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Werkstattgespräch Erst gurten, dann spurten

 ·  Erst gurten, dann spurten! Erinnern Sie sich? Mit reichlich Wortwitz bemühte sich die Politik in den siebziger Jahren, den Deutschen endlich vom Gurtmuffel zum Gurtverfechter zu bekehren. Und es ist gelungen.

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Erst gurten, dann spurten! Erinnern Sie sich? Mit reichlich Wortwitz bemühte sich die Politik in den siebziger Jahren, den Deutschen endlich vom Gurtmuffel zum Gurtverfechter zu bekehren. Und es ist gelungen. Das Gros der Autofahrer schnallt sich heute an, nur noch wenige lassen den Lebensretter nutzlos an der B-Säule baumeln. Aber es gibt sie noch. Jene Besserwisser und Sorglose, die glauben, sie bräuchten sich nicht anzuschnallen, weil ihnen sowieso nichts passiert. Und manchmal gewinnt man per Augenschein zudem den Eindruck, daß die Muffel wieder mehr werden. Dem will jetzt die Polizei in Nordrhein-Westfalen abhelfen: mit blutigen Details aus der Unfallforschung. Bei Anschnall-Kontrollen verteilten Beamte in den vergangenen Tagen neue Flugblätter des Innenministeriums mit dem Titel "Die letzte Sekunde". In dem von Unfallexperten entwickelten Papier wird in drastischen Sätzen geschildert, wie Fahrer ohne Gurt den Moment des Aufpralls gegen einen Baum mit 80 km/h erleben: "1,0 Sekunden: Die Bremsen haben blockiert. Sie sind starr vor Schreck. Es gibt kein Ausweichen mehr. Ihre Hände, in Todesangst starr verkrallt, biegen das Lenkrad fast vertikal, die Gelenke und Unterarme brechen wie Strohhalme ... Sie haben nicht einmal mehr Zeit zu schreien. Blut schießt Ihnen aus dem Mund; durch den Schock bleibt Ihr Herz stehen. Sie leben nicht mehr." Harter Tobak, gewiß, aber sicherlich nötig. Denn die gleichzeitig bei diesen Kontrollen ermittelte Gurtanlege-Quote widerspricht der anfangs geäußerten Beobachtung, heute schnalle sich doch fast jeder an. 9000 Fahrer waren "oben ohne" unterwegs, und als besonders erschreckend vermeldet die Polizei, daß mehr als 700 Kinder nicht angegurtet oder ohne vorgeschriebenen Kindersitz im Auto saßen. Mag sein, daß man mit der Zeit nachlässig wird. Das kann man auch an sich selbst beobachten. Beim ersten Kind nimmt man es mit der Anschnallerei noch peinlich genau. Beim zweiten läßt man dann schon eher einmal Fünfe gerade sein. Solange nichts passiert, ist alles gut und schön. Aber wenn ... Im Jahr 2003 starben auf den Straßen im Regierungsbezirk Düsseldorf 102 Autoinsassen. Nur 61 von ihnen waren zum Unfallzeitpunkt angeschnallt. Es ist einfach ein Fakt: Wir könnten unsere im Verhältnis zu den sechziger Jahren sensationell niedrige Unfalltoten-Quote nochmals deutlich senken, würde wirklich jeder angeschnallt im Auto sitzen. Gar nicht zu reden von denen, die geringer, leicht oder gar nicht verletzt würden, wenn es bei Antritt der Fahrt "Klick" gemacht hätte. Auch Lady Diana würde noch leben, hätte sie sich angegurtet. Es schmerzt fast, dies zu schreiben, aber man kann nicht drastisch genug werden, um wirklich jeden an den Gurt zu bringen. Eine Welt ohne Verkehrstote wird es zwar nie geben, doch wir müssen daran arbeiten, die Quote derer, die ihr Leben lassen müssen, weiter zu senken. Deshalb kann man die Polizei in NRW zu ihrer Aktion nur beglückwünschen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Oktober

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Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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