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BMW Active Tourer : Der Van, der keiner ist

  • -Aktualisiert am

„Niemand hat die Absicht, einen Van zu bauen!“ Bild: Hersteller

Ein hohes Dach und Frontantrieb - eine Studie von BMW bricht mit allem, was den Münchnern bislang heilig zu sein schien. Und in nicht einmal zwei Jahren soll dieser BMW-Minivan in Serie gehen.

          Viel haben BMW und die SED nicht gemeinsam. Die eine Abkürzung steht für einen ausgesprochen erfolg- und ertragreichen Autobauer aus dem Westen. Und die andere für eine Partei aus dem Osten, die längst von der Geschichte abgestraft und in die Wüste geschickt wurde. Doch zumindest in der Vehemenz der Meinungsbildung gibt es tatsächlich ein paar Parallelen. Denn genau wie SED-Chef Walter Ulbricht bis zum letzten Tag den Bau der Berliner Mauer dementiert hat, haben sich die Bayern immer wieder gegen eine Großraumlimousine ausgesprochen. „Niemand hat die Absicht, einen Van zu bauen!“ Wenn man nur lange genug in den Protokollen des Vorstands stöbern würde, ließe sich dieses Zitat sicher irgendwo finden: Ein Auto wie die B-Klasse von Mercedes-Benz oder gar der Golf Plus von VW kommt einer so sportlich dynamischen Marke wie BMW nicht auf den Hof.

          1,56 Meter Höhe

          Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, haben die Bayern den zunehmenden Raum- und Platzbedarf ihrer Kunden andersartig gedeckt. Früher ging das noch mit Kombis. Dann waren es die Geländewagen X5, X3 und X1 und zum Schluss so verquere Konstruktionen wie der Fünfer GT. Doch jetzt sind so ziemlich alle Nischen besetzt, und trotzdem hat BMW für den nicht ganz so sportlichen Familienvater oder immer noch rüstigen Rentner kein passendes Auto im Programm.

          Deshalb versuchen die Bayern ihr Glück jetzt eben doch mit einer Großraumlimousine - und fangen dafür schon früh an zu trommeln. Schon auf dem Pariser Salon Ende des Monats zeigen die deshalb eine entsprechende Studie, obwohl das Auto frühestens Anfang 2014 in den Handel kommt. Und weil der Van ja keiner sein darf, haben sie sich dafür auch einen neuen Namen einfallen lassen und schreiben „Active Tourer“ aufs Blech.

          Deshalb versuchen die Bayern ihr Glück jetzt eben doch mit einer Großraumlimousine

          Auf den ersten Blick ist dieser Fünftürer tatsächlich kein Minivan wie jeder andere. Zwar hat er mit 4,35 Meter Länge und 1,56 Meter Höhe fast dieselben Maße wie die B-Klasse. Man sitzt zehn Zentimeter höher als im Einser. Und um die Kastenform kommen die Designer auch nicht herum. Doch hat sich Michael de Bono einiges einfallen lassen, um den Wagen eher sportlich als spießig erscheinen zu lassen. Die Niere ist riesig groß und wie beim Dreier und Fünfer ein wenig nach vorn geneigt, die Motorhaube spannt sich wie die muskulöse Brust eines Langstreckenschwimmers, die Heckscheibe neigt sich weit gegen den Wind, und überall gibt es aerodynamischen Zierrat frisch aus dem Windkanal. „Aero Blades“ am Heck und „Air-Breather“ in den Türen sollen die Luft leiten und den Active Tourer besonders schnittig erscheinen lassen. Auf der Messe mag das sogar gelingen. Nur fragt man sich gleich, was die Kostenkiller davon auf dem Weg in die Serienproduktion übrig lassen.

          4,35 Meter Länge

          Die bequeme Sitzposition, das hohe Dach und das große Raumangebot auf kleiner Verkehrsfläche - das, glauben die Entwickler, will der Kunde künftig so haben. Doch mit dem Active Tourer erfüllen sie auch eine Vorgabe der Controller und brechen dafür gleich noch mit einem anderen Prinzip: Damit der erste Van aus München für den Konzern halbwegs bezahlbar bleibe, muss er sich die Plattform mit dem nächsten Mini teilen - und dafür auf Frontantrieb wechseln. Auch das ist eine Technologie, die BMW über die Jahrzehnte kategorisch ausgeschlossen hat, zugunsten der angetriebenen Hinterräder, welche man in München bislang als fahrdynamisch reine Lehre pries.

          Bequeme Sitzposition, hohes Dach und großes Raumangebot auf kleiner Verkehrsfläche

          In der Zukunft wird also alles anders - das ist die zentrale Botschaft der Pariser BMW-Studie. Doch so ganz verabschiedet sich das Messemodell noch nicht vom Heckantrieb: Weil der Active Tourer auf der Showbühne ein Plug-in-Modell mit E-Motor im Heck ist, kann er immerhin rund 30 Kilometer allein mit der angetriebenen Hinterachse fahren. Dann springt automatisch einer jener neuen Dreizylinder ein, die vorne quer montiert sind und zum Serienstart des Vans erst einmal allein die Antriebsaufgaben übernehmen müssen. Geplant sind 1,5-Liter-Motoren für Benzin und Diesel, die nicht nur kräftig, sondern auch sparsam sein sollen. Auf 2,5 Liter Normverbrauch der Studie werden sie es allerdings wohl kaum schaffen.

          Zwar werde BMW mit dem neuen Modell sicher neue Kunden ansprechen können, glaubt Professor Franz-Rudolf Esch vom Automotive Institute for Management in Wiesbaden. Doch riskieren die Bayern damit auch die Glaubwürdigkeit bei ihrer Stammkundschaft. „Seit Jahren pflegt BMW mit der steten Betonung der schon sprichwörtlichen Freude am Fahren die sportlichen Werte“, sagt Esch. Dieses klare Image sorge einerseits für eine deutliche Abgrenzung vom Wettbewerb, schaffe aber andererseits auch eine starke Erwartungshaltung beim Kunden - und zwar unabhängig von dem Fahrzeugsegment. Wer einen BMW kaufe, der wolle einen echten BMW, egal ob Coupé, SUV oder Van, sagt Esch: „Mit den Geländewagen hat BMW diesen Spagat hervorragend gemeistert, aber bei einem Van dürfte das um einiges schwieriger werden.“

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