26.02.2012 · Der Bentley GT V8 ist eine Alternative zum üppigen Zwölfender. Er wirkt schlicht durch seine Proportionen und den Purismus seines konzentrierten Auftritts. Eine erste Probefahrt.
Von Wolfgang PetersDas Leben wird wirklich immer komplizierter. Jetzt muss man beim Erwerb eines neuen Bentley Continental GT auch noch die Entscheidung treffen, ob es der bewährte (manche sagen: der betagte) W12 oder der neue V8 sein soll. Eine Lästigkeit, die zudem mit der Peinlichkeit verbunden ist, dass der in diesen Wintertagen präsentierte Continental GT V8 zu einem niedrigeren Preis ausgerufen wird als die W12-Version: 161 840 Euro dürfen es für die Achtzylindervariante sein, während der weiterhin offerierte GT W12 immerhin rund 184 000 Euro fordert. Der Preisunterschied bei den GTC-Versionen fürs Cabriolet liegt auf ähnlichem Niveau, bei einem Tarif von 178 024 für die V8-Ausführung.
Nun müssen wir (leider) nach ersten Probefahrten einräumen: Es dürfte für den schnöden Alltag und die Fahrten zwischen Kindergarten, Bungalow und Büro auch der V8 sein. Das große, mit etlichen Modernisierungen schon über mehr als zehn Jahre hinweg produzierte Coupé leidet nicht unter der Abwesenheit von vier Zylindern und der Leistungsminderung um 50 kW (68 PS). Und der Fahrer genießt einen fast schon klassischen Bentley, der jünger wirkt und entschlossener auftritt denn je zuvor.
Vielleicht liegt das auch daran, dass dem großen 6,0-Liter-W12 allmählich eine gewisse orientalische Üppigkeit anhaftet. Diese schlägt sich im Verbrauch nieder, und rund 18 bis 25 Liter Super für 100 Kilometer verfüttert man nicht mehr gerne, selbst wenn es nicht am Gelde mangelt. Vielleicht sind die Zwölfender in den Zeiten des nicht mehr schamhaft betriebenen Eindampfens der Zylinderzahlen und des Einkochens der Hubräume ohnehin am Ende ihrer Wege.
Die für Bentley neue Maschine ist schon für Audi (im S8, aber mit anderem, weicherem Charakter) tätig, und ihren Hightech-Anspruch dokumentiert sie mit Daten, Fakten und den dumpfen und doch frischen Tönen eines achtköpfigen Orchesters, das ganz rasch zu einem Quartett wird. Denn im Dienste der Sparsamkeit mutiert der V8 bei geringer Leistungsanforderung ohne Zutun des Fahrers zum Vierzylinder. Zylinderabschaltung heißt das und war schon vor etlichen Jahren mal modern, aber jetzt funktioniert es mit Hilfe von Elektronik viel besser und schonender für Fahrernerven und Fahrzeugmechanik. Wird höhere Leistung gefordert, und die Drehzahl der Kurbelwelle steigt auf mehr als knapp 2000 Umdrehungen in der Minute, dann erinnert sich der V8 umgehend seiner gesamten Zylindermenge und schiebt schon sehr ordentlich an. Zu dieser Technik gesellen sich direkte Benzineinspritzung (für die Schärfe und die Güte der Verbrennung), Leistungsrückgewinnung beim Schieben und Bremsen und die leistungssteigernde Turboaufladung mit Ladeluftkühlung. Höflichen Gangwechsel und spontanes Schalten bietet die neue Achtgangautomatik von ZF. Dass diese wohl auch in der W12-GT-Version eingesetzt werden soll, kann als Beleg für einen weiteren Lebenszyklus der großen Maschine dienen.
Beim V8 entstehen aus einem Hubraum von 3993 Kubikzentimeter bei 6000/min 373 kW (507 PS). Für eine nachdrückliche Beschleunigung sind fette 660 Newtonmeter Drehmoment zuständig, die sich schon bei 1700/min zu diesem Bestwert anlegen und ihn fast über den gesamten Drehzahlbereich halten. Aus dem Stand bewegt sich das immerhin noch rund 2,3 Tonnen wiegende Groß-Coupé (Länge 4,81 Meter) nach Werksangaben in 4,8 Sekunden auf 100 km/h. Bentley attestiert dem Continental GT V8 eine Höchstgeschwindigkeit von 303 km/h (die Zwölferversion kommt auf knapp 320 km/h), und der Normverbrauch wird mit unglaublichen 10,5 Litern Super angegeben. Womöglich fährt bei der im Labor ermittelten Messung der V8 fast immer nur als Vierzylinder-V4. Nur unter Volllast legt die Maschine ihre akustische Zurückhaltung ab, ist jedoch immer in ausreichender Tonalität anwesend und lässt keine Zweifel über ihre Leistungsbereitschaft zu. Dass es beim vollen Beschleunigen nicht zu Traktionsverlust kommt, liegt an dem hier ebenfalls eingesetzten Allradantrieb. Um ausreichende Mengen an Komfort und um sportliches Verhalten bemühen sich erfolgreich die Luftfederung und ein aufwendiges Fahrwerk mit innenbelüfteten Scheibenbremsen vorne und hinten. Die Verteilung der Antriebsmomente ist so abgestimmt, dass der GT V8 im Fahrverhalten einem hinterachsgetriebenen Wagen ähnelt. Dennoch bewegt man ihn lieber auf zügigem Kurs als durch enge Kurven.
Außen und innen ist dem Coupé seine auf hohem Niveau bescheidenere Motorisierung nicht anzusehen. Der GT V8 wirkt ebenfalls schlicht durch seine Proportionen und den Purismus seines konzentrierten Auftritts. Die Ausstattung ist im Vergleich zur W12-Variante kaum magerer (natürlich Leder, Holz und eine Materialdichte, die Unzerstörbarkeit signalisiert), und die Liste der optional zu erwerbenden Annehmlichkeiten ermöglicht die beinahe grenzenlose Auffütterung der V8-Version. Damit kann dem Bentley-Eigner die Peinlichkeit erspart werden, einen Billig-GT zu bewegen. Wenn das Leben doch immer so einfach wäre.
Jung, entschlossen, dynamisch mit konzentriertem Auftritt und Erfahrung
in der Automobilindustrie.
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 27.02.2012, 22:05 Uhr
Irrweg VR6
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Uwe Wagner (view)
- 27.02.2012, 09:03 Uhr
Schlicht?
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 27.02.2012, 08:35 Uhr
Toll!
Jan Teitge (JTeitge)
- 26.02.2012, 17:19 Uhr