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30 Jahre Textverarbeitung Die elektronische Freiheit des Schreibens

25.03.2008 ·  Die Textverarbeitung wird 30 Jahre alt. Sie hat unseren Umgang mit Texten grundlegend geändert. In den Anfängen eine Sache für Tüftler und Bastler, ist aus ihr ein neues Trägermedium für Geschriebenes geworden.

Von Michael Spehr
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Dreißig Jahre Textverarbeitung: Das ist natürlich ein willkürlich gesetztes Datum, denn niemand kann den Anfang der elektronischen Erfassung und Bearbeitung von Dokumenten zeitlich genau festlegen. Aber 1978 erschien Word Star 1.0, das wohl erste brauchbare Textprogramm. Es lief damals unter CP/M, einem Betriebssystem für 8080-Prozessoren, die höchstens 64 Kilobyte Speicherplatz adressierten. Später gab es Word Star auch für DOS, den Vorläufer von Windows.

Blickt man heute zurück, kann man sich kaum vorstellen, wie kompliziert Textverarbeitung in den Anfangszeiten war. Die ersten Programme waren Editoren, mit denen Programmierer ihren Code verfassten und dazu Zeilen oder Absätze verschieben und kopieren mussten, und dieses neuartige Jonglieren mit Buchstaben machte in den Zeiten der Schreibmaschine den unglaublichen Reiz der neuen Technik aus. „In einem Büro mit Textverarbeitern ist der Begriff ,neu schreiben‘ praktisch unbekannt, so wie in Automobilkreisen seit der Erfindung des elektrischen Anlassers der Begriff ,ankurbeln‘ ausgestorben ist“, hieß es 1982 in Peter A. McWilliams Standardwerk „Textverarbeitung für Einsteiger“.

Eine Geschichte der Mühsal und der Qual

Nicht nur das einfache Ergänzen, Streichen und Verschieben von Textteilen wurde als Pluspunkt der neuen Technik hervorgehoben, sondern auch der angenehm leise Betrieb eines solchen Systems. Aber der Siegeszug der Textverarbeitung war eine Geschichte der Mühsal und der Qual. Noch bis in die 80er Jahre hinein gab es Schreibprogramme, die nicht einmal einen Zeilenumbruch automatisch erledigten. Man musste nach einer Ergänzung oder dem Löschen von Text manuell umbrechen lassen. Andere konnten zwar viel, wurden aber entsetzlich langsam bei längeren Dokumenten.

Eine ordentliche Silbentrennung für die deutsche Sprache kam erst Anfang der 90er Jahre, und was der monochrome Bildschirm zeigte, war in den Anfängen nur der schlichte Text mit Steuerzeichen für Formatierungen wie Fettschrift oder die Unterstreichung. Erst im Ausdruck oder in einer mickrigen Grafikvorschau (unter DOS mit VGA-Auflösung: 640×480 Pixel) sah man ansatzweise, wie das Dokument formatiert war. Es gab anfangs weder die Maus noch die gewohnten Pull-down-Menüs am oberen Bildschirmrand, sondern nur Tastenkürzel. Word Star blendete bei Bedarf ein Hilfefenster ein. Es zeigte beispielsweise, dass STRG-A zum Springen nach links und STRG-F nach rechts diente. Wenn man heute einen jungen Menschen vor einen solchen Textverarbeiter setzen würde, könnte er oder sie nichts damit anfangen.

Schreiben und Drucken? Utopisch!

Diejenigen aber, die schon länger dabei sind, haben bis heute wichtige Tastenkürzel ihres damaligen Schreibsystems parat: Shift-F7, 6 ruft die Druckbildvorschau auf, Shift-F8, 3,2 die Formatierung für den ganzen Text. Unser Word Perfect 5.1, das wir heiß und innig geliebt haben, hatte damals eine Anleitung mit 1014 eng bedruckten Seiten, und wer in allen Zweifelsfällen fit sein wollte, hatte den Inhalt im Kopf. Oder anders: Dass ein in Sachen Computer mittelmäßig begabter Student seiner Diplomarbeit selbst den letzten Schliff bis hin zum perfekten Ausdruck geben konnte, war utopisch. Dafür brauchte man den Experten aus dem Bekanntenkreis. Und natürlich war das Ganze ein teurer Spaß: Ein typischer Heim-PC kostete 3000 Mark und mehr, Word Perfect 5.1 weitere 2000 Mark.

