Wenn zu allen sonstigen Widrigkeiten auch noch Schnee und Eis dazukommen, wird es hart. Ein Wintertag mit glatten Straßen kostet eine Messe wie die Düsseldorfer „Boot“, seit Sonnabend im Gange, schnell mal 10000 Besucher, die dann nämlich lieber zu Hause bleiben. Deshalb haben die Ausstellungsmacher vom Rhein an den ersten Tagen immer wieder angespannt zum Himmel geguckt.
Aber man muss es nehmen, wie es kommt, das gilt für Schneegestöber wie für die konjunkturklimatischen Umstände. Der Bootsbranche bläst ein übler Wind ins Gesicht. Zwar ist der deutsche Markt relativ gesund, wie es heißt, Europa aber in weiten Teilen angeschlagen, Amerika auch, Spanien, Griechenland liegen im Koma. Der italienische Markt kollabierte regelrecht mit der Einführung einer Luxussteuer auf Yachten - minus 70 Prozent. Das trifft natürlich auch die auf Exporte angewiesenen deutschen Hersteller, deren Produktion nach Stückzahlen im vergangenen Jahr um gut 21 Prozent sank. Russische Messegäste, neue, noch wenig ergiebige Märkte in Asien oder Brasilien reißen das nicht raus. Erstaunlicherweise sieht es in den gut gefüllten Düsseldorfer Hallen nicht nach Krise aus. 1674 Aussteller aus 63 Ländern sind anwesend, rund 1700 Boote zu sehen, darunter eine Menge Premieren. In diesen Zeiten des Schwundes konzentriere sich das Geschehen auf die große Schau am Rhein, sagt Messeleiter Goetz-Ulf Jungmichel: „Wir haben unsere Position gestärkt.“ Und Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbands Wassersportwirtschaft, sieht grundsätzlich eine Neusortierung der internationalen Messelandschaft; dabei behielten nur einige der zahlreichen Bootsausstellungen in Europa - außer Düsseldorf noch Paris, Cannes, Southampton - ihre internationale Stellung, andere würden auf regionale Bedeutung gestutzt. „Die Zeiten der internationalen Messen in Friedrichshafen, Hamburg und Berlin sind vorbei. Aber wir wollen diese Ausstellungen nicht verlieren, die Branche braucht sie als regionale Schaufenster.“ Friedrichshafen hatte die Fläche seiner Interboot im September schon verkleinert, Hamburg hat soeben für die Hanseboot im nächsten Herbst Ähnliches angekündigt.
Ein reichlich harter Verdrängungwettbewerb herrscht auch unter den Werften für Segel- und Motorboote. Einige wenige Großserienhersteller - darunter die französische Bénéteau-Gruppe mit den Marken Bénéteau, Jeanneau und weiteren sowie Bavaria und Hanse aus Deutschland - scheinen das Geschehen mehr und mehr zu dominieren, attackieren mit neuen Baureihen, verbreitern bestehende, geben mit extrem kurzen Modellzyklen einen rasend schnellen Takt vor. Unter diesem Feuer können vielleicht Kleine, stark spezialisierte Hersteller in ihrer Nische überleben. Mittelgroße jedoch mit Stückzahlen von nur 50 oder 100 im Jahr, die in Konkurrenz zu den Konzernen stehen, haben es schwer. Düsseldorf zeigt deutlich, wie sich die Großen der Szene mit Neuheiten und Innovationen beharken - und damit den Markt am Laufen halten. Denn der verlangt ständig nach frischen Impulsen, gerade jetzt.
Die neue Ära aus Greifswald
Unter den deutschen Bootsmarken noch immer eine der schillerndsten: Dehler. Ein halbes Jahrhundert alt, lange die Nummer eins, dann mehrmals pleite, mehrere Eigentümerwechsel, schließlich von Hanse Yachts übernommen und gerettet. Der Name blieb am Leben, doch wurde vergangenes Jahr die Fabrik im sauerländischen Freienohl geschlossen und die Herstellung zu Hanse nach Greifswald verlagert. Erstes Produkt der neuen Ära: die Dehler 38, eine rassige Segelyacht, in der Standardausführung für gut 150000 Euro ein schneller Cruiser. Eine Vielzahl von Optionen und Paketen eröffnet dem Kunden die Möglichkeit, ihn in einen luxuriösen Tourer umzuwandeln oder auch in einen Sportler für die Regattabahn. Pfiffige Detaillösungen sind an Bord zu entdecken, das Interieur mit runden Schrankklappen ist außergewöhnlich. Projektleiter der 38 ist: Karl Dehler, Sohn des verstorbenen Gründers Willi Dehler. Der Vater, als „Innovator“ in die Geschichte eingegangen, wäre sicher zufrieden mit dem Werk, seines Sohns „Kalle“. Die ehemaligen Mitarbeiter im Sauerland tröstet das nicht, doch gibt es zumindest für einen Teil von ihnen offenbar wieder eine Wendung zum Guten: Ein neugegründetes Unternehmen namens SQ Freienohl will in den Dehler-Hallen Schiffe für andere Anbieter fertigen (genannt wird Comfortina) sowie eine eigene Segel- und Motorbootmarke namens Fastnet begründen.
