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Yamaha XT1200Z Super Ténéré WWW wie Weite, Wind und Wüste

20.05.2010 ·  Lange erwartet, nun ist sie da: Yamaha XT1200Z Super Ténéré. Schotterstrecken macht sie mit links, und es geht noch einiges mehr. Die Yamaha ist gekonnt ausbalanciert, fühlt sich leichter an, als sie ist. Die große Bereicherung der Reiseenduro-Klasse?

Von Walter Wille
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Du hast 345 Freunde, teilt der Rechner mit. Genau 345 im Moment, aber das kann sich natürlich jederzeit schnell ändern. Freunde kann man per Mausklick hinzufügen, ganz unkompliziert. Oder „Freundeslisten sortieren“, „Freunde bearbeiten“ - einfach so. Wie modern und unkompliziert diese virtuelle Freundschaftspflege heutzutage doch ist. „Freundschaft beenden“ - klick.

Die XT1200Z Super Ténéré ist ein anderer Typ Freund, einer, der aus der Zeit vor der Freunde-Inflation zu stammen scheint. Sie knüpft ihr soziales Netzwerk aus Aluminium und Stahl, Kunststoff, Gummi und Benzin und gibt einen Hauch von Abenteuer und Rallye-Geschichte dazu: Paris-Dakar, wer erinnert sich?

Das war eine ganze Weile vor der Zeit von Facebook und dergleichen, aber eine gewisse Anzahl von Motorradfahrern hat einfach nicht aufgehört, darauf zu warten, dass ihnen Yamaha irgendwann eine Nachfolgerin der Ende der Achtziger vorgestellten, Mitte der Neunziger eingestellten 750er Super Ténéré geben würde. Diese Beharrlichkeit trug dazu bei, dass es nun tatsächlich so weit ist, auch haben die Nachfrage nach vielseitigen Motorrädern allgemein und der Dauererfolg der R 1200 GS von BMW der neuen Super Ténéré den Weg geebnet.

Dass es so lange gedauert hat, lag unter anderem am Aufwand, den es erfordert, vom weißen Blatt Papier aus ein zeitgemäßes Konzept für eine Reiseenduro und die passenden Komponenten zu entwickeln. Alles anders jetzt, bloß das Leitbild des zuverlässigen Kumpels, der einen auch im Groben nicht im Stich lässt, blieb gewahrt. Hier steht www für Weite, Wind und Wüste und für das, was sonst noch den Kopf freimacht, wenn man sich auf Tour begibt. Oder wenn man weiß: Man könnte ...

Verstärkte Struktur statt Leichtbau um jeden Preis

Die neuen Vorgaben: mehr als ein Liter Hubraum (einen passenden Zweizylinder hatten die Japaner nicht auf Lager), wartungsarmer Kardanantrieb, einfaches Handling, Wendigkeit, robuste, an entscheidenden Stellen verstärkte Struktur statt Leichtbau um jeden Preis, üppiges Tankvolumen (23 Liter), Wetterschutz, Gepäcktransport. Und dazu das alte Versprechen, dass die Fahrt weitergeht, wo die Straße aufhört. Das klingt gut, nur: Ein so großes Motorrad (es wiegt fahrbereit 261 Kilo) in schwerem Gelände - das hat im Grunde keinen Sinn. Deshalb wurde der Fokus von vornherein auf asphaltierte Straßen gelegt, ohne die Rallyewurzeln ganz zu kappen. Wenigstens über unbefestigte Wege sollte die Super Ténéré leicht und locker zu führen sein.

Schotterstrecken macht sie mit links, und es geht noch einiges mehr. Dazu tragen angemessene Federwege, Speichenräder (vorn 19, hinten 17 Zoll), Bodenfreiheit (205 Millimeter) bei und besonders der niedrige Schwerpunkt der Maschine, den der Fahrer schon auf den ersten Metern fühlt, genießt und der gerade bei niedrigen Geschwindigkeiten, auf engen Bergsträßchen, beim Rangieren äußerst angenehm ist. Die Ingenieure haben sich einiges einfallen lassen, um den Motor weit unten und weit vorn plazieren zu können: Trockensumpfschmierung, Öltank im Kurbelgehäuse, kompakte Bauweise und ein Kühler, der nicht vorm Triebwerk hängt, sondern an der linken Seite. Die Yamaha ist gekonnt ausbalanciert, fühlt sich leichter an, als sie ist, dank relativ kurzen Radstands auch agil. Dabei hat man Wert gelegt auf eine möglichst lange Aluschwinge zur Verbesserung der Traktion und zur Minderung ungewollter Einflüsse des Kardans auf das Fahrverhalten. Man spürt ihn nicht. Spitze.

