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Kommunikation Wohlinformierte Autos und Kühlschränke

Kommunikation nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Maschine zu Maschine, ist ein wachstumsträchtiges Feld. In 15 Jahren sollen 50 Milliarden Geräte miteinander kommunizieren.

© DPA Vergrößern Bald haben auch Autos eine Internetadresse

Die Möglichkeiten scheinen (fast) unbegrenzt. Autos, die sich gegenseitig vor Gefahrenstellen warnen, Gefrierschränke, die nur in Zeiten billigen Stroms gekühlt werden, oder medizinische Geräte, die jederzeit Blutdruckwerte eines Patienten übermitteln, um dem Arzt mittels Computer die Überwachung eines Patienten aus der Ferne zu ermöglichen. Diese Art der automatisierten Kommunikation zwischen Maschinen, in der Fachsprache Machine-2-Machine oder kurz M2M genannt, gilt als vielversprechendes Wachstumsfeld in der Informationstechnik und der Telekommunikation. „Es besteht ein gewaltiges Potential für internetverbundene Geräte – nicht nur für Handys und Laptops, sondern auch Kameras, Musikspieler, Autos, Smartmeter oder Gesundheitsmonitore. Wir erwarten im Lauf der nächsten 15 Jahre bis zu 50 Milliarden internetverbundene Geräte“, sagte Alex Sinclair, Chef-Techniker des Mobilfunkweltverbandes GSMA, bereits kürzlich auf der Branchenmesse in Barcelona.

„Niedrigere Kosten für innovative Gesundheitslösungen, niedrigere Kohlenstoff-Emissionen und erheblich effizientere Energienutzung sind nur einige der beträchtlichen Vorteile, die internetverbundene Geräte mit sich bringen werden“, sagte Sinclair. In Barcelona beschloss die Mobilfunkbranche mehrere Standardisierungsrichtlinien, um die Kommunikation zwischen den Maschinen zu beschleunigen. Auch auf der Computermesse Cebit in Hannover ist M2M ein wichtiges Thema. In Halle 7 gibt es eine eigene M2M Zone, am Donnerstag eine Konferenz.

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Das Gerät kommuniziert mit dem Arzt

„Stromnetze, Telematik, Flottenmanagement, Sicherheit, Zahlsysteme, Gesundheit und erneuerbare Energien“, zählt Marc Sauter vom Münchner Unternehmen Cinterion weitere Anwendungsgebiete auf. Cinterion wurde 2008 von Siemens ausgegliedert und stellt als Überbleibsel aus dem Handy-Geschäft Funkmodule her, die Temperaturen zwischen minus 40 und plus 80 Grad Celsius aushalten, bis zu 20 Jahre halten und wartungsfrei arbeiten sollen. Gemeinsam mit dem niederländischen Elektronikkonzern Philips hat Cinterion gerade eine Auszeichnung für den Schlaftherapiedienst System One bekommen. „Das Gerät unterstützt die Atmung bei Patienten mit Schlafstörungen und übermittelt Daten an den Arzt. Der kann das Gerät aus der Ferne gegebenenfalls neu justieren. Das spart zumindest jeden zweiten Besuch in einem teuren Schlaflabor“, sagt Sauter. Ähnliches gilt für Patienten mit Herzinsuffizienzen, die nun früher nach Hause geschickt werden können. Die Geräte halten ständig den Kontakt mit dem Arzt im Krankenhaus und schlagen bei Bedarf Alarm.

Neben der Gesundheitsbranche, in der wegen des Kostendrucks hoher Innovationsbedarf besteht, sind die erneuerbaren Energien ein wichtiger Wachstumsmarkt. „Solarzellen, Windräder, Bewässerungsanlagen und auch schon Busse werden mit den Modulen ausgerüstet, die Daten an den Betreiber oder die Umweltschutzbehörde senden. Damit lassen sich Auslastung der Stromnetze besser steuern oder die Kohlendioxid-Emission stetig messen“, sagt Sauter. Selbst Versicherungen testen schon M2M-Kommunikationsmodelle, um zum Beispiel die Betragshöhe für eine Kraftfahrzeugversicherung am individuellen Verhalten des Fahrers auszurichten. Wer eher langsam fährt und sich an die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten hält, zahlt weniger als der Raser.

Das Auto per Fernsteuerung entriegeln

Autos zählen zu den Hauptanwendungen. Hersteller können bald per Fernsteuerung zum Beispiel Autos entriegeln, sollte sich der Besitzer selbst ausgesperrt haben, oder bei einem Unfall automatisch einen Notruf mit Angaben der wichtigsten Details absetzen. Das Großprojekt der Autobranche heißt „SIM-TD“, was die Abkürzung für „Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland“ steht. Im Großraum Frankfurt wird bereits getestet, wie Fahrzeuge vernetzt werden können. „Dazu wird eine W-Lan-Infrastruktur entlang der Straßen an Ampeln oder Laternenmasten angebracht“, erklärt Fraunhofer-Forscher Thomas Luckenbach.

Da ein solches Funknetz 500 Meter weit reicht, können die Fahrzeuge auch untereinander Daten austauschen. Wenn auch dann keine Verbindung besteht, wird auf das normale Mobilfunknetz ausgewichen. Steht in Infrastruktur, sollen sich die Autos gegenseitig und möglichst in Echtzeit informieren, wenn zum Beispiel hinter der nächsten Kurve ein Unfallwagen auf der Straße steht oder ein Stau hinter einer Kuppe beginnt. Dann könnte das System die darauf zufahrenden Autos automatisch abbremsen. „Wichtig ist auch der Test der Akzeptanz des Fahrers, wenn das Auto mehr weiß als er selbst“, sagt Luckenbach.

Neue Möglichkeiten für die Netzbetreiber

Für die Betreiber der Mobilfunknetze ist M2M die Möglichkeit, neue Anwendungen zu finden, denn statistisch gesehen ist der Mobilfunkmarkt gesättigt, hat doch jeder Mensch in Deutschland inzwischen ein Handy. Die Deutsche Telekom hat daher eine 150 Mitarbeiter starke Einheit zusammengestellt, die Einsatzfelder aufbauen soll. Der Straßenverkehr gehört zu den wichtigsten Feldern. „Jedes Auto erhält eine Internetadresse", sagt Telekom-Manager Rainer Deutschmann.

Auch Vodafone setzt auf M2M. „Meine Prognose ist, dass schon bald mehr Maschinen automatisiert miteinander kommunizieren werden als Menschen. Ich bin mir sicher, dass sich die Einsatzfelder dieser Technologie in den nächsten Jahren noch drastisch vermehren werden“, schreibt Vodafone-Vorstand Jan Geldmacher im Vorwort des Buches „Machine-to-Machine-Kommunikation“, das Vodafone-Manager Oliver Jung zusammen mit Axel Glanz, dem Gründer des Frankfurter Innovationen Instituts, zur Cebit auf den Markt bringt. Die beiden Autoren analysieren auch, warum es viele M2M-Projekte früher nie über die Pilotphase hinaus geschafft haben – weil sich die Anbieter zu oft nicht auf technische Standards einigen oder die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten missachtet haben. Heute sehen sie in der Verkehrssteuerung, Finanzdienstleistungen und mobilen Zahlsystemen, Handel, Logistik und Energie die vielversprechendsten Einsatzfelder.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.03.2010, 09:32 Uhr