12.07.2006 · Musik, Bilder, E-Mail, Internet, Telefon: Handys haben sich zu wahren Alleskönnern entwickelt. Doch je mehr die kleinen Kommunikationszentren können, desto größer sind die Tücken. Und: Längst nicht jede Funktion ist auch sinnvoll.
Von Michael SpehrNokia hat unlängst in elf Ländern untersucht, wie das Handy der Zukunft aussehen könnte, wenn es um die Gewohnheiten und Erwartungen der künftigen Nutzer geht. Nun kann man über die Zukunft trefflich spekulieren. Schon ein Blick auf die aktuelle Generation der alleskönnenden Mobiltelefone wirft indes so viele Fragen auf, daß man besser den Blick auf die Gegenwart richtet. Wer heute ein Oberklasse-Gerät zu Preisen zwischen 500 und 1000 Euro erwirbt, erkennt schnell, daß er kein Telefon kauft, sondern einen Minicomputer mit zahlreichen Möglichkeiten. Vieles funktioniert anständig, anderes ist Schnickschnack und mehr eine Demonstration des Machbaren als brauchbare Technik. Wir haben uns die aktuellen Topmodelle angesehen und vor allem nach dem praktischen Nutzen im Alltag gefragt. Was ist sinnvoll, was nicht?
Um zunächst mit der Nokia-Studie zu beginnen: Zwei Drittel aller Fotos werden mit der Handy-Kamera geschossen, zumindest in Indien. In der Tat liegt der Gedanke nahe, das Immer-dabei-Gerät für schnelle Schnappschüsse unterwegs zu benutzen, und wer sich Bilder bei Flickr.com oder in Weblogs ansieht, erkennt den besonderen Charme der spontanen Aufnahme unterwegs. Mit drei und mehr Megapixeln protzen etliche Handys, aber die Tücke liegt im Detail. An der teuren Optik wird gespart, dafür ist jede Menge an Software-Gimmicks an Bord, wie man beispielsweise beim Nokia N80 sieht: Selbst ein Autofokus fehlt, aber es gibt eine vollkommen überflüssige Bildbearbeitung. Bei den meisten Kamera-Handys gelingen gute Fotos nur draußen. Statt eines ordentlichen Blitzlichts gibt es schummrige Fotoleuchten, und man kann nur an die Hersteller appellieren, für eine bessere Bildqualität zu sorgen. Wer ordentlich fotografieren will, wird derzeit nur mit dem K800i von Sony Ericsson glücklich.
Tage der MP3-Player sind gezählt
Der Speicherplatz für Aufnahmen ist in der Regel kein Problem. Zwischen 50 und 100 Megabyte bieten die meisten Handys intern, und nachgerüstet wird mit Mini-Speicherkarten. Mit einem Fassungsvermögen von bis zu 2 Gigabyte taugt das Handy auch als MP3-Spieler. Hier geht man bei den neueren Geräten in Sachen Klang und Bedienung keine Kompromisse ein. Wenn in den nächsten Monaten Mini-Speicherkarten mit 4 Gigabyte und mehr in den Handel kommen, sind die Tage von iPod & Co. gezählt. Tausende von Musikstücken passen darauf. Nur bei den Details - etwa der bequemen Titel-Synchronisation in einer Docking-Station oder der Qualität der zugehörigen PC-Software - hapert es. Auch sollte man darauf achten, daß sich mit einem 3,5-Millimeter-Klinkenstecker ordentliche Kopfhörer anschließen lassen. Und auf die A2DP-Kompatibilität: Dieses Bluetooth-Profil macht den Musikgenuß im Auto einfach wie nie, werden doch die Stücke in HiFi-Qualität drahtlos an die Anlage im Fahrzeug übertragen. Erste Radios gibt es von Sony und demnächst von Peiker.
Neben Fotografie und Musik steht die mobile E-Mail im Vordergrund. Die Blackberrys für den Manager schreiben eine Erfolgsgeschichte: Geräte im Format eines Taschencomputers mit Minitastatur, denen neue Post automatisch zugestellt wird. Nun muß es nicht immer der Blackberry mit monatlichen Zusatzkosten von rund 18 Euro sein. Selbst ein "normales" Modell im Taschenformat wie das K800i von Sony Ericsson oder ein simples Einsteigergerät haben einen E-Mail-Client, sind also in der Lage, elektronische Post zu transportieren. Hier gibt es jedoch große Unterschiede, was Komfort und Tempo betrifft. Wer nur ein halbes Dutzend Nachrichten abholen will, ist mit nahezu jedem Gerät gut beraten. Ist höheres Mail-Aufkommen zu bewältigen, sollte man auf die Bildschirmauflösung und die Geschwindigkeit achten. Je mehr Pixel, desto mehr Nachrichtentext sieht man auf einen Blick. In den GSM-Netzen sind alle Geräte eher langsam, mit UMTS oder Wireless-Lan kommt mehr Tempo ins Spiel, und mit Produkten wie den Communicatoren von Nokia, den aktuellen Nokias aus der E-Serie, der P-Reihe von Sony Ericsson sowie den Pocket-PCs mit Windows-Betriebssystem (MDA von T-Mobile oder VPA von Vodafone) läßt sich durchaus professionell arbeiten.