Word Perfect war seit Mitte der 80er Jahre das beste Textprogramm, in Amerika unbestritten die Nummer eins, in Deutschland zeitweise auch. Womit man sich damals herumgeschlagen hat, ist heutzutage kaum zu glauben. Für die Rechtschreibprüfung haben wir jahrelang Wörter gesammelt und ebenso lange Ausnahmeregeln für die Silbentrennung programmiert. Die Systeme waren anfällig, besonders bei längeren Texten und komplizierten Formatierungen oder Fußnoten. Da gab es ein tolles, schickes Programm, mit dem man Monate gearbeitet hatte, und dann fraß es alle Fußnoten. Aber selbst die robusten Arbeitstiere wie Word Perfect hatten ihre Tücken. Während es heute unter Windows einen Druckertreiber für sämtliche Programme gibt, nutzte unter DOS jedes seinen eigenen. Und dann waren sie fehlerhaft oder man musste exotische Drucker per Hand anpassen. Proportionalschrift und Blocksatz? Ein Dauerproblem. Das alles war endlose Fummelei und Bastelei, man saß nächtelang vor dem PC. Aber man wusste auch: Die Sache lohnt sich, die Textverarbeitung ist eine Zukunftstechnik. Und so war jedes Update und jede verbesserte Version ein Schritt nach vorn, auf den man sehnsüchtig wartete.

„In der Geschäftswelt wird man bei DOS bleiben“

Mit Windows wurde alles anders. Als sich Anfang der 90er Jahre ein Windows 3.1 immer mehr durchsetzte und wenig später Microsoft Office 95 erschien, war das Ende der vielfältigen und bunten Welt unterschiedlicher Textverarbeitungssysteme besiegelt. Unternehmen wie Word Perfect und andere kamen mit ihren Windows-Versionen viel zu spät: „Windows ist Schnickschnack für private Konsumenten, in der Geschäftswelt wird man beim seriösen DOS bleiben“, sagten viele Entwickler, und natürlich war der Umstieg auf ein neues Betriebssystem extrem aufwändig.

Microsoft hingegen hatte die Ressourcen und die Macht, und heute ist Word die unumstrittene Referenz. Warum eigentlich? Es ist Standard, weil es Standard ist. Es gibt nach wie vor Alternativen, aber für den weltumspannenden Dokumentenaustausch kommt man um Word nicht herum. Zwar versteht Word auch einige Fremdformate, und so gut wie alle alternativen Textsysteme speichern im Word-Format. Aber die Kompatibilität reicht eben nicht in die feinsten Verästelungen der Formatierung hinein, und dann ist Ärger programmiert, wenn beim Empfänger die falschen Schriftarten angezeigt werden oder Fußnoten plötzlich ganz anders gestaltet sind. Und etliche Zusatzprogramme rund um die Texterfassung und -bearbeitung laufen ohnehin nur mit oder in Word.

Die technische Weiterentwicklung stagniert

Word ist mittlerweile ein Alleskönner, und zum Glück sind die Zeiten der Fummelei vorbei. Man kann damit Bücher schreiben und seine Texte mit Bildern, Grafiken und Tabellen auflockern, selbst umfangreiche Fußnotenapparate sind kein Problem. So wundert kaum, dass sich das „neue“ Word aus Office 2007 gegenüber der alten Version 2003 vor allem durch eine andere Optik und Menüstruktur mit der eigenwilligen „Ribbon“-Leiste unterscheidet. Nichts ist mehr an der gewohnten Stelle, Befehle und Symbole werden kontextbezogen angeboten. Word ist indes nicht das bestmögliche aller Textprogramme. Es wird nur benutzt, aber nicht geliebt. Geht man ganz unbefangen an das Thema heran, ist es in vielen Dingen entsetzlich umständlich, unlogisch und unstrukturiert. Es verleitet beispielsweise dazu, einzelne Passagen nach eigenem Gusto „wild“ zu formatieren, statt den Text strukturiert zu erfassen und dann konsequent und einheitlich zu formatieren. Man fummelt eben mit Word so lange herum, bis es passt.

