04.08.2005 · Youngtimer sind Autos aus den späten sechziger Jahren bis Anfang der Achtziger. Immer mehr junge Menschen begeistern sich für die einstigen Ikonen der Bürgerlichkeit.
Von Wolfgang PetersDas Leben auf Rädern war noch nie so reich. Denn die Liebe zum Wagen geht jetzt auch durch schmale Geldbeutel. Besonders junge Menschen entdecken immer häufiger den Reiz der gebrauchten Autos von gestern: Gefragt sind zur Zeit die Vehikel aus den späten sechziger bis zu den frühen achtziger Jahren. Daraus ernährt sich jene Bewegung, die sich über die Liebe zum sogenannten Youngtimer definiert.
Sehr rasch ist eine eigene Szene entstanden. Sie grenzt sich deutlich ab vom peniblen Hegen und Pflegen und vom pekuniär dominierten, restaurativen Umgang mit alten Autos zum Zwecke gesellschaftlicher Positionierung. Sie ist vielschichtig, keineswegs frei von Peinlichkeiten, sie ist schillernd und zeichnet sich durch einen recht unkomplizierten und respektlosen Umgang mit jenen Vehikeln aus, die einst zum Alltag gehörten. Ein bißchen Mode für den Auftritt vor dem Eiscafe und alternatives Schickimicki-Getue ist auch dabei.
Autos aus der Jugendzeit
Gefragt sind alle jene Autos, die früher verleumdet, verflucht oder verbannt waren: Papamobile, Spießerautos, Bonzenwagen, Konjunktur-Kaleschen, Neureichen-Vehikel und Angeberschlitten. Die einstigen Massenautos sind zu individuellen Stars der Straße geworden: Weil sie über viele Jahre hinweg nicht wirklich beachtet wurden, häufig von mieser Technik-Qualität waren und mit modischen Karossen rasch aus der Sonne des Zeitgeistes herausglitten, werden sie jetzt eingeholt von ihrer eigenen Vergangenheit. Diese hockte früher auf den Rücksitzen und übt jetzt als Besitzer späte Rache an Papas Auto. Oder die Kinder von einst wärmen nun gern Ereignisse auf, die sich in der Erinnerung verklären und früher Grund für dauerhaften Krach in der Familie waren.
Des Vaters liebstes Kind
Der Sonntagsausflug, die Kaffeefahrt oder der Weg zu Tante Marthe waren motorisierte Canossa-Gänge. Der Zorn der frühen Jahre richtete sich nicht nur gegen die Eltern, sondern auch gegen das unschuldige Auto, dessen Rücksitze häufig zu Orten der Verschwörung wurden. Heute sind aus den verzweifelten Kindern verliebte Autofahrer geworden: Sie erinnern sich mit wohligem Schaudern an diese Vorkommnisse und umgeben sich ganz bewußt nicht mit den jüngsten Hervorbringungen der Industrie. Das hat natürlich Gründe. Wie es damals schien, war Vaters liebstes Kind sein Auto. Es wurde gewaschen und gestreichelt, und nur Mutter durfte vorn sitzen. Dabei roch sie angenehmer und hatte immer leicht gekühlte "Katzenzungen" dabei. Auf den Rücksitzen wurde geschaukelt. Für die Folgen daraus gab es kleine Tüten. Und die Eltern dokumentierten mit der Wahl des ersten Autos und mit jeder mobilen Neuerwerbung ihren sozialen Aufstieg. Eine Verhaltensweise, die den meisten Freunden der Youngtimer völlig fremd ist. Man definiert sich in dieser Szene nicht über Leistung oder Luxus des Autos. Eher über SMS oder die Rechnergeschwindigkeit des Laptop. Und vielleicht noch über die Dichte der in dem Wagen versammelten Zitate. Eine besondere Form der Verweigerungshaltung ist ebenso zu erkennen: Die ultimative Reinlichkeit im Umgang mit seinem Auto ist kein Lebenszweck. Deshalb muß nicht aus jedem älteren Vehikel eine rollende Müllhalde werden. Aber der Gehorsam zum Chrompolieren ist nicht mehr das Bürgers erste Pflicht. Das Überführen eines Youngtimers aus einem gewissen Pflegezustand in das Stadium des bewußten Lotterlebens kann durchaus reizvoll sein. Man lebt nicht mehr mit der Sorge um die Unversehrtheit des Blechs. Damit wird auch die Abkehr von den Ritualen des Bürgerlichen dokumentiert: Die Sauberkeit als Demonstrationsobjekt hat ausgedient. Ebenso die Pflege des Wagens. Die wichtigsten Eigenschaften eines Youngtimers sind seine Funktion und seine alternative Existenz. Er wird technisch am Leben erhalten, solange es mit Eigenmitteln und vertretbarem Aufwand geht. Da bleibt für Kosmetik nicht mehr viel übrig. Rost wird akzeptiert, verbeultes Blech gilt als Beweis für Dauerhaltbarkeit, und nachlassende Leistung wird als Beleg für seine treuen Dienste gewertet.
