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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zweimann-Kielboot „Dyas“ Dauergast in der Hitparade

 ·  Die Dyas ist ein Evergreen für jeden Geldbeutel. Das Zweimann-Kielboot ist einfach nicht unterzukriegen. Aus gutem Grund: Mit einer Dyas macht man wenig falsch und viel richtig.

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© Hans Werner Höll Wirtschaftswunder-Kreation: Die Dyas ist eine clevere Mischung aus sportlicher Jolle und kleiner Yacht

1969 reist Apollo 11 zum Mond. Das Zweite Deutsche Fernsehen sendet erstmals die Hitparade. Willy Brandt wird Bundeskanzler. Die Concorde absolviert ihren ersten Flug. Porsche und Volkswagen präsentieren den markanten 914er. Nach wie vor wirkt das Wirtschaftswunder. Immer mehr Familien verbringen die Wochenenden und Ferien an Bord eines Segelboots. Dazu muss es sich problemlos auf dem Anhänger vom heimischen Gewässer zu den süddeutschen Seen, an den Gardasee, an die Adria, zum Ijsselmeer oder zu skandinavischen Zielen mitnehmen lassen. Das moderne Freizeitboot ist aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Pflegeleichte Trendfarben statt Holz sind gefragt.

Helmuth Stöberl hat schon das küstentaugliche Kajütboot „Condor“ und das offene Dreimann-Kielboot „Trias“ entworfen. Jetzt denkt er sich eine kleinere, für zwei Erwachsene ausgelegte Variante aus, die Dyas. Die Merkmale: ein jollenartig flacher und gleitfähiger Rumpf mit moderat geneigtem Bug, Liegeflächen zum Sonnen auf dem Vor- und Achterdeck. Dazwischen eine Mittelplicht mit ringsum bequemen Sitzmöglichkeiten über einem Unterschenkel-tiefen Fußraum. Die Dyas ist ein cleverer Mix aus sportlicher Jolle und kleiner Yacht - eine ambitioniert zu segelnde Regattaklasse mit identischen Booten, dank ihrer Breite und 300 Kilo schwerer Kielflosse sicher und für die Familie geeignet. Mit 8.100 Mark ist die Dyas damals etwas günstiger als ein Opel GT.

Das flotte, mit Trapez und Spinnaker gesegelte Boot kommt gut an. Binnen drei Jahren laminiert Stöberl 170 Exemplare im üblichen Handauflegeverfahren, bei dem eine Form mit mehreren Lagen Glasfaser bei generöser Zugabe von Polyesterharz ausgelegt wird. Im Prinzip werden Kunststoffboote heute noch so gebaut. Der Erfolg lässt Stöberl über eine Vereinfachung der Bauweise und ein besseres Finish nachdenken. 1972 schlagen Stöberl und bald die Firma Fritzmeier mit dem sogenannten Depotschaum-Verfahren ein bemerkenswertes Bootsbau-Kapitel auf. Hierbei handelt es sich um eine von Bayer Leverkusen entwickelte Methode zur Fertigung gut isolierter, pflegeleichter und ringsum ansehnlicher Kühlschränke aus einem dünnen Laminat über einem Schaumkern.

Stöberl beschichtet die Form mit der später sichtbaren Gelcoat-Deckschicht. Ein dreilagiges, aus 163 Gramm Glasfasergewebe, einem Vlies und einer sogenannten Depotmatte bestehendes Gelege wird mit genau dosierter Zugabe von Harz unter Vakuumdruck zu einem Laminat, dessen innere, vorerst noch trockene Depotmatte sich erst später mit dem Schaum verbindet. Nun werden die beiden Hälften der Außen- und Innenform mit den laminierten Schalen zu einer Art Druckkammer zusammengefügt und die Hohlräume mit Polyurethan-Schaum gefüllt. Das Material hat ein geringeres spezifisches Gewicht als Balsaholz. Das Volumen von gerade mal 103 Kilo Schaum reicht aus, um das komplette Kielboot unsinkbar und somit vorbildlich sicher zu machen.

