400 Kilometer in der Stunde - das ist eine Geschwindigkeit, die man an Land kaum erreichen kann. Und im Auto ist das ein Tempo, das die eigene Vorstellungskraft sprengt: Man bewegt sich mit 111 Metern pro Sekunde und durchmisst dabei jedes mal einen Fußballplatz, für die Strecke von Frankfurt nach München brauchte man keine Stunde, und wer nach dem Kaffee losfährt, wäre noch vor Sonnenuntergang am Nordkap. Ein Jumbo-Jet hat da längst abgehoben, ein Starfighter lupft zumindest die Nase, und bis auf den Transrapid in Schanghai geht bei diesem Tempo auch den schnellsten Züge die Luft aus.
Doch Pierre Henri Raphanel hat auf der Straße schon 431 km/h geschafft. Schließlich ist er Chef-Testfahrer von Bugatti und der Mann, der 19 andere reiche Raser im Veyron in den „Club 400“ eingeführt hat. Sie zahlen allein 50 000 Euro dafür, dass ihnen die nobelste aller VW-Töchter mit einem zweiten Schlüssel das volle Potential des 16-Zylinders freischaltet und nach zwei Trainingstagen auf einer schnellen Runde auf dem abgeschirmten Testgelände in Ehra-Lessien hilft, die 400er-Marke zu knacken. Sie alle wissen, welchen Reiz das Rasen hat, von dem viele Unternehmen so ausgesprochen gut leben.
Dabei muss es gar kein Bugatti sein, um in diese Regionen vorzustoßen. Denn die Elite der Eiligen ist größer, als man denkt. Lamborghini ist traditionell Urgewalt, Ehrlichkeit, Kompromisslosigkeit, und all das verkörpert der Aventador. Im Auftritt spektakulär mit Ecken und Kanten und Gebrüll brennen 700 PS aus 12 Zylindern auf Wunsch ein Feuerwerk der Kraft und der Emotion ab. In 2,9 Sekunden stürmt der italienische Stier von null auf 100 km/h, 200 km/h erfordern deren 8,9. Bei 260 km/h lässt sich durch entschlossenen Gasbefehl noch mal zurückschalten, das klingt eindrucksvoll, drückt Wellen in den Asphalt, und der Auspuff-Strom brennt dem Hintermann zum Abschied rechteckige Löcher in den Lack. Vollgas, die Anzeige meldet 50 Liter Momentanverbrauch, das Getriebe wirft den nächsten Gang bei 8500/min ein, im Ort hinter dem Lärmschutzwall fliegen einige Dachziegel weg.
Dem Vernehmen nach gibt es eine Höchstgeschwindigkeit, aber 350 km/h lassen sich auf öffentlichen Straßen vernünftigerweise nie erreichen. Geradezu ernüchternd: Wer will, kann mit dem Lamborghini ruckfrei durch Tempo-30-Zonen bummeln, mit ein wenig Übung ohne Peinlichkeit ausparken, es gibt so profane Dinge wie eine bei guter Laune ordentlich schaltende Automatik, Rückfahrkamera und sogar Sitze, in denen sich ohne Origami-Kurs die Pedalerie erreichen lässt. Wer es eilig haben will, braucht indes zunächst Geduld: Rechnerisch 4,5 Aventador werden jeden Tag hergestellt, im laufenden Jahr ist keiner mehr zu bekommen. 315 000 Euro zuzüglich Sonderwünsche werden zur Bestellung aufgerufen, die Vorfreude gibt es gratis.
Der spektakuläre Gegenentwurf zum Lamborghini ist der Ferrari FF. Wo der Aventador den aggressiven Kampfjet auf Rädern gibt, will er so etwas wie die Familienkutsche unter den Supersportwagen sein. Sogar den Gurt reicht der höfliche Italiener an. Nicht umsonst bietet er für 258 200 Euro aufwärts mehr Lack und Leder als manche Luxuslimousine, zwei Sitze im Fond, auf denen man nach einer gelenkigen Kletterpartie sogar ganz ordentlich reisen kann, eine auf Wunsch sanft schaltende Automatik sowie Nebensächlichkeiten wie TV-Monitore in der Rückseite der Kopfstützen oder eine umklappbare Rückbank, die den FF zu einer besonderen Art von Eiltransporter macht.
Auch dieser Ferrari lässt sich natürlich fahren wie ein Rennwagen: Obwohl groß und mit seinen 1,8 Tonnen alles andere als leicht, beißt er sich förmlich in die Kurven, hält präzise die Spur und giert nach einem schweren Gasfuß, der ihn vehement nach vorne treibt. Die in Transaxle-Bauweise an der Hinterachse montierte Doppelkupplung prügelt die Gänge schnell und stark ins Getriebe wie ein Preisboxer und der auf 6,3 Liter aufgebohrte Zwölfzylinder brüllt sein Lied von der Lust an der Leistung so laut und leidenschaftlich, dass den Passanten noch die Ohren klingen, wenn der FF längst wieder aus dem Blick verschwunden ist. Mit 660 und bis zu 683 Nm garantiert er atemraubende Beschleunigungswerte: 3,7 Sekunden reichen ihm bis Tempo 100, und wer’s wirklich eilig hat, schafft 335 km/h.
