo und deutlich weniger Probleme als unter Windows. Reduziert ist hingegen das Angebot an Spielen, und eine leistungsfähige Spracherkennung mit der Leistungsfähigkeit von Dragon Naturally Speaking sucht man auf dem Mac vergebens. Die Einbindung in ein kleines Netzwerk mit Dateifreigaben, Drucken übers Netz und Datenaustausch gelingt wiederum reibungslos.
Im Rückblick auf viele Monate mit dem Mac Book fällt als Erstes auf, dass wir keinerlei Probleme hatten. Kein einziger Absturz (es gibt sie aber, die Abstürze), keine offenen Fragen (auch dank der hervorragenden Hilfefunktion), keine langwierigen Recherchen im Internet nach Treibern, keine kryptischen Fehlermeldungen, keine Ärgernisse durch Systemmeldungen, keine Netzwerkpannen, keine Aufdringlichkeiten durch besserwisserische Software, kein ständiges Herumrödeln der Festplatte für die rechnerübergreifende Suchfunktion „Spotlight“ und keine Angst vor Schadsoftware (die Wikipedia berichtet von einem Computerwurm in freier Wildbahn, der vom Anwender willentlich installiert werden musste).
Jeder Windows-Nutzer kennt die Abgründe
Vermisst haben wir eigentlich nur zwei Dinge: die Einbindung von FTP-Laufwerken mit Lese- und Schreibzugriff in den „Finder“ und in Anwendungsprogramme. Kann man unter Windows auf einem FTP-Server seine Daten wie auf einem USB-Stick ablegen, erlaubt der Mac nur einen Lesezugriff auf FTP-Laufwerke. Kleine Hilfsprogramme wie „Cyberduck“ oder „Dockdrop“ beseitigen das Problem zwar nicht, sind aber ein Notbehelf. Zweitens einen Kartenleser für Secure-Digital und Compact-Flash-Medien. Diesen schönen Komfort bietet nicht einmal der teuerste Mac Pro im Desktop-Gehäuse.
Und damit einige Hinweise zur Hardware: Auch wenn immer wieder einige Garagenbastler eigene Billig-PCs mit OS X ankündigen (und meist schnell wieder in der Versenkung verschwinden), gibt es den Mac nur von Apple. Diese enge Verknüpfung aus Hard- und Software kann man vortrefflich kritisieren. Sie bremst das Entwicklungstempo, und man muss das nehmen, was einem die Leute aus Cupertino vorsetzen. Sie kann allerdings auch vorteilhaft sein, wie unlängst Microsoft-Chef Steve Ballmer feststellte: Apple biete ein schmales, aber komplettes Angebot aus Hard- und Software. Microsoft hingegen hätte in der Vergangenheit häufig Kompromisse mit den Geräteherstellern eingehen müssen. In der Tat waren viele Probleme zum Marktstart von Vista unzureichenden Gerätetreibern geschuldet, und jeder Windows-Nutzer kennt die Abgründe, die sich bei exotischer Peripherie auftun können.
Im unteren Segment ist Apple teuer
Ein Billig-PC fehlt bei Apple. Wer nur 500 Euro ausgeben will, bekommt bei Aldi und anderen Discountern deutlich mehr Leistung und Ausstattung fürs Geld. Der günstigste Mac ist der Mini (ab 500 Euro), dessen Name mit nur 5 Zentimeter in der Höhe und einer Seitenlänge von 16,5 Zentimeter Programm ist. Er ist gewiss kein Arbeitstier für rechenintensive Aufgaben, macht sich aber prima in der Studentenbude. Das Gehäuse lässt sich allerdings ohne Spezialwerkzeug nicht öffnen, und wenn man ihn sinnvollerweise mit 2 Gigabyte Arbeitsspeicher ausstattet, die 120-Gigabyte-Festplatte der 80er vorzieht und Tastatur plus Maus ebenfalls bei Apple kauft, kommt man auf mehr als 700 Euro: Im unteren Segment ist Apple also teuer.
Bei den Mac Books, sieht es schon anders aus. Bei Verarbeitungsqualität, Gewicht, Leistung und Akkukapazität sind die Geräte in der Preisklasse zwischen 1000 und 1400 Euro ihren Windows-Kollegen ebenbürtig, ganz zu schweigen vom tollen Design. Nur bei den Anschlüssen herrscht Knausrigkeit, nicht nur für Speicherkarten. Es fehlt auch ein Express-Kartenschacht für das UMTS-Modul des Geschäftsreisenden. Der ist wiederum beim Mac Book Pro dabei, dazu kommen als weitere Pluspunkte die schnelleren Prozessoren, mehr Arbeitsspeicher und eine höhere Bildschirmauflösung bis 1920 × 1200 Pixel. Für die Pro-Modelle zahlt man in der Basisausstattung zwischen 1800 und 2500 Euro. Als Schmuckstück der Notebook-Reihe darf der Mac Book Air gelten, bei dem es gelang, in einem kleinen Gehäuse ein ausgewachsenes Display (1280 × 800 Pixel) und eine vollwertige Tastatur unterzubringen. Sieht man nur auf die technischen Daten, ist allerdings schon das kleinste der beiden Modelle für 1700 Euro maßlos überteuert. Der Air ist eben ein Designobjekt der Begierde.
Es gibt nur beschränkte Möglichkeiten der Aufrüstung
Fürs Büro empfiehlt sich der iMac. Hier steckt die Rechnereinheit samt optischem Laufwerk und Lautsprechern im Monitor (mit 51 oder 61 Zentimeter Diagonale). Die günstigste Variante ist für 1000 Euro zu haben, und zwar mit einem flinken Intel Core 2-Duo-Prozessor (2,4 Gigahertz). Dieser Preis ist heiß, selbst wenn man noch ein paar Euro für die Aufrüstung auf 2 Gigabyte Arbeitsspeicher dazurechnet. Nach oben reicht das Angebot bis zum 3-Gigahertz-Prozessor, dazu kann man 4 Gigabyte Arbeitsspeicher und eine 1-Terabyte-Festplatte buchen und landet dann bei gut 2300 Euro. Das „All-in-one“-Gehäuse ist freilich nicht jedermanns Sache: Ist ein Teil des PCs defekt, muss man den ganzen Boliden mit seinen 15 Kilogramm zur Werkstatt schleppen, und es gibt nur beschränkte Möglichkeiten der Aufrüstung. Auch das stark spiegelnde Display der iMacs wird häufig kritisiert.
Warum Apple in seinem Produktportfolio auf den klassischen PC in der vertrauten Bauform des Mini-Tower-Gehäuses verzichtet, wird vermutlich nur Steve Jobs wissen. Ein solches Gerät wäre für potentielle Umsteiger von Windows die erste Wahl. Demgegenüber ist der große Mac Pro (ab 2500 Euro) mit den Quad-Core-Prozessoren für den Privatanwender eindeutig überdimensioniert. Aber vermutlich ist die Erklärung ganz einfach: Der Mini-Tower wäre halt eine Nullachtfünfzehn-Kiste, wie man sie in jedem Elektronik-Supermarkt von der Palette abgreift. Und das geht aus Apple-Sicht nun wirklich gar nicht.