Der Teufel steckt im Detail

Doch steckt der Teufel im Detail. Der Schaum muss innerhalb der 50 Sekunden währenden Verarbeitungszeit mit einem Druck von 180 bar in sämtliche Hohlräume gepustet werden. Da er schon nach elf Sekunden treibt, können Schlieren und Luftblasen im Bauteil entstehen. Auch gelingt die Verarbeitung nur bei bestimmten Temperaturen. „Einen PU-Schaum mit längeren Verarbeitungszeiten hätte Bayer damals schon entwickeln können, aber wir brauchten halt zu wenig“, erinnert sich der heute 82 Jahre alte Stöberl. Es dauert eine Weile, bis die neue Bootsbau-Technik konstante Qualität liefert.

In dieser für den Bootsbau der siebziger Jahre wegweisenden Machart entstehen Rumpf und Deck als ringsum ansehnliche, verwindungsarme und thermisch wie akustisch bestens isolierte, selbsttragende Bauteile, die nachher nur noch mit dem für die Dyas typischen umlaufenden Aluminiumprofil zusammengefügt werden müssen. Die Depotschaum-Dyas schafft den unschönen Rauhfaserlook der Rückseite üblicher GfK-Erzeugnisse ab und integriert das Volumen für den erforderlichen Auftrieb gleich in den Bootsboden und die Wandungen von Rumpf und Deck. Mit dem pfiffigen Verfahren erfüllen sich die Oberbayern den Traum vom automatisierten, beinahe industriellen Bootsbau mit bis zu zwei Dyas am Tag. Bald wird das Kunststoff-Knowhow auch in die fritzmeiersche Fertigung von Lastwagen-Hauben oder Surfbrettern übertragen.

Die Dyas liefert Fritzmeier in Signalrot, Gelb, Orange, Hellgrün, Himmelblau und natürlich auch in noblem Dunkelblau oder Weiß. Dank zeitgemäßer Linien, Trapez und Spinnaker ist sie interessanter als der ebenfalls beliebte, 5,80 Meter lange Kielzugvogel mit seinem altmodisch knickspantigen Rumpf (340 kg schwer, 20 m2 am Wind und 1960 entworfen). Sie ist beliebter als das vorübergehend olympische, 6,70 Meter lange Zweimann-Kielboot Tempest (475 kg, 23 m2 am Wind, 1965 entworfen).

Vom Arbeits- und Privatleben nicht ausgelastete Bastler mit modelleisenbahner-artigen Ambitionen oder bayerische Profis aus der Segelmacher- und Mastbauszene wie Eckart und Norbert Wagner heizen den Dyas-Wirbel mit praktischeren Beschlägen, hochwertigeren Masten und verbesserter Decksform an. Von der jahrelangen Optimierung der Spinnaker-Bergevorrichtung durch eine in die Bugspitze eingelassene trichterförmige Öffnung profitiert die Klasse heute. Damit lassen sich die 24 Quadratmeter Nylon problemlos setzen und vor allem in Windeseile mit einem energischen Zug an der Bergestrippe unter dem Vordeck verstauen.

Die Flotte breitet sich zunächst auf den Seen des süddeutschen Voralpenlands und in Österreich aus. Bald wird auf dem Baldeneysee, der Ruhr- und Biggetalsperre, dem Eder- und Möhnesee, auch auf dem Wannsee und selbst an der Küste Dyas gesegelt. Ende der siebziger Jahre gibt es tausend Boote. Obwohl sich Fritzmeier Mitte der achtziger Jahre vom Bootsbau zurückzieht und damals die Depot-Schaum-Ära der Dyas endet, wird der familien- wie einhandtaugliche Evergreen der Regattabahnen wie gehabt gesegelt, verbessert und neu gebaut.

