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Veröffentlicht: 22.01.2013, 10:00 Uhr

Boot 2013 Feuer und Eis

Der Misere trotzen: Wenn etwas hilft, dann sind es Neuheiten in schneller Folge. Ein Rundgang über die „Boot 2013“ in Düsseldorf.

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© Edgar Schoepal

Wenn zu allen sonstigen Widrigkeiten auch noch Schnee und Eis dazukommen, wird es hart. Ein Wintertag mit glatten Straßen kostet eine Messe wie die Düsseldorfer „Boot“, seit Sonnabend im Gange, schnell mal 10000 Besucher, die dann nämlich lieber zu Hause bleiben. Deshalb haben die Ausstellungsmacher vom Rhein an den ersten Tagen immer wieder angespannt zum Himmel geguckt.

Walter Wille Folgen:

Aber man muss es nehmen, wie es kommt, das gilt für Schneegestöber wie für die konjunkturklimatischen Umstände. Der Bootsbranche bläst ein übler Wind ins Gesicht. Zwar ist der deutsche Markt relativ gesund, wie es heißt, Europa aber in weiten Teilen angeschlagen, Amerika auch, Spanien, Griechenland liegen im Koma. Der italienische Markt kollabierte regelrecht mit der Einführung einer Luxussteuer auf Yachten - minus 70 Prozent. Das trifft natürlich auch die auf Exporte angewiesenen deutschen Hersteller, deren Produktion nach Stückzahlen im vergangenen Jahr um gut 21 Prozent sank. Russische Messegäste, neue, noch wenig ergiebige Märkte in Asien oder Brasilien reißen das nicht raus. Erstaunlicherweise sieht es in den gut gefüllten Düsseldorfer Hallen nicht nach Krise aus. 1674 Aussteller aus 63 Ländern sind anwesend, rund 1700 Boote zu sehen, darunter eine Menge Premieren. In diesen Zeiten des Schwundes konzentriere sich das Geschehen auf die große Schau am Rhein, sagt Messeleiter Goetz-Ulf Jungmichel: „Wir haben unsere Position gestärkt.“ Und Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbands Wassersportwirtschaft, sieht grundsätzlich eine Neusortierung der internationalen Messelandschaft; dabei behielten nur einige der zahlreichen Bootsausstellungen in Europa - außer Düsseldorf noch Paris, Cannes, Southampton - ihre internationale Stellung, andere würden auf regionale Bedeutung gestutzt. „Die Zeiten der internationalen Messen in Friedrichshafen, Hamburg und Berlin sind vorbei. Aber wir wollen diese Ausstellungen nicht verlieren, die Branche braucht sie als regionale Schaufenster.“ Friedrichshafen hatte die Fläche seiner Interboot im September schon verkleinert, Hamburg hat soeben für die Hanseboot im nächsten Herbst Ähnliches angekündigt.

Ein reichlich harter Verdrängungwettbewerb herrscht auch unter den Werften für Segel- und Motorboote. Einige wenige Großserienhersteller - darunter die französische Bénéteau-Gruppe mit den Marken Bénéteau, Jeanneau und weiteren sowie Bavaria und Hanse aus Deutschland - scheinen das Geschehen mehr und mehr zu dominieren, attackieren mit neuen Baureihen, verbreitern bestehende, geben mit extrem kurzen Modellzyklen einen rasend schnellen Takt vor. Unter diesem Feuer können vielleicht Kleine, stark spezialisierte Hersteller in ihrer Nische überleben. Mittelgroße jedoch mit Stückzahlen von nur 50 oder 100 im Jahr, die in Konkurrenz zu den Konzernen stehen, haben es schwer. Düsseldorf zeigt deutlich, wie sich die Großen der Szene mit Neuheiten und Innovationen beharken - und damit den Markt am Laufen halten. Denn der verlangt ständig nach frischen Impulsen, gerade jetzt.

Boot 2013 - Die neuesten Trends und Entwicklungen zeigt die Yacht- und Wassersportmesse mit Ausstellern aus über 50 Ländern auf dem Düsseldorfer Messegelände. © Schoepal, Edgar Vergrößern Dehler 38, eine rassige Segelyacht

Die neue Ära aus Greifswald

Unter den deutschen Bootsmarken noch immer eine der schillerndsten: Dehler. Ein halbes Jahrhundert alt, lange die Nummer eins, dann mehrmals pleite, mehrere Eigentümerwechsel, schließlich von Hanse Yachts übernommen und gerettet. Der Name blieb am Leben, doch wurde vergangenes Jahr die Fabrik im sauerländischen Freienohl geschlossen und die Herstellung zu Hanse nach Greifswald verlagert. Erstes Produkt der neuen Ära: die Dehler 38, eine rassige Segelyacht, in der Standardausführung für gut 150000 Euro ein schneller Cruiser. Eine Vielzahl von Optionen und Paketen eröffnet dem Kunden die Möglichkeit, ihn in einen luxuriösen Tourer umzuwandeln oder auch in einen Sportler für die Regattabahn. Pfiffige Detaillösungen sind an Bord zu entdecken, das Interieur mit runden Schrankklappen ist außergewöhnlich. Projektleiter der 38 ist: Karl Dehler, Sohn des verstorbenen Gründers Willi Dehler. Der Vater, als „Innovator“ in die Geschichte eingegangen, wäre sicher zufrieden mit dem Werk, seines Sohns „Kalle“. Die ehemaligen Mitarbeiter im Sauerland tröstet das nicht, doch gibt es zumindest für einen Teil von ihnen offenbar wieder eine Wendung zum Guten: Ein neugegründetes Unternehmen namens SQ Freienohl will in den Dehler-Hallen Schiffe für andere Anbieter fertigen (genannt wird Comfortina) sowie eine eigene Segel- und Motorbootmarke namens Fastnet begründen.

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