Herr Kempf, die Cebit hat dieses Jahr das Motto „Shareconomy“. Was soll so ein Thema, mit dem kaum ein Deutscher etwas wird anfangen können?
Über die Wortwahl kann man streiten. Wichtig ist, dass wir die damit verbundene Botschaft kurz und prägnant transportieren können.
Was ist denn die Botschaft?
Es geht um die neue Ausrichtung der Wirtschaft. In unserer Industrie werden Produktionsketten, Fertigungsprozesse und Produktkreisläufe durch die Informationstechnologie derzeit völlig neu ausgerichtet. Und da ist das „Share“ in „Shareconomy“, also das Teilen, tatsächlich ein großes Thema. Vielleicht ist das Schlagwort nicht ganz so überzeugend wie unser Sicherheitsmotto „Managing Trust“ im vergangenen Jahr. Aber es ist ein Riesenthema.
Wäre denn als Motto dann nicht gleich „Das industrielle Internet“ oder - noch besser - „Industrie 4.0“ aussagekräftiger gewesen?
Nun ja, zum einen sind auch diese Begriffe etwas sperrig, zum anderen sind sie nicht ganz neu - und drittens steckt in „Shareconomy“ sehr viel mehr drin. Es geht eben nicht nur um die Modernisierung der Fertigungsindustrie durch das Internet der Dinge und der Dienste. Es geht um einen völlig neuen Ansatz für die Wirtschaft insgesamt: nutzen statt besitzen, Offenheit und Transparenz statt Closed Shops und Black Boxes, Wertschöpfungsnetze statt Wertschöpfungsketten.
Wie viel „Shareconomy“ werden wir auf der Cebit in Hannover denn dieses Jahr sehen?
Viel, auch wenn das Thema nicht ganz einfach darzustellen ist. Nehmen Sie das Car-Sharing: In Großstädten ist das derzeit ein Riesenthema. Aber stellen Sie das mal auf einer Messe dar.
Was lässt sich denn einfacher präsentieren?
Für die breite Öffentlichkeit sind ja vor alle neue Smartphones und Tabletcomputer interessant. Mit einem schrankhohen Großrechner alleine lockt man doch heute auch keinen potentiellen Besucher mehr hinter dem Ofen hervor. Wenn IT-Konzepte und IT-Lösungen die Exponate sind, dann muss man auf audiovisuelle Darstellungen setzen.
Hat die Cebit als Leitmesse einer Querschnittbranche, wie es die Informationstechnologie ist, ein Darstellungsproblem?
Industriemessen wie die Hannover Messe haben es sicher einfacher. Da ist klar, was da steht: Maschinen und Anlagen jeder Art. Die sind dann meist auch vernetzt und durch einbettende Datensysteme miteinander verbunden.
Die Cebit ging einst aus der Hannover Messe hervor. Wachsen sie vor dem Hintergrund dieser technischen Entwicklung nun wieder zusammen?
Thematisch schon. Allerdings wird es auf der Hannover Messe stets mehr um Endprodukte der Industrie und auf der Cebit vor allem um Entwicklungsimpulse aus der IT gehen. Die beiden Messen werden getrennt bleiben. Aber für immer mehr Aussteller wird es sich lohnen, auf beiden Veranstaltungen mit Ständen vertreten zu sein.
Würden Sie sagen, dass die Digitalisierung des größten und erfolgreichsten Industrieclusters der Welt, also des deutschen, eine Jahrhundertchance ist, gerade auch für die deutsche IT?
Das unterschreibe ich zu 100 Prozent.
Und wie stellt sich Ihr Verband darauf ein? Genauer gesagt, gibt es in Deutschland ja sogar drei Verbände für faktisch eine Branche.
Nun ja. Es gibt schon noch einen Unterschied zwischen einem Internet-Service-Provider und einem Hersteller von Bäckereimaschinen. Die drei Branchenverbände VDMA für den Maschinenbau, ZVEI für die Elektroindustrie und Bitkom arbeiten bei gemeinsamen Themen aber eng zusammen. So haben wir gerade vor dem Hintergrund der Entwicklung rund um das Thema „Industrie 4.0“ eine gemeinsam betriebene Geschäftsstelle beschlossen, die verbandsübergreifend arbeitet. Das gibt uns eine Stimme gegenüber der Politik. Damit werfen wir mehr Gewicht in die Waagschale.
Was bringt das für Ihre Kunden in der Industrie?
Der Bitkom vertritt die Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologie; VDMA und ZVEI vertreten deren wesentliche Nutzer. Damit haben wir ein enormes Gewicht im BDI, das gibt uns mehr Schwungkraft und auch eine bessere Ausstattung für den wissenschaftlichen Teil rund um die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Acatech. So können wir alles tun, um die ganze Kraft, die wir haben, gemeinsam auf die Straße zu bringen und unser Industriecluster rund um Pharma, Chemie, Auto- und Maschinenbau zukunfts- und wettbewerbsfähig zu halten.