Ein E-Fahrrad fürs Wasser
Wenn das Tretboot ein Digitaldisplay für Batterieladung, Reichweite, Geschwindigkeit trägt, wird klar: Es ist in der Gegenwart angekommen. BionX aus Österreich baut einem dreieinhalb Meter kurzen Katamaran aus Polyethylen einen Elektromotor samt Propeller ein und überträgt somit das Prinzip des E-Bikes auf den See. Beim SeaScape 12 (etwa 14000 Euro) handelt es sich angeblich ums erste Wasser-Pedelec der Welt. Die Pedaleinheiten lassen sich unabhängig voneinander treten, dank in vier Stufen wählbarer elektrischer Unterstützung steigern sich Geschwindigkeit und Aktionsradius beträchtlich.
Wohnen in der Rakete
Kuppeln für Moscheen, Fassadenverkleidungen für Hochhäuser oder auch Dinge wie die mit 43 Meter Durchmesser größte Uhr der Welt auf dem Dokaae-Tower in Mekka - das ist das Metier des auf architektonische Kohlefaser-Kompositbauteile spezialisierten Unternehmens Premier Composite Technologies (PCT) aus Dubai. Hightech-Bootsbau ist ein kleinerer Teil des Geschäfts. Jetzt haben sich die aus Süddeutschland stammenden Chefs von PCT, Hannes und Max Waimer, selbst Regattasegler, der Aufgabe gestellt, eine Rakete bewohnbar zu machen. Die Premier 45 ist eine nur acht Tonnen wiegende, durch und durch aus Kohlefaser-Verbundmaterial gefertigte 13-Meter-Yacht mit gewaltiger Segelfläche, Hubkiel mit Bleitorpedo und einem Rumpf, dessen Formen denen der Bigboat-Racer der Klasse TP52 nachempfunden sind. Die Einrichtung ist holzfrei, exzentrisch (LED-Fugen im Boden!), ultraleicht in Sandwichbauweise mit Wabenkern hergestellt, aber durchaus wohnlich. „Vor dem Wind - da wird sie fliegen“, sagt Designer Marcelo Botín. Abgehoben natürlich auch der Preis: 438000 Euro aufwärts.
Hüllenlos die Wellen schneiden
Wer zog die größte Show ab? Bénéteau, Weltmarktführer des Großserienbaus. Lasershow, dramatische Musik, eine Violinspielerin, dann fielen die Hüllen. Die Monte Carlo 5 ist die Begründerin einer weiteren unter vielen Baureihen des Konzerns, der Neuheiten im Dutzend serviert, in immer mehr Segmente vordringt und sich neue ausdenkt, in diesem Fall mit der Handschrift italienischer Designer. Der tulpenförmige Bug mit dem steilen Vorsteven ist ein Kennzeichen des 15 Meter langen Gleiters mit großer Flybridge, enormem Platzangebot und hydraulischer Badeplattform, der, je nach Motorisierung, bis zu 29 Knoten schnell ist. „Wave Cutter“ nennt Bénéteau den bullig wirkenden Rumpf, der die Wellen schneiden und Spritzwasser abweisen soll. Die Preise beginnen bei rund einer halben Million Euro.
Kommt doch zum Essen vorbei, Parkplatz vorhanden
Ganz dick kommt es in der Klasse 50 plus. Auffällig viele neue Segelyachten messen 50 Fuß und mehr, also, 16, 17 Meter: Hanse 575, Moody 54 DS aus Deutschland, die schwedische Hallberg-Rassy 55, Oyster 575, Gunfleet 58 und Discovery 57 aus Großbritannien, die dänische XP 50 von X-Yachts sowie Bénéteau Oceanis 55 und Amel 55 aus Frankreich sind glamouröse Vertreter dieser Klasse. Neues Flaggschiff von Bavaria, Deutschlands Nummer eins, ist die Cruiser 56 (Foto), mit einem Einstiegspreis von gut 312000 Euro noch vergleichsweise günstig. Die fränkische Werft hat die Fensterlinie modernisiert, vertraut aber weiter auf eine eher zeitlose Gestalt. Neues Kabinen-Layout (alle etwa gleich groß, damit es keinen Ärger gibt), die Einführung einer opulenten Küche in U-Form mit erhöhter Frühstücksbar sowie ein Spezial-Dinghi zählen zu den Errungenschaften. Damit die Beiboot-Garage im Heck nicht zu viel Platz beansprucht, wurde ein Schlauchboot entwickelt, aus dem vor dem Verstauen die Luft teilweise abgelassen wird. Es parkt mit platter Nase und wird bei Bedarf mit Kompressorhilfe schnell wieder prall.
Der Branche wird die Jugend ausgehen...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 22.01.2013, 21:38 Uhr