07.05.2009 · Schön, wenn es noch altes Blech gibt, das niemals in die Presse kommt. Seine letzte Ausfahrt in Afrika: das Wijnland Auto Museum bei Kapstadt. Der Besuch einer sehr außergewöhnlichen automobilen Sammlung.
Von Stefan DiehlDie staatliche Abwrackprämie ist in aller Munde und lockt hierzulande immer noch zahlreiche Kunden in die Autohäuser. Es gibt jedoch auch Menschen, die bei Automobilen, selbst wenn sie älter als neun Jahre sind, nur eines möchten: sie vor der Schrottpresse bewahren. So wie Les Boshoff. Der 75 Jahre alte Südafrikaner sammelt seit mehr als 20 Jahren Autos und lagert sie in einer Art Freilichtmuseum, das eher an einen Friedhof automobiler Träume erinnert.
Gleich an der Autobahn N1 Richtung Paarl, etwa 35 Kilometer nordöstlich von Kapstadt, liegt diese wohl einmalige Wallfahrtsstätte für Liebhaber alten Blechs. Allenfalls Besucher des Cape Garden Centers entdecken zufällig das dahinter liegende Wijnland Auto Museum. Die anderen fahren auf dem Weg zu den südafrikanischen Winzern in den Winelands vermutlich an diesem „Schrottplatz“ der besonderen Art einfach vorbei.
Schon der Eingang weist den Weg in ein Reich ehemaliger Mobilität, das sich heute eher zu einer Gedenkstätte des Immobilen transformiert hat: Zwei bis zur Frontscheibe in den Boden gerammte schwarze Amischlitten markieren das Portal. Dahinter finden auf einer Fläche von gut zwei Fußballplätzen Karosserien in jedem Grad des alters- und witterungsbedingten Verfalls aneinander gereiht ihren letzten Parkplatz. Teils in passablem und durchaus fahrbereitem Zustand, oft jedoch in bemitleidenswerter Erscheinung, allenfalls als Fragment in Rostrot erkennbar.
Mercedes Strich-Acht, Heckflossen-Benze und Buckel-Volvo
Gleich rechts hinter der Pforte warten nach Marken aufgereiht Automobile überwiegend europäischer Produktion unter einem Sonnenschutz auf ihre letzte Tankfüllung: VW Käfer, Renault 4CV (das Cremeschnittchen), Mercedes Strich-Acht, Heckflossen-Benze, Jaguar-MK-Limousinen und Buckel-Volvo. Dahinter beginnt eine reichlich unsortierte Zeitreise durch die automobile Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts.
Viele amerikanische Fahrzeuge fanden seinerzeit den Weg ans Kap, und so erstaunt es nicht, dass die meisten Exponate von Les' Sammlung jenseits des Atlantiks gebaut wurden: De Soto und Buick, Cadillac und Ford, Packard, Oldsmobile und Lincoln. Modelle wie Biscaya, Skylark, Impala, Biarritz, Bel Air, Continental, Monte Carlo - wer kennt noch diese Namen?
Ein Chevy-Pick-up aus den Fünfzigern hat seine letzte Fuhre vor Jahrzehnten auf der jetzt morschen Holzladefläche transportiert, nun fristet er sein Dasein als Endlager für Kotflügel. Daneben mannshoch aufgestapelte Leiterrahmen mit Achsen und ein völlig verrosteter Mercedes-Benz SL der Baureihe R 107, bekannt aus der TV-Serie „Dallas“. Dahinter liegt geplättet wie ein gebügeltes Hemd ein gelbes New-York-City-Cab, erkennbar nur an den markant schwarz-weiß-karierten Seitenstreifen.
Ein Löschzug der Feuerwehr Durban lässt traurig seine Schläuche hängen und versprüht in stumpfem Rot allenfalls noch einen mittlerweile ermatteten Charme.
Die wohl eigentümlichste Autosammlung der Welt
Wohl aus der Zeit britischer Kolonialherrschaft stammen einige englische Oldtimer: viertürige Kleinwagen à la Morris Minor, Austin, aber auch Bentley, Jaguar und sogar zwei Bestattungswagen der Schwestermarke Daimler finden bei Les Boshoff ihre letzte Ruhe. Ein rares Skoda Felicia Cabriolet oder der Hanomag-Lastwagen aus Namibia nahmen einst ihre finale Ausfahrt zum südlichen Kap und fanden damit endgültig ihre Bestimmung im Bestand der wohl eigentümlichsten Autosammlung der Welt.
Mag die deutsche Auto-Seele, oft geleitet von perfekten Restaurationen der Note Eins, die nur „Besser als neu“-Zustände akzeptiert, fassungslos vor diesem Friedhof automobiler Historie stehen. Aber dem morbiden Charme eines ausgeweideten Studebaker Hawk Coupé aus den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, der seine müden Achsen unter der warmen Sonne Afrikas ausstreckt, kann auch sie sich nicht entziehen.
„Der Wagen, der sofort anspringt, mein japanischer Bakkie“
Bereits Großvater und Onkel importierten DKW nach Südafrika. Der leicht schrullige Les ist also schon vom Stammbaum her ein echter Petrol-Head, der seine liebgewonnenen Stücke zwar gelegentlich an lokale Filmunternehmen und für Fotoproduktionen als Dekoration verleiht, aber sich eigentlich nur daran erfreut, sie zu besitzen. Wer daran denkt, den blechgewordenen Pretiosen wieder Leben einzuhauchen, wird enttäuscht. Weil Les Boshoff und Sohn Louis zwar gern Autos kaufen und reparieren, aber niemals auch nur ein Stück ihrer etwas seltsamen Sammlung wieder hergeben würden.
Selbst Einzelteile sind unverkäuflich. „Autos zerlegen und in Teilen verkaufen, nein, das ist nicht die Idee, das ist zerstörend“, teilt der eigenwillige Les dem Besucher unmissverständlich mit. Und auf die Frage, was denn sein liebstes Stück in der Sammlung sei, antwortet er mit vielsagendem Lächeln: „Der Wagen, der sofort anspringt, mein japanischer Bakkie“, wie kleine Pick-ups in Südafrika heißen.
Geschätzte 400 Automobile und das, was von ihnen übrigblieb, stehen sich im Wijnland Museum die mürben Reifen platt. Und wenn die Regierung in Pretoria nicht doch eine staatliche Abwrackprämie beschließen sollte, vermutlich noch für weitere 20 Jahre.