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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Beliebtheits-Boom Alle wollen den großen SUV

 ·  Keiner weiß so recht, warum alle Welt SUV fahren will. Der Marktanteil liegt schon bei mehr als 14 Prozent. Tendenz stark steigend. Eine Spurensuche zwischen Technik und Emotionen.

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© Hersteller In gewissen Kreisen gehört der sportliche Geländewagen einfach zum hedonistischen Lebensstil

Die großen Dinger machen sich immer breiter im Straßenbild: Sie heißen SUV, Geländewagen, Offroader, Viermalvierer, Crossover, Allradler (richtig wäre: Allrader) oder Kraxler und Allesüberwinder. Dabei überwinden sie bei uns im Ort vor allem die Bordsteinkante und parken dann direkt vor der Apotheke. Der Schule. Oder dem Metzger. Früher fuhr nur der Förster so ein Ding. Es war schmal, hochbeinig und dauernd kaputt. Der Lehrer wusste warum. Es kommt aus Russland, sagte der gern. Das sind Kommunisten, die können keine Autos bauen. Dann hatte auch der Mann vom Wasserwerk eins. Es war breiter, aber viel höher und dauernd kaputt. Der Lehrer wusste warum. Es wird von Briten zusammengeschraubt, die dauernd streiken, sagte er vor der Klasse. Oder Tee trinken. Da kann keine Qualität entstehen. Als der Musikant des Ortes den ersten Jeep fuhr, hatten die SUV, Geländewagen etc. den Durchbruch geschafft. Alsbald fuhr jeder, der es sich leisten konnte, eins der größeren Dinger. Und keiner weiß wirklich warum. Aber jeder kann es erklären.

Der Beliebtheits-Boom der SUV (bleiben wir der Einfachheit halber bei diesem Sammelbegriff, der sich von Sport Utility Vehicles ableitet) hält unvermindert an. Zwar hat das erste Halbjahr für den Automarkt gegenüber 2011 gerade noch positiv abgeschlossen. Aber die dunkleren Töne sind im Rauschen der Verkaufsstatistiken nicht mehr zu überhören. Allein die SUV (neben den Minicars, was jeder versteht, der das Wort Krise lesen kann) werden immer beliebter, ihr Zulassungsanteil steigt und steigt, immer mehr Menschen kaufen sich ein Auto, das größer und schwerer und stärker und teurer ist als der Kompaktwagen, der, nach rationalen Gesichtspunkten geprüft, ebenfalls getaugt hätte. Aber das Auto war noch nie wirklich Gegenstand vernünftiger Entscheidungen.

Der erste Grund für den Aufstieg der SUV ist ihre Vermehrung. Das Angebot ist in den vergangenen vier, fünf Jahren fast explodiert. Kaum eine Marke mag auf die größeren Vehikel verzichten. Sie erhöhen die Markenpräsenz auf den Straßen und bieten Produzenten und Händlern höhere Margen. Für begehrte SUV werden keine Rabattaktionen gefahren, der Händler darf noch den Kopf schütteln bei der Frage um Nachlass, und der Wiederverkaufswert ist meist stabil.

Den größten Anteil am Aufstieg der mobilen Aufsteiger hat womöglich ihre Technik. Fahrsicherheit, Fahrkomfort, Gewichtsbelastung und Verbrauch wurden dramatisch verbessert. Fortschritte bei Material und Verarbeitung stoppten die Gewichtszunahme, und moderne Dieselmotoren nippen nur noch am öligen Energiesaft, die Verbrauchswerte der schweren Wagen sind keine Hinderungsgründe beim Kauf. Gleichzeitig halten die neuen Kraftpakete höhere Leistungen mit kräftigeren Drehmomenten für bessere Fahrleistungen bereit. Ein Offroader ist auch onroad kein Verkehrshindernis.

