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Amazon Kindle Neues Lesefutter per Mobilfunk

22.11.2009 ·  Das elektronische Buch von Amazon kommt nach Europa. Aber nur die amerikanischen Angebote des Internetbuchhändlers lassen sich auf dem Kindle 2 lesen. Die Funkschnittstelle begeistert, die Hardware ist ordentlich, aber die Tücken liegen im Detail.

Von Michael Spehr
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Vielbestaunt, kaum gekauft: Auf der diesjährigen Buchmesse standen die E-Books abermals im Rampenlicht des Interesses, die Rede ist von der „Zukunft des Lesens“ oder dem „Buch 2.0“. Seit wir hier im Frühjahr das Sony PRS-505 vorgestellt hatten, ist das Hardware-Angebot deutlich gewachsen. Mittlerweile sind gut ein Dutzend Geräte unterschiedlicher Hersteller erhältlich oder zumindest angekündigt. Aber ein Durchbruch des elektronischen Buchs ist nicht in Sicht, die aktuellen Umsätze sind verschwindend klein. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind elektronische Bücher in Deutschland wegen der Buchpreisbindung nicht günstiger als die gedruckten, und zweitens setzen die deutschen Verlage auf eine digitale Rechteminderung (DRM), die den Kunden an einer äußerst kurzen Leine hält. Deutsche Titel im Epub-Format kann man nur auf einem einzigen PC kaufen, der mitsamt seiner einzelnen Hardware-Komponenten von Adobes Digital Editions überwacht wird. Die Einkäufe werden mit einer Kabelverbindung auf das Gerät übertragen, und gelesene Bücher lassen sich nicht verschenken. Man kann nicht einmal Spontankäufe direkt in der Buchhandlung tätigen, den Epub-Geräten fehlt eine Funkschnittstelle.

In den Vereinigten Staaten hingegen ist Internet-Buchhändler Amazon mit seinem „Kindle“ seit Jahren sehr erfolgreich, wenngleich Umsätze und Erlöse nicht kommuniziert werden. Nach Schätzungen wurden rund eine Million Geräte verkauft und bei (wenigen) Bestsellern bis zu 20 Prozent der Bücher elektronisch ausgeliefert. Nun ist der Kindle in Europa angekommen, es ist das amerikanische Gerät mit der Versionskennziffer 2 und englischer Menüführung. Zum Kaufpreis von 260 Dollar (175 Euro) müssen Zoll und Einfuhrsteuern hinzugerechnet werden. Das Gerät bringt kein für deutsche Steckdosen passendes Ladegerät mit, man muss den Akku vielmehr über USB am Computer laden. Mit dem Kindle kann man weiterhin derzeit nur auf das amerikanische Amazon-Angebot zurückgreifen. Es besteht aus rund 300.000 englischsprachigen Büchern sowie unzähligen internationalen Zeitungen und Zeitschriften.

Fest eingebautes Mobilfunkmodul mit einer Sim-Karte

Zur Übertragung der Inhalte nutzt der Kindle 2 ein fest eingebautes Mobilfunkmodul mit einer Sim-Karte von AT&T. Hierzulande hält sich das Gerät also im Roaming-Modus auf. Wo immer irgendein Netz verfügbar ist, kann man drahtlos auf Einkaufstour gehen. Die Mobilfunkabteilung nutzt UMTS, aber selbst bei schwacher Funkversorgung mit Edge oder GPRS merkt man kaum Tempoverlust. Gebühren für den Mobilfunk fallen nicht an, das Modul kann man zudem abschalten. Allerdings funktioniert der Internet-Browser des Kindle 2 im Roaming-Modus nicht. Um Bücher oder Zeitschriften zu kaufen, muss ferner ein Amazon-Konto vorhanden sein. Bei der Inbetriebnahme verknüpft man das Gerät mit diesem Konto. Alle eigenen Einkäufe sind bei Amazon vorgehalten, man kann sie - falls kein Funknetz zur Verfügung steht - manuell über USB aufs Gerät kopieren. Auf diese Weise kommt ferner eigene Musik in den Kindle, zur Wiedergabe gibt es einen Kopfhöreranschluss und zwei eingebaute Lautsprecher. Schließlich hat der registrierte Kindle 2 eine E-Mail-Adresse, mit deren Hilfe sich beispielsweise Word-Dokumente über Funk empfangen lassen. Der Absender muss dazu autorisiert sein, und für die Konvertierung sowie Übertragung fallen Gebühren an.

