23.01.2009 · 90 Grad an der Kurbelwelle, 182 PS unterm Gesäß: Yamaha feilten an der Fahrbarkeit ihrer Zweiräder und heraus gekommen ist die neue YZF-R1. So viel schon einmal vorweg: Es war eines unserer heißeren Motorraderlebnisse.
Von Walter Wille44 Grad im Schatten, Lichtschutzfaktor 50 im Nacken, 90 Grad an der Kurbelwelle, 182 PS unterm Gesäß. Die wichtigsten technischen Daten hiermit schon einmal vorweg. Es war eines unserer heißeren Motorraderlebnisse. Nie zuvor haben die Füße in den Stiefeln so gekocht wie diesmal, Zentimeter neben einem der feurigsten Triebwerke der Zweiradgeschichte. Selten hat beim Absteigen das Gesicht so geglüht. Und kaum jemals hat schon vor der ersten Fahrt das Herz so gepocht. Von nachher ganz zu schweigen.
Yamaha hat etwas ausgebrütet, was alle brennend interessiert. Am anderen Ende der Welt, wo bekanntlich ohnehin alles kopfsteht, wurde Umwälzendes präsentiert. Auf einer Rennstrecke, die keine Sekunde zum Verschnaufen gewährt, haben wir nach Luft geschnappt, Helmfutter, Ledermontur und auch das Innere der Stiefel mit Schweiß durchtränkt, was wenigstens verhinderte, dass die Socken qualmten. Wir haben uns richtig was getraut, nur eines nicht: Diese Socken später zu Hause in die Wäsche zu geben. Sollen doch die Australier sehen, wie sie mit diesem Sondermüll umgehen. Unterm Strich hat sich die weite Reise gelohnt: Wir dürfen nun behaupten, die Kurbelwelle des großen Valentino Rossi gefahren zu haben. Nicht exakt seine, aber eine sehr ähnliche. Jeder kann das demnächst, wenn er dem Händler für eine YZF-R1 rund 15.000 Euro überweist.
Vermeintliche Kleinigkeiten sollen Großes bewirken
Technisch betrachtet, stellt Yamaha zur Saison 2009 seine Supersportwelt auf den Kopf. Das Topmodell wurde so grundlegend modifiziert wie nie zuvor in seiner elfjährigen Geschichte. Somit war der Ort der Vorstellung, der Rundkurs von Eastern Creek bei Sydney, nicht unpassend gewählt. Der Yamaha-Werksrenner M1 aus der Motorrad-Weltmeisterschaft stand Pate für manche Modifikation.
Neu an der R1 sind unter anderem der Deltabox-Rahmen aus Aluminium-Bestandteilen unterschiedlicher Fertigungsart, die langgestreckte Hinterradschwinge, das in der Dämpfungscharakteristik vielfältig einstellbare Federbein mit Hebelsystem nach Vorbild der M1, die Telegabel mit Dämpfungssystemen für Druckstufe im linken und Zugstufe im rechten Gabelholm, Bremsanlage, Verkleidung, Instrumente, Lichtanlage (Projektions-Doppelscheinwerfer mit beweglichen Blenden statt der vier Scheinwerfer des Vorgängermodells). Vermeintliche Kleinigkeiten sollen Großes bewirken im Sinne von Handlichkeit, Fahrstabilität, Traktion, Konzentration der Massen, Kompaktheit: kürzerer Radstand, etwas aufrechter, weiter vorn ins Fahrwerk integrierter Motor, 18-Liter-Tank, der sich trotz größeren Fassungsvermögens tiefer in den Hauptrahmen schmiegt, Rahmenheck aus Magnesium und so weiter und so fort. Das Gesamtgewicht wird mit 206 Kilogramm (vollgetankt) angegeben.
