02.04.2010 · Eigentlich geschickt eingefädelt: Man paare einen schnellen Rumpf mit den Auf- und Ausbauten eines echten Tourers, attackiert den Platzhirsch, schafft ein preiswertes Konkurrenzprodukt und lockt mit kurzen Lieferzeiten. Aber dann...
Von Claus ReissigEin neuer Typ Boot entsteht nicht selten aus der Idee heraus, ein Produkt zu plazieren, das es so noch nicht gibt. Man sondiert den Markt, sucht Produktionskapazitäten und legt los, sofern die Aussichten vielversprechend sind. Im Fall der Saare 41 aus Estland war es eher andersherum.
Die Saare-Paat-Werft war sich ihres guten Bootsbaus sicher, fühlte sich aber mit der reinen Auftragsarbeit zum Beispiel für Finngulf nicht ausgelastet. Also musste ein eigenes Produkt her. Einen „Gegner“ hatte sich die Werft schnell auserkoren: niemand Geringerem als der fest im Sattel sitzenden Hallberg-Rassy 40 wollte man Marktanteile abnehmen.
In der Zeit, als die Entscheidung reifte, stellten sich die Rahmenbedingungen allerdings noch ganz anders dar als heute: Die Auswahl an klassischen Mittelcockpitschiffen schrumpfte, der Yachtmarkt insgesamt boomte, und auf eine Hallberg-Rassy 40 mussten die Kunden mitunter mehr als ein Jahr warten. Also - so der Plan - schafft man ein preiswertes Konkurrenzprodukt und lockt die verehrte Kundschaft überdies mit kurzen Lieferzeiten. Nun, der boomende Yachtmarkt ist Geschichte, die Werften haben Umsatzeinbrüche von teilweise 50 Prozent und mehr, die Lieferzeiten gingen drastisch zurück. Die Geschichte klingt nach einem typischen Fall von: dumm gelaufen.
Rund 100 Quadratmeter Segelfläche und eine lange Wasserlinie
Es gibt die Saare 41 trotzdem. Und so, wie Konstrukteur Strahlmann sie entworfen hat, ist sie außergewöhnlich, was ihre Proportionen und vor allem ihr seglerisches Potential angeht. Damit wird sie einigen prominenten Fahrtenyachten vor allem bei leichtem Wind ihre Rückansicht präsentieren. Rund 100 Quadratmeter Segelfläche und eine lange Wasserlinie (11,20 Meter) sorgen für Möglichkeiten des flotten Vorankommens und einen Kontrast zu dem, was man von Fahrtenspezialisten - vor allem solchen mit Mittelcockpit - gewöhnt ist.
Am Tag unseres Probeschlags kündet der Windmesser von fünf Beaufort auf der Ostsee vor Eckernförde, die beiden gestandenen Regattasegler, die uns begleiten, ziehen der Saare das Rigg stramm, dass einem das arme Schiffchen fast leid tut. Aber: Hier wird nicht ein Maulesel zum Galopp gezwungen, sondern ein mit Strohhut getarntes, aber durchaus gut trainiertes Pferd zur Leistung animiert. Mit gerefftem Großsegel und ebenfalls verkleinerter Genua rennt die Yacht mit gut sieben Knoten über die Buckelpiste, ein kleiner Wendewinkel von 86 Grad macht das Kreuzen zu jenem Spaß, der sich fast automatisch einstellt, wenn ein Schiff richtig gut funktioniert. Die Holepunkte der Vorsegelschoten liegen weit innen auf dem Kajütdach, was einen kleinen Kreuzwinkel erlaubt und den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Seitendecks frei von Genuaschienen sind.
Recht hohes Cockpit
Sauber getrimmt, liegt die Yacht nahezu neutral auf der Seite und lässt sich feinfühlig dirigieren, ein Verdienst auch des langen Kiels mit zwei Meter Tiefgang (gegen Aufpreis ist eine flachere Variante mit 1,80 Meter zu haben). Hochwertige Winschen und Traveller sorgen für das nötige Vertrauen angesichts der momentanen Lasten in der Struktur, die kaum ein Fahrtensegler sich und seiner Yacht zumuten würde, auch wenn die solide Konstruktion das klaglos wegsteckt. Auf Raumschotskursen indes sind die Geschwindigkeitswerte nicht mehr so berauschend, was dem recht hohen Gewicht der zum Tourer ausgebauten und nicht als magerer Racer konzipierten Saare geschuldet ist. Das ist kein Makel, sondern systembedingt.