Zwischen Wackeldackel und Häckelrolle
Gleichzeitig gilt: Die Szene ist nicht über einen einzigen Leisten zu schlagen. Neben liebevoll verlotterten Exemplaren parken hingebungsvoll präparierte Einzelstücke mit glänzendem Lack und mit Innenräumen, die nahezu keimfreie Verhältnisse bereithalten. Auch mit den Versatzstücken der Vergangenheit wird gern - natürlich ironisierend - umgegangen. Dazu gehören vor allem die einstigen, in privater Initiative kreierten Einrichtungsstücke: die Häkelhülle, entstanden an kalten Winterabenden in Mutters Hand, für die Klopapierrolle; das gleichfalls umhäkelte Sofakissen mit dem eingestickten Auto-Kennzeichen, ein Bekenntnis des Stolzes. Perfekt wird das Sofakissen, wenn es nach einem Handkantenschlag in der Mitte eine Vertiefung und an den Ecken die aufrecht stehenden Ohren zeigen kann. High-Tech-Zubehör ist der Wackeldackel: Er hält sich aufrecht auf der Hutablage, einer kleinen Veranda des Autos nach hinten, und eine besondere Aufhängung in seinem Inneren ermöglicht es dem Spieltier, jegliche Unebenheiten auf der Straße mit Kopfnicken zu begrüßen.
Gegen die Moderne
Daß der Youngtimer das ideale alternative Auto ist, wird in dieser Szene nicht bezweifelt. Er ist mit vergleichsweise kleinem Geld zu erwerben und zu unterhalten. Zudem ist er die Absage an die herrschende Fortschrittsgläubigkeit. Die meisten Wagen dieser Zeit sind noch mit relativ einfachen Handgriffen zu reparieren, Vergaser kann man einstellen, Kotflügel abschrauben, Ersatzteile gibt es auf dem Schrottplatz. An elektronische Steuerung und Chips hatte man damals zwar gedacht, aber sie noch nicht verwendet. Das hatte durchaus sein Gutes. So blieb aufwendige Technik ebenso außen vor wie überbordende Information oder unnötiger Luxus. Die Schönheit der Fensterkurbel fehlt modernen Autos.
Automobiles Charisma
Vielen Freunden der Youngtimer geht es auch nicht in erster Linie um das Erhalten von automobilem Kulturgut. Das ergibt sich zwar aus ihrem Verhalten für eine gewisse Zeit, aber das ist nicht der Grund ihrer Zuneigung. Sie greifen zu dieser Art von Fahrzeugen, weil sie in ihnen den ursprünglichen Charakter des Autos erkennen. Abfahren ist wichtiger als Ankommen. Und viele Youngtimer-Eigner widmen sich zwar mit Hingabe ihren Pretiosen, aber im Falle eines größeren Schadens folgen sie exakt dem Muster der Wegwerfgesellschaft: Die havarierte Kalesche wird ausgemustert und von einer neuen alten Kutsche ersetzt.
Vom Massenauto zur Rarität
Natürlich sind das alles nur Thesen und Theorien, und wir haben bei einer unserer Wanderungen durch die Youngtimer-Szene jede Menge junger Leute getroffen, auf die kein einziges dieser Verhaltensmuster gepaßt hätte. Gleichzeitig aber auch viele Menschen, die so denken und handeln, wie wir schrieben. Bei etlichen Autos aus der jüngeren Vergangenheit ist ihr Ableben kein Grund zur Klage. Aber wir haben viele gefunden, von denen wir glauben, sie sollten die Zeiten überdauern. Wir haben einige von ihnen ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengetragen und schildern ihren Charakter. Sie waren in ihren besten Jahren meistens Massenware. Erst die Weiterentwicklung der Autopopulation ließ sie zu Raritäten werden. Viele von ihnen endeten als Rostlauben. Und bei aller rückblickenden Verklärung: Tückische Fahreigenschaften, mangelhafte passive Sicherheit, schlechte Abgaswerte und miese Bremsen gehören - gemessen am gegenwärtigen Stand der Technik - einfach dazu.
