20.01.2012 · Immer mehr öffentliche Bibliotheken verpassen sich ein modernes Image: Sie wagen den Schritt ins Internet und verleihen Medien digital. Das System Onleihe existiert seit vier Jahren - jetzt erst nimmt es richtig Fahrt auf.
Von Thiemo HeegVor einem Jahrzehnt war in der Frankfurter Stadtbibliothek die Welt noch weitgehend analog. Das Internet war eine weit entfernte virtuelle Veranstaltung - erst recht war keine Rede davon, dass jeder Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz über einen Computer verfügen konnte. Heute stehen selbst den Nutzern zahlreiche PCs mit Online-Anschluss zur Verfügung. Und wem der Weg in die Zentralbibliothek an der Hasengasse zu weit ist, der leiht sich die Bücher zu Hause aus.
Zu Hause? Die Bibliothek in Frankfurt ist eine von 350 in Deutschland, die sich einem virtuellen Ausleihsystem namens Onleihe angeschlossen haben. Bislang kannte man die Online-Ausleihe vor allem als Domäne gewerblicher Videoanbieter. Online-Shops wie der iTunes-Store von Apple oder Maxdome von Pro Sieben Sat 1 führen Zehntausende Filme. Man kann sie kaufen oder eben ausleihen, für jeweils 48 Stunden und zu Preisen zwischen 0,99 Euro und 4,99 Euro. Das Modell Onleihe spannt diesen Bogen weiter. Es umfasst nicht nur Videos, sondern auch Musik, Hörbücher, E-Books und Zeitungen. Das normale Angebot einer traditionellen Bücherei also - nur eben in komplett digitaler Form, als Dateien, die man sich aus dem Internet herunterlädt.
Hinter dem Angebot steht der Dienstleister EKZ-Bibliotheksservice, der 1947 auf Initiative von Bibliothekaren gegründet wurde. Bis 2006 sah das bis dahin in öffentlicher Hand befindliche Unternehmen seine Aufgabe alleine darin, die Büchereien in Deutschland mit realen Büchern zu beliefern und sich um deren Ausstattung zu kümmern. 2007 startete über die Tochtergesellschaft Divibib das Projekt Onleihe. Zunächst waren daran gerade eine Handvoll Büchereien angeschlossen, Ende dieses Jahres sollen es schon bis zu 600 sein. Damit deutet sich an, dass das Portal nach einer vierjährigen Aufbauphase nun durchstarten könnte. 600 Büchereien - das ist immerhin fast ein Viertel der 2500 mit hauptamtlichen Kräften besetzten öffentlichen Bibliotheken in Deutschland.
Als wichtigen Katalysator sieht Geschäftsführer Jörg Meyer die Nutzung von Smartphones und Tabletcomputern: "Die Nachfrage steigt exponentiell an, das mobile Internet befeuert sie." Seit Mitte 2011 ist die Onleihe bei Apple und Google zu Hause. Die entsprechenden iOS- beziehungsweise Android-Apps wurden seitdem jeweils rund zehntausend Mal heruntergeladen.
Was nun nach Erfolg aussieht, entwickelte sich vom Start an eher zäh. Mit den deutschen Verlagen gestalteten sich die Verhandlungen um die Rechte schwierig, erzählt EKZ-Chef Meyer - auch deshalb, weil den Inhalteanbietern ein klares Geschäftsmodell und ein einheitliches Vermarktungskonzept in Sachen Internet fehle. Heute sitzen die großen Anbieter - von Random House über Campus und Hanser bis zu Langenscheidt - mit im Boot. Auch Zeitungen und Zeitschriften, von der F.A.Z. über die "Süddeutsche Zeitung" bis zum "Spiegel" haben ihre Zustimmung zum Onleihe-Verfahren gegeben.
Überzeugt hat letztlich, dass die virtuelle Ausleihe im Prinzip genauso funktioniert wie die physische. Die herunterladbaren Dateien sind mit einem umfangreichen Rechtemanagement (DRM) versehen. Nach dem Ablauf der Ausleihzeit - üblicherweise eine Woche - lassen sich die elektronischen Bücher, Zeitungen, Songs oder Filme nicht mehr lesen, anschauen oder hören. Eine illegale Verbreitung wäre damit sinnlos. Der Nutzer kann die Dateien nur noch löschen. Eine "Rückgabe" ist nicht nötig. Im vergangenen Jahr wurden 1,7 Millionen Bibliotheksdownloads gezählt, und in dieser Zahl sind die E-Paper-Versionen der Zeitungen noch nicht mitgezählt. Die jährlichen Wachstumsraten bewegen sich in einer Größenordnung von 60 Prozent. Aktuell können Onleihe-Kunden aus 20 000 Titeln wählen, in diesem Jahr sollen bis zu 9000 Neuerscheinungen dazukommen. Derzeit macht das virtuelle Angebot noch weniger als 5 Prozent des EKZ-Umsatzes von 48 Millionen Euro aus. In drei bis fünf Jahren sollen es bis zu 10 Millionen Euro sein, die auf das Konto des Geschäftsbereichs gehen.
Kulturpessimisten sehen mit der Onleihe das Ende der traditionellen Bibliothek gekommen. Den EKZ-Manager Meyer treibt diese Sorge nicht um. Bibliotheken seien als kostenlose öffentliche Räume wichtig, schon aus sozialen Gründen. Es gebe sie auch in 150 Jahren noch, genauso wie das gedruckte Buch. Zumal die Onleihe neue Zielgruppen erschließe. Wer weiß: Vielleicht gelangt man künftig zur Erkenntnis, dass die Onleihe das Überleben der Bibliotheken erst ermöglicht hat.
Der Bibiothekarsberuf stirbt aus
Eckart Härter (Leser3000)
- 21.01.2012, 10:05 Uhr
ein besonderes schmankerl hier in berlin
burt goldmann (dr_goldmann)
- 20.01.2012, 23:12 Uhr
Habe ich schon mehrfach der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt
empfohlen !
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 20.01.2012, 15:38 Uhr