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Yamaha Midnight Star Fühlen Sie doch mal den Puls

 ·  Nicht selten erwacht im fortschreitenden Alter die Lust. Mal mit 40, mal erst mit 60, manchmal nie. Die Yamaha XVS 950 A Midnight Star steht bereit. Zweck und Zielgruppe sind klar umrissen: entspannt dahingleiten, den Horizont inhalieren.

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Wenn Männer reif und nachdenklich werden, sagen sie Sachen wie: „Mit 50 kaufe ich mir 'nen Cruiser.“ So wie neulich der Kurt, den es beim Tennisspielen jetzt hier und da mal zwackt. Mit 18 hatte er, wie damals üblich, beim Autoführerschein den fürs Motorrad gleich mitgemacht - und ihn seither, wie viele andere auch, kaum genutzt.

Nicht selten erwacht im fortschreitenden Alter die Lust. Mal mit 40, mal erst mit 60, manchmal nie. Wie dem auch sei, die Yamaha XVS 950 A Midnight Star steht bereit. Die ist so ein Wenn-ich-Motorrad. Schwer Eindruck machend, aber leicht im Umgang. Zweck und Zielgruppe (nicht ausschließlich männlich) sind klar umrissen: entspannt dahingleiten, den Horizont inhalieren. Mit ruhigem Puls. Man muss sich im Büro schon genug aufregen, also bitte nicht auch noch im Sattel. Man muss, um mit dieser Japanerin klarzukommen, nicht besonders geübt sein im Hantieren mit einem Motorrad.

Er muss brabbeln und blubbern

Die neue Midnight Star ist lang, flach, sehnig, chromig, ein imposantes Eisen, übernimmt aber trotzdem die Rolle des „kleinsten“ Cruisers im Yamaha-Programm. Mit knapp 1000 Kubikzentimeter Hubraum der Kleinste - die Zeiten haben sich geändert, seit der Kurt jung war. Es gab in den Neunzigern einen Cruiser- und Chopper-Boom, dann kam diese uramerikanische Art des Motorrads aus der Mode, momentan nimmt die Beliebtheit wieder zu. Gerade rechtzeitig also ist Yamaha mit der 950er zur Stelle. Das Konzept: volles Format, erwachsener Auftritt, schmucke Anmutung, überschaubare Leistung und ein voraussichtlich annehmbarer Preis (steht noch nicht fest, von Januar an im Handel). Das könnte funktionieren, sagt der Verstand.

Wichtiger aber ist gerade bei dieser Gattung Krad, was das Gefühl sagt. Magengrube, Fußsohlen, Gehörgänge und Gesäß verlangen nach Entertainment. Ein Cruiser muss sich mit bollernden Lauten aus dunklen Drehzahltiefen heraus druckvoll aus der Kurve kurbeln, er muss brabbeln und blubbern und die Kunst beherrschen, die Bundesstraße bei Blaustein in einen Highway durch die Blue Ridge Mountains zu verwandeln. Das ist nicht einfach, besonders angesichts der nicht unbegrenzten Möglichkeiten von 39 kW (54 PS).

Man kann sie trommeln lassen, hämmern oder vibrieren

Die Midnight Star macht eine ganze Menge daraus, fühlt sich mit ihrem Drehmomentmaximum von 77 Newtonmeter, das schon bei 3000/min zur Stelle ist, durchaus souverän an. Man hat es in der Gashand, kann sie trommeln lassen, hämmern oder vibrieren. Alle Töne, die sie von sich gibt, sind angenehm tief. Daran haben Yamahas Ingenieure intensiv getüftelt. Und sie lassen den - standesgemäß luftgekühlten - 60-Grad-V-Twin starr in den Stahlrohrrahmen schrauben, obwohl er ohne Ausgleichswelle arbeitet.

Das sowie eine ungleichmäßige Zündfolge bei 300 und 420 Grad sorgen für pulsierenden Takt. Zugleich sollen leichte Schmiedekolben und Pleuel Laufruhe und gutes Ansprechverhalten gewährleisten. Versucht man, die Gänge auszudrehen, wirkt das hübsch gerippte Triebwerk angestrengt, überträgt deutliche Vibrationen in Lenker und Trittbretter, obwohl die gummigelagert sind. Aber das ist nicht die feine Art des Kreuzfahrens. Den Cruiser verschont man mit hohen Drehzahlen, lässt ihn schaltfaul dahinstampfen.

Einfach sollte das Handling sein

Der V2 ist von der modernen Sorte: Vierventilköpfe, Einspritzung, keramisch beschichtete Zylinderlaufflächen, Ventiltrieb über Rollenkipphebel. Bei einem Hubraum von genau 942 Kubik ist das Verhältnis von Bohrung und Hub (85 × 83 mm) annähernd quadratisch, die Verdichtung beträgt 9,0:1. Ein Riemen treibt das 16-Zoll-Leichtmetall-Hinterrad mit seinem 170er-Pneu an. Vorn rotiert ein 18-Zöller. Kupplung und Schaltung sind leichtgängig, ein dezentes, cruisertypisches Klacken und Klonken untermalt die Gangwechsel. Zwei Finger an der Vorderradbremse (320-mm-Einzelscheibe) reichen in der Regel, um die Midnight Star zu kontrollieren, Unterstützung leistet notfalls das dicke Pedal der hinteren Bremse (298-mm-Scheibe) auf dem rechten Trittbrett.

Erinnern wir uns an die Zielgruppe: Einfach sollte das Handling sein. An 278 Kilo vollgetankt und einen immens langen Radstand von 1684 Millimeter muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen. Das geht. Die Yamaha lässt sich in einem Zug auf der Straße wenden, mit den Füßen auf dem Boden auch rückwärts rangieren. Die Lenkkräfte sind gering, die Sitzhöhe von nur 675 Millimeter schafft Vertrauen. Allein schon die lässige Sitzhaltung erstickt die Versuchung, ungebührlich schnell zu fahren. Sollte dennoch einmal der Gaul durchgehen, mahnen die bereits bei wenig Schräglage auf dem Asphalt kratzenden Trittbretter zur Mäßigung. So erlebt man auch die nächsten 50 Jahre noch.

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Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

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