Erstaunlicherweise stagniert auch die technische Weiterentwicklung. Vieles, was jetzt mit den unglaublichen Ressourcen von Prozessor und Arbeitsspeicher besser machbar wäre, hält sich auf niedrigem Niveau: etwa die Rechtschreib- und Grammatikprüfung. Sie könnte zielgerichtet mit Hinweisen aufwarten (dass etwa ein nicht zum Grundwortschatz gehörender Begriff in einem Absatz dreimal wiederholt wird, dass Bezüge falsch und Sätze zu lang sind, dass man stets mit dem gleichen Wort einen Satz beginnt) oder auf jene Fallstricke hinweisen, die Bastian Sick in seinen Wegweisern durch die Irrgärten der deutschen Sprache beschreibt. Vor allem Fremdsprachler würden von dergestalt erweiterten Schreibtools profitieren, wie sie etwa der Duden-Verlag mit „Korrektur Plus“ anbietet.

Was geschrieben war, ließ sich schwer tilgen

Stattdessen gibt es derzeit einen unnützen und vollkommen überflüssigen Streit zwischen Microsoft mit seinem XML-Dokumentenformat und dem ISO-zertifizierten „Open Document Format“ (ODF). Letzteres ist, wie der Name schon sagt, ein offenes Format, etwa von Open Office, einem kostenlosen Büropaket (www.openoffice.org), das die schärfste Konkurrenz für die Microsoft-Produktfamilie ist. Der „Writer“ des für viele Betriebssysteme erhältlichen Pakets kann es durchaus mit Word aufnehmen und ist mehr als nur einen Blick wert.

Dreißig Jahre Schreiben am PC haben unseren Umgang mit Texten grundlegend geändert. Der Computer ist nicht nur ein Schreibgerät, er ist ein neues Trägermedium für Text. Bis dahin kam dem Geschriebenen eine gewisse Endgültigkeit zu. Vor einem lag das beschriebene Blatt Papier. Und was geschrieben war, ließ sich nur schwer wieder tilgen. Nun schreibt man in den PC, aber das Geschriebene bleibt zunächst immateriell. Man formuliert ins Unreine, lässt seinen Gedanken freien Lauf und rückt später mit „Copy & Paste“ alles zurecht. Es lässt sich ja nach Belieben immer und immer wieder ändern. Das muss kein Fortschritt sein. Kluge Beobachter stellten schon in den 80er Jahren fest, dass die Zahl der Tippfehler beim Computereinsatz steigt. Man gewöhnt sich eine gewisse Lässigkeit an, die einen mit der Schreibmaschine viel Zeit gekostet hätte. Stand früher ob der inhibitorischen Mühe für Korrektur oder gänzliches Neuschreiben das sorgsam Durchdachte und Formulierte im Vordergrund, wird nun bis zum Schluss und in aller Hektik geschrieben, geändert und überarbeitet. Irgendwie wird es schon passen. Und seit der Rechtschreibreform ist ohnehin alles egal.

Der Herausforderer

Bevor man sich in einer von Microsoft dominierten Welt für ein Schreibprogramm aus Redmond entscheidet, sollte man unbedingt einen Blick auf Open Office werfen. Das kostenlose Paket mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentations-Software, Grafik und vielem mehr lässt sich unter www.openoffice.org laden und ist in vielen Sprachvarianten erhältlich. Die Textverarbeitung kann es mit Word allemal aufnehmen. Sie liest Word-Dokumente, behält deren Formatierung bei und speichert nötigenfalls auch im Microsoft-Format. Besser nimmt man jedoch das offene Dokumentenformat „Open Document“. Open Office läuft nicht nur unter Windows, sondern auch anderen Betriebssystemen, etwa dem Mac oder Linux.

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