Mini vor Ente
Bemerkenswert ist, daß die einstigen Alternativ-Wagen und Apo-Transporter in die Youngtimer-Szene kaum Eintritt gefunden haben. Der 2CV von Citroen war schon zu Lebzeiten eine Ohrfeige für jeden ordentlichen, deutschen Autofahrer. Deshalb hat er sich auch an die Ente und an ihre gemächliche Art der Fortbewegung längst gewöhnt. Ähnliches gilt für den Renault R4. Der war zwar schon immer umgeben von einer Aura des Pragmatischen und der Absage an die mobile Schönheit. Aber den vor allem in Deutschland entstandenen Kultstatus der Ente hat der kastenförmige Renault mit dem Duft nach Baguette und billigem Rotwein nie erreicht. Anders verhält es sich mit dem Mini. Wobei wir natürlich nur an das Original denken. Dessen frühe Exemplare, besonders jene mit Spezialkarosserien wie dem Clubman, werden gern genommen in der Youngtimer-Szene.
Bayerische Volkswagen
Dazu gehören vor allem jene Modelle, die einst zur geschätzten Massenware gehörten. So ist BMW durchaus an der Youngtimer-Population beteiligt: mit den Typen 1602 und den darauf folgenden, mit größerem Hubraum aufwartenden, knapp geschnittenen Limousinen; mit dem frühen BMW touring, der schon damals eine Ahnung davon vermittelte, wie praktisch Bayern zu denken vermögen; mit der E12-Fünfer-Reihe, die in einer Auflage von fast 700000 Exemplaren von 1972 bis 1981 gebaut worden war; oder mit der großen E3-Limousine, die mehr als nur einen Hauch von Oberklasse heranführte.
Ikonen der Bürgerlichkeit
Und dann natürlich Ford und Opel: Mit den einstigen Ikonen der Bürgerlichkeit ließen sich allein sehr dicht bestückte Szene-Treffs organisieren. Alle Ford dieser Jahre, vom frontgetriebenen Taunus 12M über die feinstverästelten 17M-Derivate bis hin zum luxuriösen 26M, alles Beispiele für eine automobile Lebensart, der man durchaus heute wieder anhängen kann. Oder die Ford Capri, wunderbare Pseudo-Sportwagen mit hinreißenden Proportionen und bösem Auftritt mit dem 2,8-Liter-Turbo. Man denke an die schwülstigen Consul und die gewissenhaften Granada: deutsche Tugenden vereint unter dem mit Vinyl bespannten Dach. Und Opel war eine Macht, nicht nur für die popelige Mittelklasse. Der Rekord der Serie A war eine Design-Revolution, Käufer haben sich um ihn geprügelt, und sie wußten nicht, daß die Hinterachse starr war und Blattfederpakete hatte wie ein borstiges Nutzfahrzeug. Dann die noblen Kapitäne, Admirale und Diplomaten: Wer heute einen davon ergattert, wird Frau und Kind mit Heimarbeit beschäftigen, um ihn am Leben zu erhalten (gilt auch für die SerieB). Günstiger sind die bullenstarken Commodore oder gar der Opel Olympia, der dem Ascona vorausging, beides einst keine atemraubenden Autos, aber heute mit dem Reiz des Vergänglichen versehen.
Seltene Exoten
Sehr selten sind gewisse Entsetzlichkeiten auf Rädern geworden, die wir auch nicht wirklich vermissen. Dazu gehören Alfa Arna und Alfa 90, Autos, die nicht würdig waren, diesen Namen zu tragen; einige Exemplare der frühen Jahre aus Japan, kreischende Kleinwagen mit Motoren wie elektrische Kaffeemühlen oder Simca 1307 und Horizon, Talbot Tagora, Renault R12, R15 und R20, Fahrzeuge ohne jenen Esprit, der dem Land ihrer Herkunft nachgesagt wird. Dagegen sind R8 (das skurrile Ende der Heckmotorära) und R16 (der pragmatische Luxus) Schmuckstücke der Szene.