Damit zum Kern der Neuerungen: der Kurbelwelle
Wichtig im Tausender-Sportverein: Liga: Auch diese R1 wirkt edel, sieht schon im Stand pfeilschnell aus. Allerdings geht sie mit einem gewissen Design-Handicap an den Start. Es betrifft ihr Heck. Das wirkt wegen der beiden – gegen den aktuellen Trend – hochverlegten Endschalldämpfer nicht so luftig, wie es Mode geworden ist. Den Ingenieuren fehlte schlicht der Platz vor dem Hinterrad, der von der Federbein-Hebelei beansprucht wird sowie von den Auspuffrohren, die eine gewisse Länge nicht unterschreiten durften, damit der 998 Kubikzentimeter große, kurzhubige Reihenvierzylinder die ganze gewaltige Leistung von 134 kW (182 PS) bei 12.500 Umdrehungen und das Drehmoment von 116 Nm bei 10.000/min aufbieten kann.
Damit zum Kern der Neuerungen: der Kurbelwelle. Yamaha führt das Prinzip seiner Moto-GP-Rennmaschine M1 in den Serienbau ein und verabschiedet sich vom konventionellen Aufbau, bei dem die Hubzapfen so angeordnet sind, dass zwei Kolben-/Pleuelpaare jeweils parallel an der Kurbelwelle montiert sind und sich ein gleichmäßiger Zündversatz alle 180 Grad Kurbelwellenwinkel ergibt. Beim neuen Motor sind die Hubzapfen jeweils um 90 Grad versetzt, die Zündfolge ist ungleichmäßig (2700 – 1800 – 900 – 1800), und es gibt keine Parallelbewegung der Kolben in den Zylindern.
Der R1-Motor läuft jetzt rauher als gewohnt
Die ungleichmäßige Zündfolge soll zu einem gleichmäßigeren Drehmomentverlauf führen, zu besserer Kontrollierbarkeit der Maschine, neuem Fahrgefühl und kernigerem Klang. Die Bauweise kostet ein wenig Spitzenleistung, wie Yamaha-Entwickler einräumen, was allerdings ganz und gar unerheblich ist. Ob 188 oder 182 PS – es ist so oder so weit mehr als genug. Selbst die Fundamentalisten unter den Heizern erkennen allmählich an, dass es in diesen Regionen viel mehr auf Fahrbarkeit der Maschinen ankommt als auf noch mehr Leistung, dass auf der Rennstrecke Fahrkönnen und Reifengrip die Grenzen der Möglichkeiten setzen und auf öffentlichen Straße noch ganz andere Dinge.
Auch im neuen Motor variiert Yamahas YCC-I-System die Längen der Ansaugtrichter in Abhängigkeit von den Drehzahlen. Die Stellung der Drosselklappen wird ebenfalls elektronisch gesteuert. Neu ist, dass der Fahrer die Möglichkeit hat, per Schalter am Lenker zwischen drei Kennfeld-Modi zu wählen, die das Ansprechverhalten des Motors beim Gasanlegen von ziemlich direkt über sehr direkt bis äußerst direkt verändern. Der R1-Motor läuft jetzt rauher als gewohnt, zur Eindämmung der Vibrationen wird eine Ausgleichswelle eingesetzt. Er klingt, als habe er unter Einsatz von viel Jim Beam den Stimmbruch hinter sich gebracht – tief, knurrig, grollig, wie ein vierzylindriger Zweizylinder.
Die Leistung ist bestialisch
Das Dreh- und Losmarschiermoment ist nichts anderes als mitreißend, die Leistung im Grunde bestialisch, die Art der Entfaltung indes geradezu freundschaftlich sanft, die Gasannahme erfreulich transparent. So kommt es, dass man selbst als mäßig versierter Rennstreckenfahrer – nur dort haben wir die R1 bisher bewegt – rasch ein Gefühl für den beim harten Beschleunigen auf der langen Geraden steigenden Vorderreifen, für den in der Kurve an seine Haftgrenzen geratenden hinteren Pneu entwickeln kann. Ergonomie und Bremsen: überzeugend.
Nach der Bekanntschaft mit der jeweils jüngsten Generation der japanischen Präzisions-Rennwerkzeuge mit Straßenzulassung, die unsereins zugleich faszinieren und die Grenzen des Fahrkönnens aufzeigen, ist man hinterher immer ziemlich von den Socken. Diesmal aber wirklich. Auch hierzulande wird der Sommer heiß.
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