Präzision, Power und Performance - all das sollte für einen Ferrari so selbstverständlich sein wie das Manettino, jener kleine, rote Schalter am Lenkrad, mit dem man über Motorelektronik, Stabilitätsprogramm und Federung den Charakter des Wagens verstellen kann. Doch was wirklich überraschend ist am FF, sind die Leichtigkeit und Eleganz, mit denen sich das Kraftpaket bewegen lässt. Denn wenn man den Gasfuß ein bisschen lupft und sich ein wenig Luft zum Atmen gönnt, wird der Kampfsportler zum lammfrommen Luxusliner, den man der Tochter bedenkenlos für die erste Fahrt nach der Führerscheinprüfung anvertrauen würde.
Der Aventador die Speerspitze der brachialen Supersportwagen und der FF der luxuriöseste Tiefflieger der Welt? Darüber kann Monsieur Raphanel nur lachen. Denn sein Dienstwagen, den es jetzt für die letzten knapp 100 Exemplare als offenen Grand Sport für bescheidene 2,01 Millionen Euro in der noch einmal nachgeschärften Vitesse-Ausführung gibt, sticht beide Italiener aus. 1200 PS, 1500 Nm, 16 Zylinder und 8 Liter Hubraum sind konkurrenzlos. Schon nach 2,6 Sekunden steht der Tacho bei 100, und die famose Doppelkupplung hat noch nicht einmal den Gang gewechselt. 200 Sachen sind nach 7,1 Sekunden erreicht, und wo es auch für Aventador und FF ein wenig mühsam wird, startet der Veyron nach 16 Sekunden bei 300 km/h noch einmal durch, als biege er gerade erst auf die Autobahn ein. Selbst da reißt es dem Fahrer beim Kickdown noch den Kopf nach hinten, die Mundwinkel wandern zu den Ohren, die Welt zieht im Zeitraffer vorbei und Schlucken fällt sichtlich schwer. So muss sich ein Jetpilot fühlen, wenn ihn das Katapult vom Flugzeugträger schießt.
Doch der Veyron ist keine Kampfmaschine, die vor Kraft kaum laufen kann. Schon bei voller Fahrt macht sich der Zweitonner ungewöhnlich leicht und lässt sich geradezu bedenklich einfach auf Kurs halten. Die größten Reifen, die je auf einen Seriensportwagen aufgezogen wurden, ein adaptives Fahrwerk, eine aktive Aerodynamik und ein Allradantrieb mit variabler Kraftverteilung machen die Raserei fast zum Kinderspiel und zeigen unmissverständlich, wer hier der limitierende Faktor ist: der Fahrer. Man muss sich dafür zwar fast bis zur Selbstaufgabe zwingen, aber ein Faszinosum eigener Art ist es, den Fuß vom Gas zu nehmen und mit dem Bugatti gemächlich dahin zu rollen. Dann weicht das Brüllen und Fauchen hinter den Sitzen einer Ruhe, wie man sie sonst nur von Elektroautos kennt. Durchs offene Verdeck streicht nur ein laues Lüftchen. Man genießt die luxuriöse Lounge aus Lack, Karbon und Leder. Die Power-Anzeige lässt 1160 PS ungenutzt - wer kann das schon von sich behaupten.
Aventador, FF oder Veyron? Die richtige Wahl kann niemand treffen - und muss es auch nicht. Für den größten Teil aller Autofahrer ist diese Frage angesichts der Preise von 258 200 bis 2,01 Millionen Euro von hypothetischer Natur. Und für jene, die sich in der eiligen Elite bedienen, stellt sie sich nicht, dort heißt es in der Regel „sowohl als auch“. Bugatti-Verkaufschef Stephan Brungs empfiehlt einen Blick in die Garagen seiner Kunden: Wer dort im Durchschnitt schon 32 Autos stehen hat, der hat auch Geld und Platz für drei weitere.
Innovation?
Arnim Dahlen (Arnidee)
- 24.07.2012, 09:55 Uhr
Eindrucksvoll beschrieben
Hinrich Mock (HinrichM)
- 23.07.2012, 22:30 Uhr
Think outside the box
Werner Graf (flyer76)
- 23.07.2012, 19:36 Uhr
Sehen alle ziehmlich altbacken aus
Peter Hoch (luxor)
- 23.07.2012, 17:27 Uhr
Das sind echte Ökoautos
Paul Rabe (heidelpaul)
- 23.07.2012, 17:25 Uhr