Generation Golf
Natürlich hat die Autogeschichte Volkswagen auch in der Youngtimer-Umgebung eine der Hauptrollen zugedacht. Doch nicht mit dem VW Käfer. Das antiquarische Krabbeltier liegt in seinen Eigenschaften zu weit zurück, um ihn hat sich eine eigene Bewegung gebildet. Ähnliches gilt für den Karmann Ghia, dessen Eleganz ohne Kniefälle nicht zu ertragen ist. Dagegen gehören der VW Golf der ersten Generation, davon besonders das Henkelkörbchen-Cabrio und der puristische GTI, dann der Bus T2 und die Typen 411/412 durchaus zu den gesuchten Raritäten. Sie wurden zwar in hohen Stückzahlen gefertigt, aber Korrosion und mangelnde Pflege in ihren Jugendjahren haben sie dahingerafft. Seltenheit ist in der Szene keine Schande. Jeder kennt die Farbe des Rostes, und beim Blick unter die Fußmatten manches Youngtimers steigt schon der Duft der Verzweiflung auf.
Schwäbische und schwedische Youngtimer
Kultgefährte sind die offenbar unverwüstlichen Mercedes-Benz-Limousinen und -Coupes der Baureihe W115 (berühmt als "Strich 8") sowie der folgenden W123-Generation. Alles Wertstücke mit dem schwäbischen Bemühen um Dauerhaftigkeit im Innenverhältnis bei gleichzeitigem Streben nach Bescheidenheit im Auftritt nach außen. Alles Zeichen einer vergangenen Zeit und deshalb erstrebenswert. Ähnliches gilt für die automobilen Hervorbringungen aus Schweden in diesen Jahren. Die Volvos der Baumuster 142/244 scherten sich schon damals keinen Deut um Windschnittigkeit oder geschmeidigen Auftritt. Beinahe eine eigene Szene bilden die Volvo-Typen 66 und 343, sie tragen die Gene des ebenso genialen wie gruseligen Riemenantriebs noch in sich, unter den Volvo-Fittichen wurden daraus dann doch noch Autos. Und die Saab 99 wirken in ihrer unbekümmerten Skurrilität erst jetzt wie Autos aus den Wäldern der Wichtel und Trolle.
Porsche mit proletarischem Charakter
Auch der Ausflug von Porsche in die Welt der Mobilität des Volkes setzt Zeichen in der Szene. Die ersten 911/912 sind zu Sammlerstücken geworden, die das Budget der Youngtimer-Garde sprengen. Ähnliches gilt auch für die Typen 914 mit Vier- und 914/6 mit Sechszylindermotor, sie werden mit später Gunst bedacht. Von den Porsche 924 und 944 sind noch etliche Exemplare unterwegs, eigentlich feine Sportwagen, damals verpönt und verkannt, heute häufig heruntergewirtschaftet. Ein hohes, möglichst regelmäßig auftretendes Einkommen ist untrennbar mit dem achtzylindrigen Typ 928 verbunden. In seinem Charakter eigentlich der Kern der Youngtimer-Bewegung: provokant und auf seine übertriebene Art von proletarischem Wesen, gern mit Tätowierung gefahren; unbedingt nötig: die Innenausstattung mit den Sitzen im Schachbrettmuster.
Von Japan nach Europa
Zum Kern der Youngtimer-Bewegung gehören auch die ersten Celica von Toyota. Die von 1970 bis Anfang der achtziger Jahre entstandenen Celica sind Zeugnisse des Herantastens an europäische Geschmacksmuster, sie tragen heute den Schmelz des älteren Sportwagens, ohne zu schnell zu sein.
Die Oldtimer-Freunde gehen häufig auf Distanz zu den Youngtimer-Freaks. Sie können mit der Lässigkeit des Umgangs mit den älteren Autos nichts anfangen. Und gerade der Druck des Wettbewerbs um Pokale für die Pretiosen der Vergangenheit wiederum läßt die Youngtimer-Szene eher schaudern. Sie setzt auf den entspannteren Weg für die Liebe zum älteren Auto. Raum für beide Bewegungen und für etliche weitere Szenen bietet das Auto auch in der Zukunft. Das Leben auf Rädern bietet eine Vielfalt wie noch nie zuvor.