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Automarke Qoros Chinesische Ambitionen und deutsche Vorbilder

 ·  Autos aus China sind eine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen. Jetzt kommt Qoros und will mit Hilfe aus Europa alles besser machen.

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© Hersteller Limousine Qoros 3 für rund 20.000 Euro

Der Tag beginnt mit Aktionen, auf die jeder gern verzichten würde: Passkontrolle, Sicherheitsüberprüfung und Bodycheck. Kameras und Smartphones müssen abgegeben werden. Erst dann wird der Passierschein erteilt. Wir treten nicht etwa durch die Sicherheitsschleuse eines Großflughafens. Vielmehr öffnen sich die Tore zum Allerheiligsten von Magna Steyr im österreichischen Graz. Ein Hochsicherheitstrakt. Seit mehr als 100 Jahren werden hier Automobile erdacht, technische Einzellösungen erarbeitet und komplette Fahrzeuge gebaut. Kein Automobilhersteller von Bedeutung, der Magna Steyr nicht als verlängerte Werkbank nutzt. Auch Ingenieure der neuen Automobilmarke Qoros bewohnen hier eine Dependance. Achttausendsechshundertundzwölf Kilometer und elf Flugstunden von Schanghai entfernt. Qoros Auto entwickelt seine erste Limousine für die kompakte Mittelklasse. Zur gleichen Zeit entsteht in München und Schanghai das Design. Mitte 2013 soll die erste Limousine im neu errichteten Werk Changshu vom Band laufen: ein Qoros 3. Alle sechs Monate werden weitere Modelle folgen.

Bei Magna Steyr in Graz wachsen Prototypen auf Basis der komplett neu entwickelten Plattform CF11, von hier starten Erprobungsfahrzeuge zu Testfahrten in alle Welt. Auch die Versuchsreihen und Extremtests verlaufen streng nach Normen europäischer Erfolgsmarken. Sie sind den Entwicklern hinlänglich bekannt, denn die Majorität der mehr als 450 Fachleute im Research & Development Center in China kommen von Premiummarken der europäischen Automobilindustrie. Sie führen mehr als 3000 Mitarbeiter an diversen Standorten weltweit. Getrieben vom Tempo des aufstrebenden Schanghai, soll eine neue, international wettbewerbsfähige Automobilmarke für Personenwagen mit deutschem Design nach Qualitätskriterien führender europäischer Autohersteller entstehen. Das ist ein ambitioniertes Unterfangen.

Es ist umso bemerkenswerter, als Autos aus chinesischer Produktion auf internationalen Märkten bisher erfolglos blieben. In Deutschland wurden sie erst gar nicht zugelassen, weil sie wie die Fahrzeuge der Marken Brilliance und Great Wall an den Barrieren der Crashtest-Zentren kläglich zerschellten. Die Wunden im chinesischen Selbstverständnis sind bis heute spürbar. Die chinesische Marke Geely startet demnächst einen abermaligen Versuch, doch zunächst nur im weniger qualitätskritischen England.

Für seine neue Marke schließe er dieses Schicksal aus, sagt Volker Steinwascher von Qoros. Der einstige Volkswagen-Manager zeichnet verantwortlich für das in der Automobilindustrie weltweit einzigartige Geschäftsmodell: Es werden nicht etwa bewährte Komponenten namhafter Automarken in China nachgebaut und zu neuen Autos gefügt, so wie es die meisten anderen von Volkswagen bis General Motors machen. Vielmehr haben der chinesische Autobauer Chery und das Industriekonsortium Israel Corporation im Jahr 2007 zu gleichen Teilen rund 2,5 Milliarden Dollar bereitgestellt, um für Qoros Experten aus Europa zu rekrutieren. Heute entwickeln sie für eine eigens errichtete Produktionsstätte Autos nach Standards der deutschen Automobilindustrie. Gert Volker Hildebrand wechselte von der zu BMW gehörenden Marke Mini nach Schanghai, Produktplaner Stefano Villanti kommt von der Unternehmensberatung McKinsey, die Verantwortung für das Gesamtfahrzeug trägt Klaus Schmidt, der bisher für die BMW M GmbH tätig war. Peter Matkin von Jaguar Land Rover leitet die Entwicklungsprozesse, Roger Malkusson von Saab verantwortet die Sicherheitstechnik, und der einstige BMW-Produktionsexperte Alexander Wortberg leitet den Aufbau der Fertigungsanlagen.

“Wenn unsere Autos deutschen Qualitätsstandards entsprechen, werden sie nicht nur bei chinesischen Kunden Anklang finden“, ist Villanti überzeugt und kündigt an, dass Qoros-Fahrzeuge von China aus in die Märkte der weiten Welt exportiert werden. Villanti zeichnet auch für das Infotainmentsystem „Qorosworld“ verantwortlich, das hinter einem 8-Zoll-Bildschirm in jedem Fahrzeug verbaut wird. Es kommt ohne Einstellknöpfe aus und verfügt über eine auf Wischgesten reagierende, berührungsempfindliche Menüsteuerung nach dem Vorbild moderner Smartphones. Für junge Kunden besonders interessant: Neben GPS-Navigation und Anbindung an die Cloud sorgt die integrierte Konnektivität mit sozialen Netzwerken für ständige Erreichbarkeit.