Der angenehm grummelig klingende Zweizylinder sprüht nicht vor Drehfreude

Der Reihen-Twin mit 1199 Kubikzentimeter Hubraum hat eine Nennleistung von 81 kW (110 PS) bei 7250/min und erreicht damit das Niveau des Vorbilds von BMW, beim Drehmoment (114 Nm bei 6000/min) bleibt er um sechs Newtonmeter darunter. Der angenehm grummelig klingende Zweizylinder sprüht nicht vor Drehfreude, begeistert allerdings durch samtweiche Gasannahme und satten, gleichmäßigen Schub von unten heraus. Das Wesentliche erledigt er lässig zwischen 2000 und 4000 Touren, wirkt selbst bei weniger als 2000/min motiviert. Ausgleichswellen halten Vibrationen im Zaum, verhindern aber nicht, dass sich hin und wieder - bei zirka 130 km/h im sechsten Gang etwa - Kribbeln an den Lenker-Enden einstellt.

Dank elektronisch gesteuerter Drosselklappen und zweier unterschiedlicher Kennfelder (“D-Mode“) lässt sich das Ansprechverhalten auf Gasgriffkommandos per Knopfdruck verändern: direkt im „Sport“-Modus, deutlich weicher in der Einstellung „Touring“. Letztere bietet sich für Regenwetter an oder für Fahrten auf rutschigem Untergrund, damit das Hinterrad nicht ausbricht. Allerdings steht dieser Gefahr schon die bestens funktionierende, in drei Stufen einstellbare Traktionskontrolle entgegen. Sie greift in Stufe 1 sofort und konsequent ein, sobald der hintere Pneu durchzudrehen beginnt, mischt sich in Stufe 2 nur zurückhaltend ein, so dass leichtes Driften möglich ist. In der dritten Stufe ist sie deaktiviert.

Yamaha begründet das mit Sicherheitserwägungen

Nicht abzustellen ist das ABS-System, was mancher in bestimmten Situationen, etwa bei steilen Geländeabfahrten, bedauern mag. Yamaha begründet das mit Sicherheitserwägungen; man wolle Unfälle vermeiden, die darauf zurückzuführen seien, dass jemand vergesse, das ABS wieder in Gang zu setzen. Im Regelbereich - das ABS greift nicht zu früh ein - agiert die Antiblockiertechnik erstaunlich geschmeidig bei kaum spürbarem Pulsieren des Handhebels. Das System sei in der Lage, Rutschvorhersagen zu berechnen und teilweise schon vor dem Blockieren des Rads regelnd einzugreifen, erklärt Produktplaner Oliver Grill. Überdies vermag die computergestützte Kombibremsanlage die Bremskraft zwischen Vorder- und Hinterrad je nach Fahrsituation zu verteilen.

Eine Menge Elektronik also. Zu viel davon ist Fernweh-Haudegen und Staubpisten-Puristen stets suspekt. Es muss daher kein Nachteil sein, dass die Super Ténéré (anders als R 1200 GS oder Ducati Multistrada) nicht mit einem elektronisch veränderbaren Fahrwerk zu haben ist. Statt dessen bringt sie auf herkömmliche Weise einstellbare Federelemente mit sowie eine ausgewogene Grundausstattung: Hauptständer, Handprotektoren, Höhenverstellung für Fahrersitz (sehr einfach) und Windschutzscheibe (umständlich mit Schraubenzieher), 12-Volt-Steckdose im Cockpit und pfiffige Fußrasten mit hohlen Gummi-Einsätzen, die sich beim (Offroad-)Fahren im Stehen zusammendrücken, so dass der Stiefel vollen Kontakt zu den Metallzähnen bekommt. Getriebe, Fahrwerk, Reifen (Bridgestone Battle Wing) arbeiten auf hohem Niveau. Der Preis von 14 750 Euro ist konkurrenzfähig; Koffersatz, Motorschutz und Scheinwerfer-Protektor legt Yamaha in der Saison des Debüts (“First Edition“) sogar noch drauf.

Damit ist die komfortable Super Ténéré eine ernstzunehmende Rivalin für die etablierten Großenduros mit der Spezialität Touring. Kein träges Gestühl für Reiseonkels, sondern im Geiste von Paris-Dakar eine sportive Maschine, mit der man auf sehr entspannte Weise flott unterwegs sein kann. Wir haben in zwei Tagen rund 1000 Kilometer zurückgelegt. Mit jedem einzelnen wuchs die Freundschaft. Dann aber war es Zeit, den Yamaha-Leuten ihre blaue Testmaschine zurückzugeben. Klick.

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Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

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