Das offene Epub-Format, für das viel gemeinfreie Literatur zu haben ist, unterstützt der Kindle 2 nicht. Vielmehr werden Bücher, Zeitungen und Zeitschriften von Amazon in einem proprietären und nicht offen gelegten Dateiformat mit der Endung „azw“ gespeichert, auch hier ist digitale Rechteminderung im Einsatz: Gelesene Bücher oder Zeitschriften lassen sich nicht weitergeben. Auch erwirbt man keine Titel, sondern ist nach den Amazon-Geschäftsbedingungen nur ein Lizenznehmer. Ferner ist es sogar möglich, dass die Amerikaner schon gekaufte Bücher dem Kunden über die Mobilfunkanbindung wieder entziehen. So wurden im Juli einige Titel von Geräten der Kunden aus der Ferne gelöscht, weil dem Verleger die Rechte zur Veröffentlichung als E-Book fehlten. Nach heftigen Protesten sicherte man zu, dass dies nicht wieder vorkommen werde.

Im praktischen Einsatz arbeitet die Funkschnittstelle reibungslos

Auch wenn sich manches Detail zunächst kompliziert anhört: Im praktischen Einsatz arbeitet die Funkschnittstelle reibungslos, und die Idee ist geradezu genial. Wann und wo immer man Lust und Zeit zum Lesen hat, kann man im Amazon-Shop stöbern, die Kundenbewertungen eines Buches lesen und sich sogar kleine Probehäppchen daraus zusenden lassen. Der Einkauf ist unkompliziert, und weil das Gerät mit einem Amazon-Konto verheiratet ist, muss man nicht einmal ein Kennwort eingeben (versehentliche Einkäufe lassen sich stornieren). Mit dieser schönen Freiheit greift man gern zu, der Kindle verleitet zu Spontankäufen, und dank der Funktechnik kann man eben ganz schnell während einer Bahnfahrt die aktuelle Ausgabe einer Zeitung oder Zeitschrift kaufen. Wer eine Zeitung für den Kindle abonniert hat, bekommt sie übrigens nachts automatisch zugestellt. Das alles ist viel freundlicher als die Umstandskrämerei, für die sich der deutsche Buchhandel entschieden hat.

Das Gerät selbst ist gut verarbeitet und einfach zu bedienen. Wie bei Sony verwendet das Display die E-Ink-Displaytechnik in Monochromdarstellung mit Graustufen, die gestochen scharfe Buchstaben hervorbringt und stundenlanges Lesen ohne Ermüden erlaubt. Das elektronische Papier zeigt Text und Bilder dauerhaft ohne Stromzufuhr an. Die Idee basiert auf der Elektrophorese, der Wanderung elektrisch geladener Teilchen durch eine Trägerflüssigkeit. Die Teilchen kann man sich wie kleine Kügelchen mit einer weißen und mit einer schwarzen Seite vorstellen, sie sind auf einer Folie aufgebracht. Die weiße Seite sind positiv geladene, die schwarze Seite negativ geladene Partikel. Elektrische Spannung an der Folie bewirkt, dass sich die Kügelchen so drehen, bis ein weißer oder schwarzer Pixel sichtbar ist, und wenn das Teilchen einmal seine Position eingenommen hat, behält es sie ohne weitere Energiezufuhr bei. Das E-Ink-Display kennt kein Flimmern, keine ungleiche Ausleuchtung, keine Reflexionen und Spiegelungen, es ist aber nur bei vorhandenem Licht lesbar, denn eine zusätzliche Beleuchtung fehlt, und es gibt ein leichtes Flackern beim „Umblättern“, genauer gesagt: beim Aufbau der nächsten Seite.

