05.09.2005 · Die Lehrlinge von einst schicken sich an, ihren alten Meistern Konkurrenz zu machen. Chinesische Autobauer nutzen die IAA, um sich auf den europäischen Markt vorzutasten.
Die chinesischen Autobauer tasten sich mit vorsichtigen Schritten auf den europäischen Markt vor. Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September in Frankfurt zeigen drei eher kleinere Hersteller aus China ihre Modelle erstmals vor einem Weltpublikum. Der entscheidende Sprung wird erst in den nächsten Jahren erwartet.
„Die Offensive steht noch bevor. Die Hersteller, die jetzt zur IAA kommen, sind eher kleine Fische“, sagt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research in Gelsenkirchen. Chinas größter Autohersteller SAIC warte noch ab. Dudenhöffer geht davon aus, daß die Chinesen in Westeuropa bis 2010 einen Marktanteil von 1,5 Prozent erreichen können.
Kopieren und Imitieren
Markennamen wie Jiangling, Geely und Brilliance gehen noch schwer von den Lippen. Den Bau moderner Fahrzeuge haben sie erst durch ihre Gemeinschaftsfirmen mit westlichen Herstellern wie Volkswagen und General Motors (GM) gelernt. Jetzt machen sich die Lehrlinge von einst auf, ihren Meistern auf deren Heimatmärkten Konkurrenz zu machen.
Damit kopieren die Chinesen die Strategie der koreanischen Autobauer. Auch Daewoo, Hyundai und Kia wurden erst belächelt. Inzwischen schnappen sie mit günstigen Geländeautos und Kleinwagen für den Massengeschmack ihren europäischen Konkurrenten immer mehr Marktanteile weg. Diesem Beispiel wollen die Chinesen folgen. „Das entsprechende Wissen haben sie sich längst über Kopieren und Imitieren angeeignet“, sagt Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW) in Bamberg.
Keine schnellen Absatzerfolge erwartet
Mit schnellen Absatzerfolgen rechnet Meinig nicht. Komfort, Qualität und Umweltschutz hätten bei den Chinesen noch nicht den Stellenwert wie bei westlichen Automobilherstellern. Der Geländewagen „Landwind“ der Marke Jiangling erfülle zum Beispiel mit Mühe und Not die Abgasnorm „Euro 3“. „Wer in Europa Fuß fassen will, der tummelt sich hier auf dem deutschen Test-Markt und probiert Markteinführungen zunächst einmal aus“, schildert Meinig den Plan. Aus dem Test könne aber schnell Ernst werden. Das hätten die Chinesen schon auf anderen Feldern bewiesen, sagt Meinig.
Schon wird Chinas größtem Autobauer Shanghai Automotive Industries (SAIC) ein Interesse am angeschlagenen italienischen Fiat-Konzern nachgesagt. Die Italiener gelten, Experten zufolge, als Haupt-Leidtragende eines sich durch den Angriff aus Fernost verschärfenden Preiskampfes.
Brilliance, die durch ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Münchener BMW-Gruppe bekannt ist, will noch in diesem Jahr das Mittelklassemodell „Zhonghua“ auf den Markt bringen. Die Stufenheck-Limousine, deren Kühlergrill der „Niere“ von BMW sehr ähnelt, soll nicht mehr als 20.000 Euro kosten.
Fehlendes Händlernetz
Doch die weitgehend unbekannten Marken aus Fernost müssen erst ein schlagkräftiges Händlernetz aufbauen, bevor sie zur echten Konkurrenz für westliche Autobauer werden können. Vorbote der China-Offensive war der Geländewagen „Landwind“, der bereits in kleinen Stückzahlen über den niederländischen Importeur Peter Bijvelds verkauft wird. Später soll der Landwind, eine Kopie des bis 2003 gebauten Opel „Frontera“, auch in anderen europäischen Ländern einschließlich Deutschland vertrieben werden.
Autohäuser in Deutschland verhandeln schon mit den Chinesen über Lieferverträge. Jürgen Voss, Geschäftsführer des Augsburger Autohandelshauses AVAG, nennt die Marken Chery, Geely und Hafei, die einen Markteintritt planten. Voss war bis vor kurzem Deutschland-Geschäftsführer des britischen Automobilherstellers MG Rover, der vom chinesischen Hersteller Nanjing gekauft wurde.
Voss rechnet damit, daß der Aufbau eines Händlernetzes einige Zeit in Anspruch nehmen wird. 2007 könnten die Chinesen in Deutschland zwischen 30.000 und 50.000 Fahrzeuge verkaufen. Bei 3,4 Millionen Neuzulassungen entspräche das einem Marktanteil von 1,5 Prozent. „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel“, folgert Voss.