Sie gingen in Ihrer Prognose im Herbst von einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent aus. Stehen Sie heute noch dazu?
Im Großen und Ganzen: ja. Der BDI geht von 0,8 Prozent aus, die Bundesregierung von 0,4 Prozent. Wir sind für unsere Branche zuversichtlicher. Um die 1,5 Prozent wird das Wachstum unserer Ansicht nach durchs Ziel kommen.
Wo sehen Sie die Wachstumstreiber?
Wir sehen eine Aufbruchstimmung in die sogenannte „Industrie 4.0“; und die IT wächst dabei schneller als der Rest. Der Verkaufsboom rund um Smartphones und Tabletcomputer wird noch eine Zeitlang fortdauern, wenn er sich in Deutschland auch abschwächen wird. In Soft- und Hardware für eingebundene Systeme wie Asic-Chips sind wir unheimlich stark. Auch die mobile Kommunikation steht ganz oben auf der Wachstumsagenda.
Wenn Sie nun die deutsche Netzausbaupolitik benoten müssten, welche Note würden Sie ihr geben?
In den großen Ballungsräumen die Note Zwei. Auf dem Land kommen wir durch den LTE-Ausbau erst allmählich an die Zwei heran. Nur: Glasfaserleitungen zum letzten Bauernhof zu bringen ist nicht finanzierbar. Die Netzbetreiber haben in den vergangenen Jahren zwar mehr als 100 Milliarden Euro in den Netzausbau investiert, aber dennoch ist in Deutschland vor allem die Verbindung entlang vieler großer Verkehrstrassen einfach noch zu schlecht.
Schlecht? Das ist oft eine Katastrophe!
Katastrophen sind etwas anderes. Aber Sie haben recht: Ich hoffe im Zug im Bahnhof Würzburg jedes Mal, dass ein junges Ehepaar mit Kinderwagen aus- oder einsteigt und mein Computer so die notwendige Zeit hat, ein Netzwerk zu finden und mich für einen kurzen Augenblick online zu bringen.
Da muss doch was passieren.
Aber sicher. Allein mit der UMTS-Technik kommen wir nicht weiter. Wir brauchen LTE oder LTE Advanced.
Und wie kriegen wir die?
Durch Investitionen. Dazu brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Ein Problem ist zum Beispiel der Auftragsstau in der Netzagentur. Ein anderes Problem ist die Politik. Vielleicht muss sie hier und da ein paar andere Ziele setzen.
Welche?
Die Politik hat gesagt, sie will zu einem bestimmten Zeitpunkt 100 Prozent der Bevölkerung mit dem „schnellen Internet“ versorgen. Die Etappenziele sind erreicht, aber nicht jeder Verbraucher will für mehr Bandbreite auch mehr bezahlen. Wir haben stattdessen gesagt, lasst uns alle Gewerbegebiete in Deutschland mit Superbreitband versorgen - denn dort sitzen die Unternehmen, die es nutzen und auch bereit sind, dafür zu bezahlen.
Und die Haushalte?
So ein Mast in einem Gewerbegebiet ist schnell auf LTE umgerüstet. Da können auch die Haushalte mit versorgt werden. Aber wir brauchen nicht nur LTE, wir müssen auch den Festnetzausbau vorantreiben, unter anderem mit Glasfaser.
Wie kommen wir nun alle am besten und schnellsten zu diesen Masten und zu einem flächendeckenden Glasfaserausbau?
Durch steuerliche Investitionsförderung.
Der Bitkom ruft nach Subventionen?
Ich rede nicht von Subventionen. Wenn ich aber merke, dass der marktwirtschaftlich orientierte Ausbau an Grenzen stößt, muss ich andere Anreize setzen.
Durch Staatshilfen?
Nein. Durch Investitionsanreize und vor allem durch Investitionssicherheit. Ich darf doch Investoren nicht vorschreiben, wie viel sie verdienen dürfen. Das aber ist genau, was heute passiert. Das geht nicht.
Was entgeht der deutschen Wirtschaft durch die technischen Lücken in den Kommunikationsnetzen?
Der Bitkom und die Fraunhofer-Gesellschaft haben das kürzlich untersucht. Wir sind für die intelligenten Netze insgesamt auf einen Betrag von 350 Milliarden Euro an entgangenen Wachstums- und Effizienzgewinnen bis 2022 gekommen.
Das ist viel Geld.
Das ist gigantisch. Auf ausgebauten Breitbandnetzen setzen zum Beispiel die sogenannten intelligenten Netze für die computergesteuerte Stromversorgung von Betrieben und Eigenheimen oder die Verkehrstelematik auf. Dort spielt sich auch die ganze „App-Economics“ vieler junger Unternehmen ab.
Da haben wir aber auch eine Menge an Nachholbedarf.