Der bislang nur in Amerika erhältliche Kindle DX ist deutlich größer

Wie die Sony-Apparate bietet auch der Kindle 2 eine Auflösung von 800 × 600 Pixel und eine Bildschirmdiagonale von 15 Zentimeter bei Gesamtmaßen von 20 × 13,5 × 0,9 Zentimeter und einem Gewicht von 290 Gramm. Der bislang nur in Amerika erhältliche Kindle DX ist deutlich größer und bringt es auf 25 Zentimeter und 1200 × 824 Pixel. Das Navigieren durch Bücher ist nahezu selbsterklärend, ein 4-Wege-Mini-Joystick hilft dabei, die Schriftgröße ist in sechs Stufen einstellbar. Ferner lassen sich Textpassagen hervorheben und mit eigenen Anmerkungen versehen, dazu existiert eine Tastatur unterhalb der Anzeige. Es gibt eine Volltextsuche und die Möglichkeit, englische Begriffe in einem auf dem Gerät gespeicherten Lexikon nachzuschlagen. Via Mobilfunk lässt sich ferner die englische Wikipedia „online“ nutzen. Der Kindle 2 hat zwei Gigabyte RAM eingebaut, die sich nicht mit Speicherkarten erweitern lassen. Rund 1,4 Gigabyte stehen für die eigene Lektüre zur Verfügung, das sind etwa 1500 Bücher. Der nicht vom Kunden wechselbare Akku hielt bei uns mit permanent eingeschaltetem Mobilfunk rund eine Woche, und das Übertragen eines Buches per Funk dauert selten länger als eine Minute.

Alles in allem kommt der Kindle 2 dem perfekten E-Buch sehr nahe. Wenn da nicht das nahezu ausschließlich amerikanische Angebot wäre. Ein großes Trostpflaster ist indes die Preisgestaltung ohne Buchpreisbindung: Fast alle Titel für den Kindle unterschreiten die amerikanischen Preisempfehlungen deutlich. Viele Bücher sind schon für weniger als fünf Dollar zu haben, und wer ein Fan englischsprachiger Bestseller ist, kann mit dem Kindle Etliches sparen. Ein typisches Beispiel für die Preisunterschiede: Was in der New Yorker Buchhandlung im Hardcover für 33 Dollar ausliegt, bietet Amazon für 23 Dollar im Versand und für 20 Dollar auf dem Kindle an. Umgerechnet 13,50 Euro. In deutscher Übersetzung kostet das gedruckte Buch 28 Euro.

Wir haben die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gelesen

Abschließend ein Blick auf die Zeitungen und Zeitschriften. Wir haben die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, das „Handelsblatt“, die „New York Times“ und das amerikanische „PC Magazin“ am Kindle gelesen. Die Preise für eine einzelne Ausgabe oder das Abonnement sind abermals sehr attraktiv, und der reine Lesevorgang bereitet keine Probleme. Aber die Umsetzung ist grottenschlecht. Es fehlen alle Bilder, Tabellen und Grafiken. Die „New York Times“ bringt genau ein Foto, nämlich das Titelbild. Der Verzicht auf sämtliche visuellen Elemente ist ein Unding, das allein verleidet einem sämtlichen Spaß am Zeitunglesen.

Ebenso fehlt jedwede Möglichkeit, sich auf gewohnte Weise in der Zeitung oder in dem Magazin zu orientieren, also zum Beispiel alle Artikel auf einer Seite in den Blick zu nehmen, schnell den jeweiligen Vorspann zu überfliegen und sich zielgerichtet interessant Erscheinendes herauszupicken. Dazu müsste das Display viel größer sein und Artikel über- oder nebeneinander zeigen. Man sieht im Inhaltsverzeichnis lediglich die Rubriken, dann kommen meist schon die Artikel. Bei der F.A.Z. erfährt man nicht einmal den vollständigen Namen des Ressorts „Deutschland und die ...“, und wer auf „Technik und Motor“ klickt, bekommt die einzelnen Artikel in einer scheinbar willkürlichen Reihenfolge vorgesetzt, nämlich zunächst den „Aufmacher“ jeder Seite, und dann geht es wieder retour zu den kürzeren Stücken.

Während man ein Buch von vorn nach hinten liest, ist das Angebot von Zeitungen und Zeitschriften stets eine bunte Auswahl, von der nicht jeder Leser alles mitnimmt. Diesen fundamentalen Unterschied berücksichtigt der Kindle nicht. Die tolle Möglichkeit, über Mobilfunk aktuelle Ausgaben schnell und unkompliziert zu kaufen, verliert damit ihren Reiz. Ein mobiles Lesegerät für Zeitungen und Zeitschriften müsste jedenfalls ganz anders aussehen. Und man kann eben nicht einzelne Artikel kopieren, weitergeben oder am Sonntagmorgen den Sportteil über den Frühstückstisch reichen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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