Voice over IP: Billig telefonieren aus Übersee
Das Lesen der E-Mail ist eine Sache. Beim Betrachten oder gar Bearbeiten von Office-Anhängen wie Word-Dateien oder Excel-Tabellen trennt sich indes die Spreu vom Weizen. "Normale" Handys müssen hier passen, die letztgenannten Geräte haben zumindest Dateibetrachter an Bord. Spannend wird es auch beim Beantworten der Eingangspost. Mit den üblichen Handy-Tasten kommt man nicht weit. Deshalb setzt sich die Blackberry-Tastatur mit Qwertz-Anordnung durch. Auch wenn hier alle Tasten auf einer Fläche von 6x3 Zentimeter dicht gedrängt nebeneinander sitzen, lassen sich kurze Antworten hinreichend schnell verfassen.
Wer viel E-Mail empfängt, ist mit den Blackberrys bestens bedient. Aber die Konkurrenz wird stärker. Mit dem Nokia E61 oder den Windows-Taschencomputern ruft man zu Hause, im Büro oder in der Flughafenlounge die neue Post per Wireless-Lan ab. Es erlaubt einen schnellen Zugang zum Internet, zur E-Mail und nicht zuletzt Internettelefonie, Voice over IP. Das grundsätzliche Procedere ist bei allen Geräten gleich: anmelden im Wireless-Lan-Netz, Eingabe des Sicherheitscodes, und schon ist man "drin". Mit W-Lan steht ein zusätzlicher Datenübertragungsweg zur Verfügung, und wichtig ist, daß das Gerät ein schnelles Umschalten auf W-Lan beim Abholen der E-Mail oder dem Gang ins Internet vorsieht. Neuere Modelle wie das E61 von Nokia erlauben die Bildung von Zugangsgruppen: Ein Weg nach dem anderen wird geprüft und der erste passende gewählt. Beispielsweise nacheinander, ob der heimische und Büro-Anschluß für W-Lan bereitsteht -, und wenn nicht, erfolgt die Datenverbindung via UMTS oder GPRS. So muß man sich um nichts mehr kümmern. Mit Voice over IP auf dem Handy umgeht man die hohen Gesprächsgebühren der Netzbetreiber. Das Gespräch wird via W-Lan oder UMTS aufgebaut, Telefonate ins deutsche Festnetz kosten etwas mehr als einen Cent in der Minute. Auf diese Weise läßt sich aus Peking oder New York ein langes Gespräch nach Deutschland für wenige Cent führen, das via Mobilfunk-Roaming im zweistelligen Euro-Bereich abgerechnet werden würde.
Und noch besser: Da man als deutscher Internettelefonierer meist auch eine lokale Festnetznummer erhält, ist man beispielsweise auf dem Mobiltelefon mit seiner Frankfurter Rufnummer auch dann zu erreichen, wenn das Gerät gerade im Hotel-W-Lan in Australien eingebucht ist. So gesehen bedeutet Internettelefonie mit dem Handy über kurz oder lang ein Ende der Genion- oder Vodafone-Zuhause-Angebote, bei denen das Mobiltelefon ebenfalls eine günstig erreichbare Festnetznummer hat - aber nur ein bis zwei Kilometer rund ums Haus. Bei der Kaufentscheidung sollte man auf das Sip-Protokoll achten und wissen, daß derzeit die Einrichtung von Voice over IP auf dem mobilen Apparat eine Sache für Tüftler und Kenner ist.
Immer informiert mit RSS-Feeds
Am Rande des Internets tummeln sich die RSS-Feeds, und auch sie werden im mobilen Einsatz bedeutend. RSS steht für "Really Simple Syndication", eine besonders schlanke Variante der gewohnten WWW-Seiten: kein Ballast, kaum Grafiken, keine Werbung. Alle wichtigen Internetseiten sind auch in einer RSS-Variante abrufbar. Man braucht dazu nur ein besonderes Leseprogramm. Anschließend zeigen sich neue Internetbeiträge - beispielsweise auf den großen Nachrichten-Portalen - wie eine E-Mail-Liste. Untereinander sind die aktuellen Themen mit ihrer Schlagzeile aufgeführt. Interessiert das Thema, klickt man auf die Nachrichten-Zeile, und schon erscheint der Originalartikel. Das alles sieht so aus, als hätte man das WWW in seinem Outlook-Postkorb. RSS-Reader gibt es nun auch für Handys, etwa für das Nokia N80 oder das ganz neue M600i von Sony Ericsson. Das ist schlichtweg genial für den Einsatz unterwegs, eine tolle Sache für den Pendler in der Straßenbahn.