Nimmt man die Vereinigten Staaten zum Vergleich, würde ich ein Ja ganz dick unterstreichen. Beim gesamten Blick auf Unternehmensgründungen ist unsere Einstellung gegenüber unternehmerischem Risiko zu konservativ. Wir haben ein Unternehmerbild, das antiquiert ist. Und wir nehmen Unternehmen nicht über Unternehmer, sondern über ihre Manager wahr. Wir legen unser Geld lieber aufs Sparbuch, als dass wir es in einen Risikofonds stecken.
Das muss ja nichts Schlechtes sein.
Um Gottes willen, nein. Aber die, die was riskieren wollen, müssen das auch können und dürfen. Hier brauchen wir schleunigst ein paar andere Gesetze. Denn ein Großteil der Start-up-Unternehmen finanziert sich heute aus sich selbst heraus - über das eigene Sparbuch oder mit dem Geld der Eltern. Das begrenzt dann auch bei guten Ideen, bei vielversprechenden jungen Unternehmen die Wachstumsdynamik ganz erheblich.
Gerade hat die Regierung ja die Steuerfreiheit für Mikroinvestitionen eingeschränkt...
Sie spielen vermutlich auf die Besteuerung von Streubesitzdividenden an. Da gab es einen lauten politischen Streit, ohne dass jemand der politischen Entscheider auch auf die Wirtschaft geblickt hat. Gerade letzte Woche wurden die Bedingungen für Wachstumskapital in Deutschland weiter verschlechtert. Anstatt Risikokapital ins Land zu holen, besteuert man. Ein Rückschritt für die Gründerszene. Hier muss sich auf vielen Ebenen eine Menge ändern, damit wir zu einer Gründerkultur kommen.
Auf der Cebit wird dieses Jahr mit einer Reihe von Projekten und Veranstaltungen für das junge Unternehmertum geworben. Das ist doch ein guter Anfang, oder?
Ja, gewiss. Und wir haben eine gute IT-Gründerszene in Berlin, wir haben eine lebhafte Szene auch in München und anderen Großstädten. Es ist nicht so, dass wir am Anfang stehen. Doch wir müssen höher hinaus wollen. Auch auf der Cebit werden tolle Sachen zu sehen sein. Der Code-N-Wettbewerb zum Beispiel, der „Innovators’ Pitch“ des Bitkom oder die „Young IT Days“. Im Wirtschaftsministerium gibt es einen Beirat „Junge digitale Wirtschaft“, in dem wir mit Uli Dietz, einem erfolgreichen Unternehmer und einem der engagiertesten Unterstützer der Gründerszene, vertreten sind.
Infrastruktur, Unternehmer und Start-ups, das sind alles Themen, bei denen die politischen Rahmenbedingungen nicht so justiert zu sein scheinen, wie es notwendig wäre. Brauchen wir einen Internetminister?
Das ist so ein Wort wie „Shareconomics“. Wie wir es nennen, ist letztlich gleich. Was im Begriff drin ist, das ist entscheidend. Was wir brauchen, ist mehr Verständnis und Durchschlagskraft in der Politik. Und wie kriegen wir das, um Ihre nächste Frage gleich vorwegzunehmen. Das kriegen wir, indem wir im Bundeskanzleramt einen politischen Vertreter im Rang eines Ministers finden, der von der Technik etwas versteht und ministeriumsübergreifend arbeiten kann. Insofern sind wir für einen Internetminister.
Der bisher installierte „Bundes-Chief-Information-Officer“ reicht nicht aus?
Klare Antwort: nein. Wenn jemand im Innenministerium angesiedelt ist, trägt er zunächst einmal die Brille seines Ministeriums und verfolgt deshalb vorrangig die dort angesiedelten Themen.
Das ist in diesem Fall das Thema Computersicherheit, ein Dauerbrenner.
Das ist auch ein wichtiges Thema. Aber es kann zum Beispiel nicht sein, dass in der gesamten IT-Welt gerade auf CloudComputing umgestellt wird und wir justament da eine ausgewachsene Diskussion über den Bundestrojaner führen. Das war nicht gerade förderlich.
Die Bürger aber sind besorgt.
Das ist richtig. Aber sie müssen auch wissen, was an Sicherheit möglich ist. Individuelle Computersysteme sind nun mal erwiesenermaßen anfälliger gegen Hackerangriffe als Cloud-Systeme. Auch das ist Teil unserer „Shareconomy“-Cebit.
Das Gespräch führten Stephan Finsterbusch und Carsten Knop.
Mindestens auf einem Auge blind!
Henry Hofmann (henryhof)
- 05.03.2013, 07:23 Uhr
Internetminister
heide schweizer (HHJL)
- 03.03.2013, 16:45 Uhr
Klar! Wir brauchen das Informations- und Wahrheitsministerium!
Klaus Demota (romanustotus)
- 03.03.2013, 15:54 Uhr
Schwerwiegende Folgen hoheitlicher Irrtümer
Ralf Rath (Mechanikergeselle)
- 03.03.2013, 14:39 Uhr