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VW Polo oder Golf? Die neue Lust an der nicht billigen Bescheidenheit

10.08.2009 ·  Der neue VW Polo ist die Alternative zum VW Golf. Der Blick auf Preis und Ausstattung zeigt: Für viele Kunden ist der kleinere VW der bessere. Denn der neue Polo ist vollwertiges Auto, das im Vergleich zum teureren Golf viele Vorteile bietet.

Von Wolfgang Peters
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VW sieht den neuen Polo als Trendsetter. Der in Länge und Breite im Vergleich zum Vorgänger gewachsene Kleinwagen soll viele Kleider tragen: nach Konzeption, Dimensionen und Ausstattung taugt er als Erst- und Zweitwagen, kann als Auto zum Aufsteigen interpretiert werden, ist aber auch gut für keineswegs freudlose Bescheidenheit und fährt auf einem für seine Klasse hohem technischen Niveau. Man könnte den neuen Polo auch eine Klasse höher als bisher in der automobilen Hierarchie ansiedeln. Aber da zieht Europas erfolgreichstes Auto seine Kreise: der VW Golf hat seine Ausnahmeposition auch in der Krise souverän verteidigt. Nun erwächst ihm im eigenen Haus ein neuer Gegner. Ist der neue VW Polo der bessere VW Golf?

Zumindest in der Qualitätsanmutung ist er gleichauf. Mitunter nach subjektivem Eindruck sogar vorne. Den Polo anfassen und das Bemühen spüren, hier Maßstäbe zu setzen, die über die kleine Klasse hinausreichen, ist ein Erlebnis, das man bisher in dieser Form (auch bei VW) noch nicht erlebte. Da spürt man im Golf doch, dass seine Konzeptphase einige Jahre früher gestartet wurde.

Noch an Konturen gegenüber der Konkurrenz gewonnen

Dieser ist in seiner sechsten Generation der vielleicht beste Golf. Er hat nach dem Facelift und dem Übergang von der fünften Auflage womöglich noch an Konturen gegenüber der Konkurrenz gewonnen. Mehr denn je definiert sich der Golf (auch über seine Derivate wie Variant und Golf Plus) beinahe als universelles Motorgerät: Seine Einsatzmöglichkeiten reichen vom Benziner-Sparmodell über die Knauser-Riege der Diesel bis hin zu muskulösen GTI- und GTD-Varianten. Gleichzeitig wurde der Wolfsburger Bestseller aber durch die eher kosmetisch wirkenden Veränderungen für die Generation VI auch angreifbarer. Eine neue Kundschaft möchte noch effizienter unterwegs sein, womöglich mit mehr Innenraum und einer etwas schärfer geschnittenen Karosse verwöhnt werden. Der VW Golf der Generation VII ist nicht vor dem Modelljahr 2011 zu erwarten.

Wer sich für den in diesen Wochen auf die Straßen rollenden Polo der jüngsten Generation interessiert, will sparen, muss es vielleicht nicht, hält das Knausern mit Finanzen und Verbrauch sowie das Achten auf die automobile Kleiderordnung aber für zeitgemäß. Diese wird nicht gerade für kleines Geld, doch zu erträglichen Tarifen geliefert. Beim Vergleich der Einstiegsversionen (und nur diese werden bei dieser Betrachtung berücksichtigt) spricht der Preisunterschied ein gewichtiges Wort: Der VW Polo in der Basisausstattung „Trendline“ kommt laut Preisliste für 12.150 Euro. Der VW Golf „Trendline“ wird da mit 16 650 Euro geführt. Beide Modelle kommen zu diesem Tarif mit zwei Türen, der Polo ist nach VW-Angaben „aktuell“ aber nur mit vier Türen „bestellbar“, dann kostet er 12 885 Euro; beim Golf beträgt der Aufpreis für zwei weitere Einstiegsöffnungen 765 Euro. Der Polo ist also rund 4500 Euro (!) billiger. Da kann das Fazit dieser ersten Betrachtung nur so aussehen: Soll der neue VW lediglich von zwei Menschen mit gelegentlicher Besetzung der Rücksitzbank genutzt werden und werden in der Regel eher kürzere Strecken zurückgelegt, dann ist der Polo die erste Wahl. Für den Golf sprechen die besseren Eigenschaften in den Kriterien Federungs- und Fahrkomfort. Aber seine Vorteile sind nicht derart gravierend, dass man damit die Preisdifferenz leichten Herzens vergessen könnte.

Ein Manko ist der unveränderte Achsabstand

Zumal man im neuen Polo keineswegs ärmlich unterwegs ist. Denn er bietet in der Länge 3,97 Meter, in der Breite 1,68 und in der Höhe 1,45 Meter, und sein mit Kanten, Wölbungen und relativ dynamischen Proportionen aufwartendes Design lässt ihn noch größer und geräumiger wirken, als er tatsächlich ist. Ein Manko ist auf den ersten Blick der im Vergleich zum Vorgänger unveränderte Achsabstand: wie bisher gibt es da 2,47 Meter lichten Raum, ein Grundmaß für die Platzverhältnisse. Aber VW hat die Raumausnutzung verbessert, der Polo bietet ausreichend Freiraum hinten und auf Schulterhöhe, der Kofferraum hält ein Stauvolumen von 280 Liter bereit, wird die Rücksitzbank (in der Basisausstattung ungeteilt klappbar) aus dem Weg geräumt, dann wächst das Ladevolumen auf 952 Liter. Der 4,20 Meter lange Golf wirkt wegen seines Radstandes von 2,58 Meter geräumiger, und der Kofferraum liegt mit 350 Liter Volumen sowie mit 1230 Litern bei geklappter Rücksitzbank (Lehne asymmetrisch geteilt) deutlich über dem Polo-Maß. Für vier Passagiere plus Gepäck bietet der VW Golf das bessere Auskommen.