Alles im grünen Bereich also, wenn man nicht zu viel in das Schiffchen hineindeutet. Anlass zur Kritik geben gleichwohl die Plätze im (zugunsten der darunter liegenden Küche) recht hohen Cockpit. Das Süll und somit der Rückhalt für den Rücken ist recht niedrig geraten, man sitzt mehr „oben auf“ dem Cockpit, anstatt sich integriert und geborgen zu fühlen. Dies ist grundsätzlich eine harte Nuss für die Konstrukteure von Mittelcockpityachten dieses Formats - bei größeren ist die Sache einfacher. Angesichts des geringen Wellengangs während unseres Probeschlags fällt dies kaum auf, zumal die Windschutzscheibe und das serienmäßige Spritzverdeck guten Schutz darstellen. Ebenfalls zur Serienausstattung zählt der sauber verlegte Teakbelag auf dem Deck. Was man auch anfasst, es befindet sich an der richtigen Stelle, und kleine Feinheiten wie der Tritt auf dem Vorschiff zum einfacheren Erreichen des hohen Großbaums, die das Leben an Bord enorm erleichtern, zeugen von pragmatischem Denken.
Die Edelstahlteile werden nicht günstig zugekauft
Überhaupt ist die handwerkliche Sorgfalt, mit der die Saare in die Welt gesetzt wird, ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt der Yacht. Die Edelstahlteile werden nicht günstig zugekauft, sondern von eigenen Leuten gefertigt, Türen und Klappen unter Deck aufwendig aus Sandwichmaterial hergestellt. Das Rückgrat der Yacht besteht aus einem solide einlaminierten Wrangen- und Stringergerüst. Alles Dinge, die einer Yacht auch hinsichtlich eines langen Lebens guttun, die aber beim Kauf nicht sofort ins Auge stechen.
Das macht heutzutage eher das Design des Ausbaus unter Deck (häufig ungeachtet von dessen Qualität) - und da ist die Saare 41 recht zurückhaltend. Material und Aufteilung sind konventionell: eine Kabine vorn, eine hinten, jeweils eine Nasszelle, dazu ein gut nutzbarer Salon nebst Küche und Kartentisch. Das Dunkelblau der Polster - die es auch in Beige gibt - verstärkt den Charakter der alten Schule, zumal alles, wie gesagt, außerordentlich zuverlässig wirkt. Wer ein solides Schiff zum Reisen sucht und dem Trend zur luftigen Lounge-Atmosphäre nicht folgen mag, ist mit der Saare 41 also vermutlich nicht schlecht beraten. Zumal sie im Vergleich zu Yachten vom Schlage einer Hallberg-Rassy 40 mit gut 300 000 Euro günstiger daherkommt und zudem eine recht umfangreiche Serienausstattung bereithält. Vom erwähnten Teakdeck über Heizung, Warmwasseranlage, Landanschluss mit Ladegerät, Sperrprimer im Unterwasserbereich bis zum decksbündigen Vorsegel mit unter dem Deck angebrachter Rollanlage ist vieles von vornherein dabei.
Zusätzliche Kosten entstehen durch Segel, Ankerausrüstung sowie die heute kaum noch wegzudenkenden Extras Kartenplotter und Bugstrahlruder. Warum fehlte ausgerechnet Letzteres auf dem Vorführboot? Weil man daran die Regattasegler beim deutschen Saare-Händler erkennt.
Daten und Preise
Länge 12,50 m; Länge in der Wasserlinie 11,20 m; Breite 3,92 m; Tiefgang 2,0 m (Flachkiel 1,80 m als Option); Verdrängung 10,5 t (Flachkiel 10,75 t); Ballast 3,9 t (Ballastanteil 37 %); Segelfläche 100,4 m2; Masthöhe über Wasser 18,95 m; Frischwassertank 350 l; Dieseltank 300 l; Maschine 55 PS Volvo-Penta Diesel mit Saildrive und dreiflügeligem Faltpropeller-Konstruktion: glasfaserverstärkter Vinylester-Kunststoff im Handauflegeverfahren, über Wasser Balsaholz-Sandwich; laminiertes Wrangen- und Stringergerüst; durchgehender oder an Deck stehender Mast; Bleikiel; Rumpf-Deck-Verbindung geklebt und im Bereich der Relingstützen gebolzt; CE Kategorie A (Hochsee).
Grundpreis: ab 327.400 Euro; Serienausstattung u. a. Rollreffanlage (decksbündig), Achterstagspanner; sechs Harken-Winschen, Log und Lot, Epoxid-Sperrprimer und Antifouling, Teakdeck, Dieselheizung, Warmwasseranlage, Kühlbox, Landanschluss mit Ladegerät, LED-Positionslampen; Windschutzscheibe mit Sprayhood. Aufpreis für Großsegel 4759 Euro, Genua (140 %) 3220, Gennaker 2750, Bugstrahlruder 5366, elektrische Ankerwinde 3566, Anker-/Festmacherpaket 976, Windmessanlage 1319 Euro; Kartenplotter 1866, Autopilot 6262 Euro.
Design: Karl-Johan Strahlmann; Werft: Saare-Paat AS, Nasva, Saare Makond 93822/Estonia