Überhaupt werden die WWW-Seiten für mobile Geräte wichtiger, und sie sind dank höherer Display-Auflösungen immer besser lesbar. Vor einigen Jahren war nicht einmal daran zu denken, etwa www.faz.net auf dem Handy abzurufen. Heute geht das mit bis zu 352 x 416 Pixeln ganz gut. Manche Displays lassen sich sogar auf das Querformat umstellen. Nur sind die Seitenbetreiber im Netz angehalten, ihre Auftritte besser an mobile Kleingeräte anzupassen. Wap-Inhalte werden nebensächlich, obwohl es gute Anlaufstellen gibt (etwa wap.gewappnet.de), und gerade hat E-Plus bekanntgegeben, daß es seinen Wap-ähnlichen Dienst namens iMode einstellt. WWW und RSS sind also die Zukunft des mobilen Internets, und von 2007 an kommt noch das Handy-TV dazu, das es schon mit UMTS-Übertragung gibt und bei Debitel mit dem leider nicht zukunftsträchtigen DMB-Standard.
Handy als Navigationsgerät
Schließlich die Navigation. Nachdem die Pocket-PCs einen Siegeszug als Routenführer im Auto angetreten haben, kommt nun das Handy-Navi. Man verbinde einen GPS-Empfänger via Bluetooth mit dem Telefon und hole sich das erforderliche Kartenmaterial entweder von der Speicherkarte oder mit einer Funkverbindung ("Offboard"-Navigation). In der Praxis funktioniert das alles für den Freizeitfahrer gut, aber es gibt Einschränkungen: zu leise Ansagen, zu kleine Displays, Probleme bei der Bluetooth-Anbindung, Ungenauigkeiten und Störungen bei schlechter GPS-Funkversorgung.
Je mehr das Handy zum Taschencomputer wird, desto besser werden die Systeme. Bis jetzt gibt es nur wenige Mobiltelefone mit eingebautem GPS-Empfänger (von Motorola und Siemens). Hier zeigt sich zudem ein weiterer Nachteil der mobilen Navigation: Der GPS-Empfang ist ebenso wie das permanent beleuchtete Handy-Display ein Stromfresser. Ohne Ladekabel für den Zigarettenanzünder geht es nicht. Die Akku-Laufzeiten der aktuellen Top-Geräte sind ohnehin ein wunder Punkt. Früher blieb das Mobiltelefon eine Woche und länger in Bereitschaft. Bei den gegenwärtigen Spitzenmodellen gehört das Netzteil selbst für den Wochenendausflug ins Reisegepäck. Drei bis vier Tage ohne Stromzufuhr erreichen die Alleskönner nur mit Mühe, im intensiven Einsatz muß manches Gerät jeden Abend an die Steckdose.
Handhabung: Ruf nach Hilfe wird lauter
Zu guter letzt die Handhabung. Während die Fähigkeiten der Leistungsträger umfangreicher werden, schrumpfen die Anleitungen, und auf dem Weg durch ungezählte Menüs wird der Ruf nach Hilfe laut. Ein M600i von Sony Ericsson ohne jede Unterstützung für den Zugang zum Internet einzurichten ist eine Geduldsprobe. Das Bediensystem ist verbastelt und unlogisch, Wartezeiten beim "Hochfahren" des Geräts sind ebenso hinzunehmen wie beim Aufruf simpelster Funktionen. Auch die Produkte mit Windows-Betriebssystem gelten als besonders umständlich und gewöhnungsbedürftig. Schon deutet sich indes Abhilfe an: Viele Hersteller setzen auf Spracherkennung, um wichtige Funktionen besonders schnell zu aktivieren. Zudem lassen sich Menüs individualisieren - häufig benötigte Programme sind damit schneller erreichbar.
Wer sich auf die Top-Handys einläßt, bekommt alles in allem Mini-Computer mit großem Potential, vielen Talenten und Tücken im Detail. Mit dem frisch erworbenen Gerät kann man ganze Tage verbringen, wenn es um Einstellungen und Details geht. Handy-Technik wird komplizierter, so wie in den Anfangstagen der Computerei, als man den PC-Freak bat, das neue Gerät einzurichten und alltagstauglich zu machen. Aber es gibt auch Momente des Glücks und der Entspannung. Diesen Text lesen wir ein letztes Mal mit einem Alleskönner in einer Bar in Asien. Es ist heiß und schwül, aber wir haben W-Lan. Die E-Mail ist abgearbeitet, wir konnten via Internet für ein paar Cent nach Deutschland telefonieren, es gibt nette Erinnerungsfotos, und sogar der aktuelle Blogeintrag des Kollegen ist dank RSS mit Freude zur Kenntnis genommen. MP3-Musik von der Speicherkarte läßt den Abend gemütlich ausklingen, und am Ende erlaubt dies alles nur ein kleines Gerät für die Hemdentasche.