Mutzenbacher. Wer in Berlin die besten Schnitzel und den leckersten Kartoffelsalat essen möchte, der muss ins Mutzenbacher. Kleines Problem: Das von, wie sie selbst mit einem Schmunzeln sagen, Ösi und Ossi betriebene halbfrivole Alpenrestaurant liegt mitten in Friedrichshain, und dort fällt jeder auf, der auf dem Weg zwischen Bahnhof und Rave-Club keine Bierflasche in der Hand hält. Der Wirt, stolzer Eigner eines BMW 7er von 1999, kommt denn auch sofort herausgestürzt, geht zweimal bewundernd um das Gran Coupé und spricht: „Den kannst du hier nicht stehenlassen. Ich mach dir meine Tiefgarage frei“.
Die Szene ist typisch für das Leben mit dem vielleicht schönsten BMW seit Jahren, der gegen Porsche Panamera, Mercedes-Benz CLS oder Audi A7 punkten soll. Jeden Tag aufs Neue erfreut sich der Fahrer an den betörenden Linien, an der edlen Anmutung, an den feinen Nähten der Polster und den schicken Details wie die kleine schwarze Einfassung am hinteren Seitenfenster mit dem eingelassenen Schriftzug „Gran Coupé“. Jeden Tag erfreut er sich am bewährt weich arbeitenden, 235 kW (320 PS) starken Sechszylinder im 640i (es gibt auch Achtzylinder, Allrad und Diesel), der fast immer eine harmonische Ehe mit der Achtgangautomatik eingeht und in dem spürbar schweren Auto trotz souveräner Fahrleistungen mit durchschnittlich 10,6 Liter nicht über die Maß durstig ist. In der Stadt braucht er natürlich mehr, knapp 13 Liter. Dem Fahrwerk wohnt hie und da ein Poltergeist inne, und das Start-Stopp-System dürfte sanfter mit seinen nachhaltig gemeinten Vorgängen umgehen. Aber das ist es nicht, was besonders hängenbleibt.
Jeden Tag aufs Neue leidet der Fahrer, weil er mit diesem BMW durch den Alltag muss. Der Einstieg endet nahe der Straßenoberfläche, die Sitzposition ist tief, man würde wohl sportlich dazu sagen. Die Bedienelemente liegen gut zur Hand, doch werden Dirigent und Gäste in ihrem Kellergeschoss von einer mächtigen Mittelkonsole eingemauert. Die Sicht nach vorn ist schlecht, die nach hinten sehr schlecht. Die Linie, die sich unterhalb der Fenster rund ums Auto zieht und an der Windschutzscheibe in ein Bermudadreieck ausläuft, schränkt den Blick derart ein, dass allzeit akute Lebensgefahr für die sündteuren Räder besteht. Angeblich soll die Motorhaube irgendwo ein Ende haben, wo der Kofferraum seine Grenzen hat, weiß nur die Einparkelektronik. Die Hölle sind Ein- und Ausfahrten mit Gefälle, etwa an Tiefgaragen, vielleicht könnte sich BMW von Airbus Geräte zum Instrumentenflug zuliefern lassen. Das würde beim Grundpreis von 79 500 Euro und den im Testwagen verbauten Sonderausstattungen zu Schnappatmung auslösenden 32 560 Euro kaum noch ins Portemonnaie fallen.
