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Veröffentlicht: 06.01.2016, 21:57 Uhr

CES 2016 Netflix wird zur Weltvideothek

Das amerikanische Unternehmen weitet sein Revier schlagartig aus. Nur ein wichtiger Markt fehlt noch.

von , Las Vegas
© AFP Den Weltmarkt fest im Blick: Netflix-Chef Reed Hastings bei seinem Auftritt auf der CES 2016

Die CES in Las Vegas gilt traditionell in erster Linie als ein Ort, an dem elektronische Geräte vorgestellt werden. Aber in den vergangenen Jahren ist es auch immer wichtiger geworden, was in diesen Geräten steckt und welche Inhalte mit ihnen konsumiert werden können. Deshalb hat auch die amerikanische Online-Videothek Netflix in diesem Jahr einen der prominentesten Rednerplätze auf der Messe bekommen. Ob Fernseher, Computer oder Smartphones: Egal auf welcher Plattform Menschen Medieninhalte abrufen, gehört Netflix zu den beliebtesten Angeboten.

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Und Vorstandsvorsitzender Reed Hastings hat die CES zu der Ankündigung genutzt, dass Netflix sein Revier schlagartig ausgeweitet hat. Netflix hat seinen Videodienst am Mittwoch in mehr als 130 zusätzlichen Ländern freigeschaltet, darunter die Türkei, Russland, Indien und Saudi-Arabien. Insgesamt ist Netflix damit in 190 Ländern der Welt vertreten. Nur China bleibt vorerst als einziger großer Markt noch ein weißer Fleck für Netflix, und auch das soll sich nach Hoffnung von Hastings in naher Zukunft ändern.

Die Expansion schreitet damit viel schneller voran als gedacht. Ursprünglich hatte Netflix in Aussicht gestellt, bis Ende dieses Jahres fast überall auf der Welt präsent zu sein. Die Börse zeigte sich von der Nachricht begeistert, und der Aktienkurs von Neflix legte nach der Ankündigung zeitweise um mehr als 8 Prozent zu. Die Netflix-Aktie ist heute zweieinhalb mal so viel wert wie noch vor einem Jahr.

„House of Cards“ machte den Anfang

Netflix ist ursprünglich als Versanddienst für DVDs gestartet, konzentriert sich aber heute weitgehend auf sogenanntes „Streaming“ und macht damit seine Inhalte über das Internet auf einer Reihe verschiedener Geräte verfügbar. Seit knapp eineinhalb Jahren ist das Unternehmen auch in Deutschland vertreten, auf der ganzen Welt hat Netflix rund 70 Millionen Abonnenten.

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Netflix hat sich ursprünglich auf den Vertrieb von Filmen und Fernsehshows beschränkt, die von traditionellen Unterhaltungskonzernen kommen. Seit einigen Jahren setzt das Unternehmen aber verstärkt auf eigene Inhalte und lässt aufwendige Serien produzieren, die dann üblicherweise den eigenen Abonnenten vorbehalten sind und nicht im traditionellen Fernsehen laufen. Dies begann 2013 mit dem politischen Drama „House of Cards“, seither folgten eine Reihe anderer Serien. Mittlerweile gehören sogar eigene Spielfilme und Dokumentationen zum Programm.

Der bei Netflix für Inhalte verantwortliche Ted Sarandos sagte in Las Vegas, das Unternehmen werde in diesem Jahr sein Angebot um 600 Stunden mit Eigenproduktionen erweitern. Sarandos stellte bei seinem Auftritt einige neue Serien vor, die in diesem Jahr ihre Premiere haben, darunter „The Crown“ über die britische Königsfamilie.

Zuschauerzahlen bleiben geheim

Netflix ist mit dieser Strategie zu einem direkten Wettbewerber der etablierten Medienkonzerne geworden. Und die Amerikaner verstehen sich selbst als ein Unternehmen, das die Gesetze im Mediengeschäft umschreibt. Netflix hat die Sehgewohnheiten seiner Kunden verändert und ihnen sogenanntes „Binge Watching“ beigebracht, also das Ansehen vieler Folgen einer Serie hintereinander. Das Unternehmen veröffentlicht seine Shows nicht episodenweise wie im klassischen Fernsehen üblich, sondern auf einen Schlag als ganze Staffel.

Netflix sieht sich als Gegenentwurf zum sogenannten „linearen Fernsehen“, bei dem Sender ihren Zuschauern ein starres Programm vorsetzen. Sarandos sagte, Verbraucher seien in den vergangenen siebzig Jahren den Geschäftsmodellen der Medienbranche ausgeliefert gewesen. Nach seinen Worten ist Netflix nicht darauf angewiesen, dass möglichst jede Sendung ein Publikumserfolg wird. Das erlaube es dem Unternehmen, riskantere und abseitigere Stoffe zu realisieren. Netflix macht ein großes Geheimnis um die Zuschauerzahlen für seine Shows und begründet dies damit, als nur von Abonnentengebühren abhängiges Unternehmen keinen Werbekunden gefallen zu müssen.

Die globale Revolution hat ihren Preis

Während Netflix die traditionelle Medienbranche herausfordert, sieht sich das Unternehmen auf der anderen Seite selbst verstärktem Wettbewerb gegenüber. Andere Videodienste sind dem Beispiel von Netflix gefolgt und setzen ebenfalls verstärkt auf eigene Inhalte. Der Online-Händler Amazon hat die Plattform „Prime Instant Video“ und füllt sie neben Fremdinhalten auch mit eigenen Produktionen wie der Serie „Transparent“.

Der zur Internetholding Alphabet und dessen Tochtergesellschaft Google gehörende Videodienst Youtube hat im vergangenen Jahr eine gebührenpflichtiges und werbefreies Angebot gestartet, das ebenfalls mit eigenen Inhalten attraktiv gemacht werden soll. Diese Shows sollen sich vor allem um Youtube-Berühmtheiten drehen, die sich auf der Seite schon eine eigene Fangemeinde aufgebaut haben.

Netflix lässt sich die eigenen Inhalte und seine rasante Auslandsexpansion viel Geld kosten. Das Unternehmen produziert mittlerweile Serien in mehreren verschiedenen Sprachen. Bislang bringt das Auslandsgeschäft Netflix noch Verluste ein. Die „globale Revolution“, die Hastings in Las Vegas ausgerufen hat, hat also ihren Preis.

Quelle: FAZ.NET

 

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