Preisfrage: Welches ist das meistverkaufte Auto von Citroën in Deutschland? Es ist, allen Ernstes, der Kastenwagen Berlingo. Das mag auch ein Ausdruck der Schwäche des übrigen Modellprogramms sein, doch wer sich für diese durchaus sympathische Form des Transports von Kind und Kegel entschieden hat, der ist mit und in dem Citroën gut aufgehoben. Seit 1996 ist der Berlingo mehr als 1,4 Millionen Mal gebaut worden, rund 181 000 davon sind als Personenwagen-Variante nach Deutschland gekommen, dazu etwa 46 000 Stück für Handwerker und die schnellen Eingreiftruppen der Post oder der Telekom.
Fast schon vergessen ist die Zeit, da die praktischen Kästen handliche Ausmaße hatten. Inzwischen sind sie zu stattlichen Transportern herangewachsen, das muss nicht jeder mögen, und die Handlichkeit in der Stadt leidet darunter. Doch der gesamte Wettbewerb von Renault Kangoo über Fiat Doblò und Opel Combo bis zum Volkswagen Caddy setzt auf Volumen, die praktischen seitlichen Schiebetüren sind allerorten ein Muss, am besten sind deren zwei verbaut. Um den Anschluss zu halten, hat Citroën seinem Multispace genannten Personenbeförderer jüngst eine kleine Auffrischung verordnet, die ihm sichtlich guttut. Es gibt LED-Tagfahrleuchten und neue Rücklichter. Die gehobeneren Varianten haben eine hübscher modellierte Front, die ein wenig die Wucht aus dem Auftritt nimmt, und abgedunkelte Seitenscheiben, das ist schick. Wer die Frauen becircen möchte: Farbe „Belle Ile Blau“ für 450 Euro extra wählen. Unser Testwagen war so lackiert, was zu konträren Bemerkungen führte. Ein Freund: „Mein Beileid, dass du damit rumfahren musst.“ Die Gattin, die Nachbarin und eine Dame vor dem Supermarkt: „Ist der hübsch, wie heißt die Farbe, den will ich genau so haben.“
Im Innenraum lässt sich wahlweise der versammelte Nachwuchs der Fußballnationalmannschaft oder die Dreizimmer-Musterwohnung von Ikea unterbringen. Fahrräder mit montierten Rädern, Gartenabfälle, Kühlschränke, Urlaubsgepäck in rauhen Mengen - der 4,38 Meter lange und mit Außenspiegeln 2,11 Meter breite Berlingo schluckt einfach alles. 675 Liter passen in den Kofferraum, maximal sind es bis zu 3000 Liter. Eingeladen wird ohne Verrenkung, weil die Ladekante tief liegt, jedoch ist dafür die Heckklappe vom Format eines Scheunentors aufzuwuchten. Im Angebot ist ein separat zu öffnendes Heckfenster, das im Zusammenspiel mit dem dann höher zu justierenden Ladeboden ein willkommener Komfortgewinn ist.
Die vielleicht beste Nachricht liefert der Berlingo für Familien, die diverse Touren zwischen Schule, Sportplatz und Geburtstagsfeiern meistern müssen: Es gibt fünf echte Sitzplätze mit ordentlicher Gurtführung. Auf Wunsch (890 Euro extra) lassen sich sieben Sitze montieren. In der Konfiguration ohne Extrasitze ist hinten fürstlicher Fußraum vorhanden, über den Köpfen lässt sich Federball spielen, und allerlei Annehmlichkeiten wie Tabletts an der Rückenlehne der Vordersitze oder ein den Himmel hereinholendes vierteiliges (aber nicht zu öffnendes) Glasdach versüßen nicht nur dem Nachwuchs die Fahrt.
Vorn sitzt es sich hoch und aufrecht und mit guter Übersicht vor einem aufragenden Armaturenbrett, das Anleihen an der Eiger-Nordwand genommen hat, nach wenigen Tagen aber nicht mehr bedrohlich wirkt und ungemein praktisch ist. Die Position des Schalthebels ist günstig, seine Wege zum Wechseln der Getriebestufen dürften freilich knackiger sein. Der Versuch, alle in der Mittelkonsole, in den Türen und an der Decke (mitsamt nach hinten gerichtetem Ausströmer für die Klimaanlage) untergebrachten Ablagen zu zählen, muss nahezu zwangsläufig scheitern. Sagen wir einfach, es gibt viele, und falls das Auto jemals wieder verkauft und deshalb sorgsam ausgeräumt werden sollte, wird aus den Tiefen das geliebte Stofftier oder die schon jahrelang vermisste Brille auftauchen.
Zum Vortrieb stehen zwei Benziner und drei Diesel zur Wahl. Der 1,6-Liter-Diesel mit 68 kW (90 PS) bietet ein Start-Stopp-System und auf Wunsch ein elektronisch gesteuertes Sechsganggetriebe. Derlei genügt, wenngleich dynamische Fähigkeiten nicht an erster Stelle der Wunschliste stehen dürfen. Wir bewegten den kraftvolleren HDi 115 mit 84 kW (114 PS), der sich mit fünf Gängen begnügen muss, ansonsten aber halbwegs mühelos mit dem Berlingo zurechtkommt. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt im besten Falle in 13,9 Sekunden, als Höchstgeschwindigkeit werden 176 km/h angegeben, die der Testwagen aber nicht erreichte. Ebenso verfehlte er die Normvorgabe von 5,3 Liter Verbrauch, was niemanden verwundert, am Ende stand ein Durchschnitt von 6,8 Liter Diesel im Protokoll. Erfreulich ist die relativ geringe Lärmentwicklung im Innenraum. Kurven lassen sich trotz des hohen Aufbaus angemessen flott durcheilen, sofern man es nicht übertreibt.
Wer sich den Berlingo zulegen möchte, sollte auf Sondermodelle achten, die Citroën immer wieder auflegt. Unser Modell Selection hatte nahezu alles Wünschenswerte an Bord, erfordert aber inklusive Sonderfarbe, Technikpaket und Navigation 24 920 Euro. Es geht günstiger. Und falls künftig jemand mit Strom fahren möchte: Citroën hat gerade den Berlingo Electrique vorgestellt.
Bilder vom Innenraum
Stefan Bittner (thebit)
- 13.10.2012, 16:12 Uhr
