09.03.2005 · Acht von zehn Deutschen haben ein Handy - viele neue Kunden können die Mobilfunkunternehmen darum nicht mehr gewinnen. Ihr Plan wird auf der Cebit deutlich: Sie wollen das Festnetz überflüssig machen.
Mit Internet per UMTS, günstigen Tarifen und deutlich leistungsfähigeren Handys wollen die deutschen Mobilfunker dem Festnetz verstärkt Kunden abjagen.
Zur Cebit präsentieren O2 und Vodafone mobile Surfstationen, die den Festnetzanschluß überflüssig machen sollen. E-Plus und T-Mobile setzen vor allem auf Tarife, um die drahtlose Kommunikation anzukurbeln. Daneben zeigt die Messe, daß Handys und Handhelds immer mehr zu Alleskönnern werden, die über verschiedene Wege sehr viele Funktionen ermöglichen. Für die Zukunft zeichnet sich Live-Fernsehen auf dem Handy ab.
„Komplett unabhängig vom Festnetzanschluß“
Bereits seit Monaten ist klar, daß die Mobilfunkanbieter nicht mehr so sehr auf das schiere Kundenwachstum aus sind, weil inzwischen schon 80 Prozent der Deutschen ein Handy besitzen. Trotzdem telefonieren die Deutschen noch immer zum weitaus größten Teil über das Festnetz - nur rund 15 Prozent der Gesprächsminuten gingen voriges Jahr über die Mobilfunknetze. Hier sehen die Betreiber noch ein großes Potential. Gleichzeitig wollen und müssen sie den Datenverkehr steigern, der trotz UMTS und der gleichfalls starken Vorläufertechniken wie GPRS zumeist erst Bruchteile vom Umsatz ausmacht.
Hier setzt O2 Germany, der kleinste der vier deutschen Mobilfunkbetreiber, den Hebel an. Am Mittwoch stellte das Unternehmen in Hannover ein Angebot vor, das mobilen Internet-Zugang via UMTS und damit in sechsfachem ISDN-Tempo ermöglicht. Das Angebot, das O2 etwas voreilig auf der vorherigen Cebit in Aussicht gestellt hatte und das nun den Massenmarkt erreichen soll, kann mit dem hauseigenen „Genion“-Handy gekoppelt werden, das in der Wohnung mobile Telefonate zu Festnetzpreisen erlaubt. „Damit wird der Kunde komplett unabhängig vom Festnetzanschluß“, erklärte Marketing-Leiter Lutz Schüler.
Erster Eindruck vom neuen DVB-H-Standard
Vodafone will am Donnerstag auf der Cebit eine ähnliche Kombi-Lösung fürs Telefonieren und Surfen per UMTS vorstellen. Das Produkt namens „Zuhause“ richtet sich an Privathaushalte und Heimarbeiter und soll ebenfalls im zweiten Quartal verfügbar sein. Daneben will das stark auf Unterhaltung setzende Unternehmen weitere TV-Partner fürs Handy-Video präsentieren.
Eine ganz andere Dimension wird das wirkliche Live-Fernsehen eröffnen, das in Zukunft über Digitalantenne auf dem Handy empfangen werden soll. Vodafone will auf der Messe schon einmal einen ersten Eindruck von dem neuen DVB-H-Standard geben.
„Unser Angriff auf das Festnetz geht weiter“
Technisch einsetzbar sein soll er aber frühestens in zwei Jahren. Entsprechende Pilotprojekte kündigte auch die niederländische KPN an. Deren Tochter E-Plus, hinter Vodafone die Nummer drei auf dem deutschen Markt, ist Partner eines ganz neuen Produkts, das exemplarisch das immer stärkere Zusammenwachsen von Mobilfunk, Festnetz und Internet zeigt: Der Webdienst Freenet stellte zu Wochenbeginn ein Handy vor, mit dem sein Internet-Telefonie-Angebot um eine mobile Komponente ergänzt wird - und E-Plus stellt dafür exklusiv das Netz bereit.
Ansonsten setzt der Mobilfunker aber klar auf die Tarife, um mehr Gespräche aus dem Festnetz aufs Handy zu ziehen. „Unser Angriff auf das Festnetz geht weiter“, sagte Geschäftsführer Uwe Bergheim. Er ist davon überzeugt, daß der drahtlose Begleiter langfristig zum „Telefon Nummer eins“ wird. Anders als vor einem Jahr, als E-Plus mit einem 3-Cent-Tarif für Aufsehen sorgte, blieb ein neuer breiter Tarifschritt jetzt allerdings aus.
T-Mobile will Handy-Subventionen kappen
Neue Pauschaltarife für die Sprach- und Datenkommunikation hat indes der T-Mobile-Vorstandschef Rene Obermann angekündigt, der am Donnerstag seinen Messe-Auftritt hat.
Er plädiert dafür, die Subventionen für die Handys zu kappen, um im Gegenzug die Preise zu senken und den Umsatz zu steigern. Dem folgt auch E-Plus mit einem entsprechenden Angebot für Prepaid-Kunden, die besonders viel telefonieren.
HSDPA macht UMTS noch schneller
Dem Datenverkehr soll eine stärkere Leistungskraft der Handys auf die Sprünge helfen. Dazu zeigt Marktführer T-Mobile einen Turbo für UMTS: Mit der Technik HSDPA soll der ohnehin rasante Mobilfunkstandard noch mehr Fahrt bekommen. Bis zu 3,6 Megabit pro Sekunde sollen beim Herunterladen drin sein, das entspricht dem derzeit schnellsten DSL via Festnetz.
Zum Vergleich: UMTS schafft mit 384 Kilobit nur knapp das halbe DSL-Tempo. Im nächsten Jahr, so die Erwartungen der Branche, soll HSDPA zunächst mit Datenkarten starten.
Grenzen zum PDA verwischen
Doch auch die aktuellen Handys haben schon jede Menge drauf. So werden zur Cebit von den Herstellern diverse „Smartphones“ präsentiert, die Büro, Kino und Musicbox in einem sind. Die Unternehmensberatung Mummert schätzt, daß 2006 jeder zweite Handynutzer in Deutschland ein solches Gerät haben wird. Dabei verwischen die Grenzen zum PDA, der ebenfalls via UMTS und W-LAN zum Multi-Kommunikator werden soll.