Es gibt vorn zwei bequeme Sitze mit mannigfaltigen Möglichkeiten der Einstellung und hinten bayerischen Humor: Zwei Sitze, drei Gurte. Oder will BMW allen Ernstes den wenige Zentimeter schmalen Raum in der Mitte als Sitzplatz verkaufen? Zumal der keinerlei Fußraum aufzubieten hat, weil dort die Mittelkonsole an die Sitzbank andockt und auf Wunsch zudem die 820 Euro teure, feine Vierzonen-Klimaregelung trägt? Das Platzangebot hinten ist ohnehin dürftiger als die langgestreckte Karosserie vermuten lässt, hinter größeren Fahrern bleibt wenig Entfaltungsmöglichkeit für die Füße, und wer mehr als 1,85 Meter misst, stößt hinten mit dem Haupt an die edel ausgeschlagene Decke. Kinder stört das freilich nicht, auf kurzen Strecken können sich dort auch mal Erwachsene aufhalten, und überhaupt: Es ist schließlich ein Coupé, das sich über zwei zusätzliche und erfreulich weit öffnende Türen allemal besser besteigen lässt als durch die Schlitze vorgeklappter Vordersitze, die für gewöhnlich in Fahrzeugen dieser Bauart den Weg in die zweite Reihe frei machen. Der kecke Schwung der letzten Seitenscheibe ist dabei so ausgeprägt, dass jedermann automatisch dranfasst, wenn er die Hecktür aufschwingt, wodurch nach kurzer Zeit Fingerabdrücke das Glas säumen.
Ungewöhnlich ist die Gurtführung an den Vordersitzen. Die Lebensretter sind wie in Cabriolets im Sitz integriert, weshalb eine entblößte B-Säule entsteht. BMW hat dort ein Lämpchen angefügt. Die Gurtführung ist nicht jedermanns Sache, manche klagen über Druck auf das Schlüsselbein. Außerdem schlägt die beschäftigungslos hängende Schnalle bisweilen klappernd an den Beifahrersitz, wenn sich dort niemand festgezurrt hat. Auch die elegante Führung der rahmenlosen Seitenscheiben hat ihre Schattenseite. Der elektrische Befehl zur Versenkung löst ein vernehmliches „Klack“ aus, hernach brummt der arbeitende Fensterheber lauter als in jedem Mini. Im Testwagen verweigerte jener rechts hinten zudem die Tätigkeit, das ist Pech.
Nichts zu meckern gibt es am Volumen des Kofferraums, der eine das komplette Familiengepäck schluckende Höhle ist. An deren Oberseite finden sich unverkleidete Schrauben und Blech, aber die sieht nur, wer hineinkriecht, das macht ja wohl für gewöhnlich niemand. Warum aber sind die Fugen am Kofferraumdeckel so breit, dass man manchmal denkt, er stünde offen? Bei Bedarf lassen sich die Rücksitze geteilt umwerfen, es gibt eine Durchreiche, Transportprobleme sollten also nicht auftreten.
Einparken ist eine Sache, die zwischen Parkplatzbesitzer und Nichtparkplatzbesitzer trennt. Das 6er Gran Coupé ist fünf Meter lang und zwei Meter breit. Noch Fragen? Immerhin liefern die Münchener einen ausgefuchsten Einparkautomaten, der auch mit flachen Bordsteinen zurechtkommt und das Auto passgenau in die Lücke chauffiert. Ein hörbar lückenhaftes Erlebnis ist das DAB-Radio mit digitalem Empfang. Das Bang & Olufsen Verwöhnaroma erfordert stolze 4950 Euro, doch DAB sendet offenbar noch nicht flächendeckend auf hinreichendem Niveau. Das hat die merkwürdige Folge, dass Teile von Liedern oder Nachrichten doppelt gespielt werden, so als ob hier der Text mehrmals geschrieben als ob hier der Text mehrmals geschrieben würde. Und so stellt sich die Frage, ob dieser BMW das Leben verlängert. Schlecht wäre das nicht, denn trotz der diversen Leiden, hinreißend schön ist es, das Gran Coupé.
Im Juni hab ich mir den 6er GT Coupe auf einer
Händlerpräsentation mal angesehen
Christian Duus (Latour61)
- 06.11.2012, 18:48 Uhr
Deutsche Ingenieurskunst...
Sven Dahmen (SDAHMEN)
- 06.11.2012, 18:41 Uhr
So nun auch noch mein dekandenter AngeberReichersackAntisozialistSermon dazu!
Dieter Kölbel (dkoelbel)
- 06.11.2012, 16:52 Uhr
Und noch eins drauf!
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 06.11.2012, 10:26 Uhr
Wen's schon mal brennend interessierte...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 06.11.2012, 08:02 Uhr