Das gilt auch für das Wegkommen. Im Golf geht ein 1,4-Liter-Vierzylinder mit 59 kW (80 PS) ans Werk, der zudem eine Durchzugskraft von 132 Nm entwickelt. Für den Polo legt sich ein Dreizylinder ins Zeug, der aus 1,2 Liter Hubraum 44 kW (60 PS) holt und dazu vergleichsweise schmale 108 Nm entwickelt. Aber auch hier ist alles eine Frage der eigenen Ansprüche.

Manuelles Fünfganggetriebe

Beide Aggregate erfüllen die Euro-5-Abgasnorm, arbeiten mit einem manuellen Fünfganggetriebe zusammen, und von diesem geht die Kraft auf die Vorderräder. So hat der Golf zwar die besseren Fahrleistungen, und er bietet eine Höchstgeschwindigkeit von 172 km/h (empfohlenes Reisetempo 130 bis 140 km/h). Aber der Polo kommt immerhin auf 157 km/h (130 km/h sind durchaus angemessen) und er kann postwendend wiederum mit seinem Genügsamkeitsausweis kontern: Nach Norm verbraucht der Polo 5,5 Liter Super oder Normal, und der Golf kommt auf 6,4 Liter der gleichen Sorten. Das liegt auch am Leergewicht: Der Polo bringt 1067 Kilogramm auf die Waage, der Golf kommt auf 1217 Kilo. Das sind nicht nur etwa 150 Kilo mehr, sondern auch ein Hinweis auf das jüngere Konzept des VW Polo.

Beide Modelle sind in ihren Basisversionen keine Ausstattungsriesen. Aber VW gibt ihnen alles mit, was für einen leidlich angenehmen und sicheren Betrieb vonnöten ist. An der passiven Sicherheit wird weder bei Polo noch bei Golf gespart, Airbags und Crashverhalten sind Pflichtprogramm, und die Zahl der Helfer im Rahmen der aktiven Sicherheit liegt gleichauf mit jener in den höheren Fahrzeugklassen. Für den serienmäßigen Komfort im Polo sind zum Beispiel elektrische Fensterheber vorn, eine Servolenkung und Zentralverriegelung zuständig. Im Trendline-Polo gibt es sowohl eine manuell zu bedienende (Climatic) und eine automatisch tätige Klimaanlage (Climatronic) nicht separat, sondern nur im „Cool and Sound“-Paket (910 oder 1210 Euro). Dagegen weist der Golf Trendline die Climatic als Serienausstattung vor, und VW fordert dann für die Climatronic weitere 345 Euro. Die Notwendigkeit, sich ein Navigationsgerät anzuschaffen, hängt in erster Linie vom angepeilten Einsatz ab. Für die Pendelbewegung zum Arbeitsplatz oder zur Schule ist der Aufwand zu hoch: Moderate 500 Euro stellt VW für die Navigation in Rechnung, das zugehörige Radio kostet extra. Nicht zu haben ist beim Polo Trendline das famose DSG-Getriebe.

Natürlich halten die Preislisten beider Modelle etliche Posten mit Verführungspotential bereit. Aber Luxus kommt nicht für wirklich kleines Geld, und wer dem Ruf der Leistung verfällt, der gerät rasch in jene Höhen, in denen VW Golf und VW Polo zu Wertanlagen werden: Der Top-Golf Highline mit 118 kW (160 PS) kostet 25 500 Euro (ohne Extras) und der teuerste Listen-Polo mit Ottomotor kommt zurzeit auf 18 035 Euro. Ohne Extras, aber mit DSG.

Wer jetzt beim VW Polo landet, kann einen Blick auf den Ford Fiesta werfen. Das tun wir hier demnächst.

Gegen den VW Golf hatte der VW Polo noch nie eine Chance

Der Golf von Volkswagen ist seit gefühlten tausend Jahren jedermanns Liebling. Nach der Faktenlage kam er 1974 auf den Markt und fuhr schon ein Jahr später an die Spitze der deutschen Verkaufsstatistik. Für VW war der Golf der Rettungswagen: Er kam den Europäern gerade zur rechten Zeit und dem wegen der zögernden Ablösung des Heckmotors mit Luftkühlung ins Straucheln geratenen Unternehmen verhalf der Golf in etlichen Derivaten und mit immer neuen Motoren zum Wiederaufstieg. Drei von vielen Versionen waren entscheidend beteiligt: VW verhalf dem kleinen Diesel im Personenwagen zum Durchbruch, kreierte für große Stückzahlen das Henkelkorb-Cabriolet und ließ den Golf GTI von der Leine. Der Golf-Erfolg ist einfach erklärt, aber schwer zu planen: ein VW, der für fast alle und für beinahe alles taugt, keine Klassenzugehörigkeit kennt und in jeder Generation altert, aber nicht alt wird. In dieser Golf-Gesellschaft hat der VW Polo nie reüssiert. Er war nicht einmal der talentierte und anerkannte kleine Bruder, sondern eher der ärmlichere VW für alle, die sich keinen Golf leisten konnten. Das könnte sich mit der jüngsten Baureihe, die noch im Aufbau ist, aber ändern. Die Zeit ist reif für einen kleineren Golf, der Polo heißt.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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