Moderne SUV reagieren bis in den Grenzbereich hinein ähnlich sicher wie kleinere und leichtere Personenwagen. Dass daran vor allem elektronische Regelsysteme großen Anteil haben, ist kein Nachteil. Sie sorgen für bessere Bremsleistungen auch unter hohen Belastungen, und sie verringern das Risiko von fatalen Roll-Over-Manövern durch sicherheitsfördernde Eingriffe im Fahrwerk. Noch immer gilt bei den hartgesottenen Offroad-Freunden die blattgefederte Starrachse in Verbindung mit sperrbaren Differentialen für beide Achsen und dem zu sperrenden Mittendifferential im Zusammenwirken mit einem Reduktionsgetriebe als die bestmögliche Garantie fürs Durchkommen. Das mag in der afrikanischen Wüste zutreffen, aber in der Hölle des zivilisierten Alltags haben sich elektronische Schlupfverminderer und Leistungszügler durchgesetzt. Sie haben alle Vorteile auf ihrer Seite: Sie sind leichter, billiger und für Waldwege, rutschige Wiesen und Schneewege zur Hütte bei weitem ausreichend. So konnten Fahrwerke unter die großen Karossen gesetzt werden, die sich von Lastwagen entfernten und den Federungskomfort guter Personenwagen (fast) erreichen. Für eine bessere passive Sicherheit sorgen neue Crash-Zonen und raffiniertere Rückhaltesysteme. Die Kritik, große Geländewagen seien mögliche Gefährdungspotentiale für die anderen Verkehrsteilnehmer, verkennt den Charakter des Straßenverkehrs: Denn der ist geprägt von unterschiedlich dimensionierten Fahrzeuge, jeder Kleinwagen gefährdet einen Radfahrer, und jeder Lastwagen ist ein Risiko für jeden Geländewagen. Zudem animieren die SUV in höherem Maße zu einem besonnenen Umgang mit der Mobilität als mancher Sportwagen, dessen Reize ja in erster Linie die hohen Fahrleistungen sind.

Dagegen zeichnet sich der große Geländewagen vor allem dadurch aus, dass er zu einer gewissen Gelassenheit führt. Denn hier kommen die Menschen mit ihren Gefühlen und ihren Wünschen, den vergessenen Sehnsüchten und ihren erfüllbaren Träumen ins Spiel. Diese weichen Faktoren aus Emotionen und der Suche nach den Werten des Prestiges (die von den konventionellen Autos zugunsten der Diktatur des Verbrauchs weitgehend aufgegeben wurden) sind wohl entscheidend für die Kaufentscheidungen. Da dienen die höflicheren Eigenschaften und die geringeren Nachteile eher zur Unterfütterung. Schon immer hielten SUV die höhere, als angenehm empfundene Sitzposition bereit. Das Einsteigen fordert weniger Verrenkungen, es ist ein Akt der Würde, vergleichbar mit dem Einnehmen eines Sitzes in höherer Position. Auf die anderen Verkehrsteilnehmer herabzublicken ist zwar kein Vorbild für soziale Gerechtigkeit, aber der Mensch erhebt sich gern, indem er andere unter sich weiß. Dass der Geländewagen eine feste Burg ist, in der sich besonders Frauen sicherer fühlen sollen, wird schon bei der ersten Ausfahrt deutlich. Kritiker mäkeln, das verleite zu riskantem Fahren. Beobachtungen im Alltag weisen eher darauf hin, dass die großen Wagen mit großer Umsicht bewegt werden. Technischer Fortschritt hat dafür gesorgt, den mitunter üppigen Karosseriedimensionen den Schrecken zu nehmen: Servolenkungen ermöglichen mit handzahmer Getriebeautomatik exaktes Rangieren ohne Muskelkraft, raffinierte Einparksysteme mit Bildschirmen und (leider aufdringlich klingenden) Warnsignalen sorgen für zentimetergenaue Beweglichkeit. Natürlich schwingt bei vielen SUV-Nutzern die uralte Freude am (beherrschbaren) Abenteuer mit, der unterdrückte Wunsch des Auf- und Ausbruchs, die Lust an der Abgrenzung zu den konventionell motorisierten Nachbarn und die Sehnsucht nach dem Abschied von der Zivilisation mit Trockenrasierern, Miederchen und künstlichen Haarteilen. Der Bierbauch ist kein Grund für Peinlichkeit im SUV, sondern integrierter Bestandteil der Konstruktion. Aber die Waschbrettmuskeln unter dem Armani-Shirt sind nicht auf maskuline Fahrer beschränkt. Man sieht auch hübsche Tätowierungen über dem Dekolleté und das Goldkettchen am schlanken Hals.

Im SUV leben Mann und Frau ihre Liebe zum Auto und ein bisschen zu sich selbst aus. Dass es dabei zu Monstrositäten und Verirrungen kommt, ist nicht verwunderlich. Und ein Ende der Lust auf SUV ist nicht in Sicht. Wobei die jüngste Welle der Entwicklung nur über eine einzige Achse angetriebener Exemplare und der Abgesang auf die ganz großen Dinger in der Realität nur in geringem Umfang wahrgenommen werden. Denn der Allradanteil steigt bei vielen SUV-Typen eher oder bleibt unverändert, und die satt gebauten Exemplare mit den ganz breiten Rädern machen wieder Boden gut.

Die automobile Gesellschaft gerät durch die SUV nicht in Endzeitstimmung. In unserem Ort gibt es auch etliche E-Autos. Und sie parken direkt vor der Apotheke. Und dem Bäcker. Und manche von ihnen sind auch mal kaputt. Der Lehrer weiß, warum. Die kommen aus Frankreich, sagt er.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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