Im Schlepptau der Qoros-Macher passieren wir in Graz den Sicherheitskorridor und treffen auf drei Stufenheck-Limousinen. Sie werden von einem 1,6-Liter-Saugmotor sowie zwei 1,6-Liter-Turbomotoren befeuert und sind Teil einer 60 Fahrzeuge umfassenden Flotte, die in aller Welt Erprobungszyklen durchläuft. Im direkten Vergleich mit einem Volkswagen Golf VI 1,6, Ford Focus 1,6 Ecoboost und Toyota Corolla 1,8 sichern die Entwickler objektive Ergebnisse auch subjektiv ab. Am Ende des Tages entscheiden sie, welche Bauteile in die Pilotfahrzeuge wandern, die sogenannten PTO- oder Vorserienfahrzeuge.

“Die Begleitfahrzeuge haben ähnliche Komponenten wie unsere Qoros“, begründet Klaus Schmidt deren Teilnahme an dieser Fahrt. So portioniert beispielsweise der Ford Focus seine Kraft über das Sechs-Stufen-Doppelkupplungsgetriebe 6DCT250. Nach dem gleichen Baumuster arbeitet die im PT31 und PT06 verbaute Box, die Getrag von 2013 an im chinesischen Nanchang speziell für Qoros fertigt. „Für uns ist wichtig, neben der idealen Abstufung der Gänge die Schaltvorgänge besonders weich zu modulieren“, sagt Schmidt. Bergauf treiben die Ingenieure ihre Qoros mit virtuosem Gasfuß. Hier schieben jene Fahrzeuge mit vom Abgasturbo beatmeten Motoren kräftig an, der vom Saugmotor befeuerte Qoros fällt leicht zurück. Beide Triebwerke überzeugen über das gesamte Drehzahlband mit guter Elastizität. Immer wieder drehen sie bis in den Begrenzer aus, während die Entwickler nach akustischen Anregungen unter Last und im darauffolgenden Schub lauschen.

Alle Abstimmungsergebnisse fließen in Derivate auf gleicher Plattform. Wie Qoros anlässlich seines ersten Auftritts vor der Öffentlichkeit auf dem kommenden Genfer Automobilsalon Anfang März zeigen wird, sollen den Qoros 3 schon von 2014 an eine Fließhecklimousine mit erhöhter Bodenfreiheit und Hybrid-Allradantrieb sowie ein Kombi ergänzen. Weitere Modelle seien in Planung, deutet Designchef Hildebrand an. In Changshu, wo westliche Anlagenbauer die Produktionsstätte aus der Erde stampfen, sollen von Mitte 2013 an zunächst 150000, im Jahr 2016 schon 450000 Qoros entstehen. Ziel ist, die in China rasch wachsende Vormachtstellung von Volkswagen einzubremsen, insbesondere auch deren Tochtergesellschaften Skoda und Seat. Aber auch der Expansion von General Motors würden die Neulinge gerne etwas entgegensetzen. Noch Ende des Jahres 2013 sollen die ersten Qoros 3 auch nach Europa fahren. Wenig später sollen Indien und Südamerika folgen. Die Frage, ob die automobile Welt auf eine neue Marke aus China wartet, werde der Markt beantworten, sagt der auch für Marketing verantwortliche Villanti. Die Qoros-Manager meinen festgestellt zu haben, dass chinesische Kunden allein aus Nationalstolz lieber heute als morgen Autos aus heimischer Produktion kauften, wenn sie denn die schlicht-funktionelle Ausstrahlung deutscher Premiumfahrzeuge besitzen, deren Qualität mitbringen und mit vergleichbarer Sicherheitsausstattung aufwarten. Demonstrierten sie darüber hinaus noch eine ökologische Ausrichtung, sei der Erfolg von Qoros gesichert, will ein großer Autohändler in Schanghai wissen. Und dafür steht der Investitionspartner Israel Corporation, ein Konsortium, das auch an Better Place beteiligt ist. Bekanntlich propagiert dieses Unternehmen die Elektromobilität mit Batterie-Wechselsystemen. Schon spricht der israelische Partner von einem Großauftrag der Better Place an Qoros.

Aus der Extravaganz ihrer Produkte kann die neue Automarke jedenfalls kaum ihren Optimismus schöpfen. Denn ausgefallen sind die Autos nicht. Vielmehr punktet sie mit ihrem einzigartigen Geschäftsmodell. Es erlaubt, qualitativ ausgereifte Produkte zu vergleichsweise niedrigen Lohnkosten in China herzustellen, was sich im Preis niederschlagen wird. Rund 20 000 Euro werde die Limousine Qoros 3 in Europa kosten, ist zu hören. Inklusive Aluräder, Zentralverriegelung, Klimaanlage und des innovativen Infotainmentsystems sowie der modernen Antriebstechnologie. Nun fehlt allerdings noch ein Händlernetz, das ist eine nicht zu unterschätzende Hürde. Und ob die hochfliegenden Pläne ausgerechnet von Erfolg gekrönt sein werden in einer Zeit, in welcher der europäische Automobilmarkt darniederliegt, ist auch noch nicht ausgemacht. Aber die chinesischen Ambitionen scheinen noch nie so konkret und fundiert gewesen zu sein wie in diesem europäisch-asiatischen Vorstoß.

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Von Michael Spehr

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