Klären wir erst einmal kurz die finanziellen Rahmenbedingungen: Canon hat sein neues DSLR-Flaggschiff Eos-1D X zu einem Listenpreis für das Gehäuse von 6299 Euro angekündigt. Termin: Ende April im handverlesenen Profifachhandel. Die Eos 5D Mark III steht mit genauso nacktem Body für 3299 Euro in der aktuellen Preisliste.
Einige wenige Internet-Versender melden sie als lieferbar, die Mehrheit rubriziert jedoch zum Redaktionsschluss auch die neueste Auflage der 5D unter „Liefertermin erfragen“, „im Zulauf“ und was der netten Umschreibungen mehr für „Ham’ wir nich“ ist. Um das Thema Geld abzuschließen: Die Mark III ist laut Canon-Liste knapp einen Tausender teurer als die 5D Mk.II es war (und ist).
„Warten oder vorbestellen?“
Etwas genauer lässt sich die Lage bei einem Workshop von Canon Anfang vergangener Woche in Essen beurteilen. Da wird den versammelten Journalisten der Fachblätter knapp erklärt: Die mit jeder Menge Objektive und anderen Kameras wie auf einer Anrichte stehenden Exemplare der Eos-1D X dürften benutzt werden. Es sei aber unstatthaft, die dabei entstehenden Fotos als Testergebnisse zu verwerten. Die Kameras seien - im Gegensatz zu den 5D Mark III daneben - eben noch nicht die endgültige Version des Produkts.
Aus all dem zusammen ist zu folgern: Die Frage „Warten oder vorbestellen?“ stellt sich angesichts der beiden neuen Spiegelreflexen von Canon nicht wirklich. Kaum jemand, der auf die Eos-1D X wartet, wird von der 5D Mark III, weil sie früher verfügbar wird, in ernstliche Versuchung geführt werden. Und wer die 5D demnächst kauft, wird sich wohl auch nicht schwarz ärgern, wenn ein paar Wochen später eine noch größere, noch leistungsfähigere, aber auch deutlich teurere Eos zu haben sein wird.
Technische Details, die sich sehen lassen
Die Eos 5D Mark III ist eine Vollformat-DSLR, ihr mithin 24 × 36 Millimeter messender CMOS-Sensor liefert 22,3 Megapixel große Bilder über den Digic- 5+-Bildprozessor. Auch besonders dunkle oder umgekehrt sehr helle Bildbereiche werden detailliert durchgezeichnet. Das macht es möglich, dass gleich in der Kamera und nicht erst anschließend im PC HDR-Bilder (High Dynamic Range) aus einer kurzen Folge von drei Bildern errechnet werden können. Sage niemand, dass er das nicht brauche, weil er HDR grundsätzlich auf dem Rechner nachbearbeitend aus mehr als drei Aufnahmen herstelle. Oft genug steht man vor einem Motiv und fragt sich, wie es wohl als HDR-Aufnahme wirken würde. Mit der 5D Mark III lässt sich das mit einem Druck auf den Auslöser und nach einem Momentchen Abwarten auf dem 3,2-Zoll-Monitor (1,04 Millionen Bildpunkte) klären. Dann kann man immer noch für eine exzellente Ausarbeitung eine längere Belichtungsreihe schießen.
Da wir nun schon mal bei den Bildeffekten sind: Die 5D hat zwar Motivprogramme, aber keine Filtereffekte, sondern Bildstile, die sich individuell etwa hinsichtlich Sättigung oder Kontrast zurechtstricken lassen. Dies genauso wie die HDR-Funktion - wahlweise als dauerhafter oder nur für eine Aufnahme gewählter Effekt - steckt allerdings in den Tiefen der Menü-Struktur. In diesem Punkt und trotz all ihrer Tasten rund ums fest eingebaute Display gibt sich die 5D als rechtes Gerät für den, der sich als Profi fühlen will, wenn er sich durch eine komplexe Funktionsstruktur hangelt. Und weil Schadenfreude ja die reinste Herzensregung ist: Es tut bei solch einem Workshop gut zu sehen, dass nicht nur die werten Kollegen, sondern auch die Instruktoren von Canon gelegentlich ratlos in den Untermenüs herumkramen. Um schließlich, horribile dictu, in die Hosentasche nach einer weniger komplexen Knipse zu greifen, damit ein Motiv nicht von dannen zieht.
Den Augenstern des Models präzise getroffen
Beeindruckend ist der 61-Punkt-Weitbereich-Autofokus der 5D, den man so richtig allerdings erst zu schätzen lernt, wenn man die Bilder daheim auf dem Monitor aufbläst. Und tatsächlich: Auf Anhieb ist es gelungen, präzise auf den Augenstern des Models zu fokussieren, obwohl der Kopf wie wild von den blonden Strähnen umflattert war - Kunststück, wenn die Assistenten die Haarpracht mit heulenden Laubbläsern traktieren.
Für die stupende Geschwindigkeit und Präzision der Scharfstellung auch bei Serienaufnahmen (bis sechs Bilder je Sekunde) sorgen unterstützend 41 Kreuzsensoren, fünf davon sind Doppelkreuzsensoren. Apropos Reihenaufnahmen: Bei Jpegs - selbstverständlich kann die 5D auch Raw - hält sie diese Bildfrequenz für bis zu 16 270 Aufnahmen durch, eine entsprechend leistungsstarke Speicherkarte vorausgesetzt. Dass sie gleichzeitig Jpeg- und Raw-Dateien speichert, merkt man bei kürzeren Aufnahmeserien so gut wie überhaupt nicht, jedenfalls nicht als Verzögerung.
Die Empfindlichkeit reicht von 100 bis ISO 25 600 und lässt sich auf den eher akademisch wirkenden Wert ISO 102 400 hochschrauben. Aber um sich damit genauer zu befassen, genauso wie mit der Full-HD-Videofunktion, der manuellen Aussteuerung des Tons oder dem Vergleich von Bildern nebeneinander auf dem Display und der kamerainternen Raw-Entwicklung, blieb an dem Nachmittag des Workshops kaum die Zeit. In dem ohne Objektiv - benutzt wurde überwiegend das EF 1:4/24-105mm IS USM - knapp ein Kilogramm wiegenden Magnesiumgehäuse steckt, gegen Feuchtigkeit und Schmutz gedichtet, eine Menge mehr, als sich in so kurzer Zeit entdecken und ausprobieren lässt. Und die Bildergebnisse? Nun, in der Kameraklasse, in der die Eos 5D Mark III, nein, nicht spielt, sondern arbeitet, ist die Bildqualität eigentlich kein Diskussionsgegenstand mehr.