Es fehlen Eleganz und Nimbus des klassichen Kielboots

Das Boot wurde oder wird von kleinen Bootsbauspezialisten wie Mader, Frauscher, Henze und seit einigen Jahren als sogenannte Swiss Dyas am Zürichsee in kleiner Serie aus Glasfaserkunststoff gefertigt. Mittlerweile soll es 2000 Exemplare geben. Alljährlich finden im deutschsprachigen Raum etwa 30 Dyas-Regatten statt, wobei der Europapokal vor Riva am Nordende des Gardasees, die Travemünder und Warnemünder Woche herausragen.

Zwar fehlen der Dyas Eleganz und Nimbus des klassischen offenen Kielboots Drachen. Mit dem vorübergehend olympischen Dreimann-Kielboot Soling ist man bei Starkwind mit entsprechendem Seegang besser unterwegs. Doch sind Drachen und Soling mit 1,7 Tonnen und einer Tonne so schwer, dass sie nur an kostspielig große Autos gehängt werden können. Eine transportfertig verladene Dyas wiegt - einschließlich Anhänger - etwa eine Tonne. Diese Anhängelast wird heute in gebremster Ausführung von praktisch jedem Kleinwagen gezogen. Zwar wird zum Ein- und Auswassern wie bei anderen Kielbooten auch ein Kran benötigt. Dafür kann der neun Meter lange Mast von Hand gestellt werden. Routiniers haben eine Dyas innerhalb einer Stunde segelklar.

Vor allem ist die mittlerweile vier Jahrzehnte alte Wirtschaftswunder-Kreation ein ausgereiftes, vielseitiges und bewährtes Boot für verschiedene seglerische Temperamente. Mit dem gutmütigen und sicheren Gefährt kann man das Segeln lernen und dann ein Seglerleben lang die Finessen von Segeltrimm und Regattataktik verfeinern. Es ist ein erfrischender Spaß, die Dyas bei kräftigem Wind mit zusätzlich gesetzten 24 Quadratmetern des bunten Spinnakers ins Gleiten zu bringen und mit dem Vorschoter im Trapez und versiertem Trimm des ungerefften Großsegels hart am Wind die Böen auszusteuern.

Man kann eine gebrauchte Dyas segelfertig einschließlich Anhänger und entsprechender Bootsbastelagenda für etwa 3.000, einen Henze-Werftbau vom Möhnesee für rund 25.000 eine neue Swiss Dyas mit sämtlichen Finessen in edelweißer Ausführung für das zehnfache Budget eines betagten Boots kaufen. Mit einer Dyas macht man wenig falsch und viel richtig. Ganz einfach, weil sie sich als unproblematisches, gern gesegeltes Pendant zum Arbeits- und Familienleben eignet. Wem das alles zu praktisch und abwaschbar ist, der bestellt einfach bei Kurt Helbling die Feinepinkel-Edition in hanseatischem Dunkelblau mit Teakdeck. Damit kann man sich sogar im Norddeutschen Regatta Verein blicken lassen. Also, dieser Evergreen von Anno 1969, als Apollo 11 zum Mond flog und das ZDF die Hitparade brachte, ist wirklich ein universelles Wassersportgerät.

Dyas-Fakten

Länge: 7,15 m, Breite 1,95 m, Tiefgang 1,10 m, Mindestgewicht 605, Kiel 300 kg. Amwind-Besegelung 22 m², Spinnaker 24 m², Masthöhe 9,22 m.

Werften: Henze Möhnesee, Telefon 0 29 24/18 92, Internet www.henzewerft.de; Kurt Helbling in Jona-Rapperswil am Zürichsee (Schweiz), 00 41-5 52 12 30 04, Internet www.boote-helbling.ch.

Henze hat bisher 67 Dyas gebaut und liefert sie ohne umlaufendes Aluprofil, was das Boot eleganter macht. Ein Trailer kostet etwa 4.000 Euro. Die schweizerische Dyas kostet segelfertig ohne Mehrwertsteuer und Anhänger 40.000 Franken (ungefähr 31.000 Euro).

Klassenvereinigung Hans Werner Höll, München 0 89/6 80 64 92, Internet: www.segel.de/dyas

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