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VW Passat Der erste Schritt für einen weiten Weg

20.12.2004 ·  Die sechste Generation des VW Passat ist ein mutiges Testat des sinnlicheren Designs. Der Wolfsburger Millionenseller tritt in seiner Neuauflage bereits im März auf den Märkten in Europa an.

Von Wolfgang Peters
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VW hat den Umbruch hinter sich. Das waren der noch im Geist der Väter entstandene VW Phaeton und der deutlich dynamischer vorankommende Geländewagen Touareg. Dann kam der Aufbruch. Das sind der zögernd in einen veränderten Markt gestartete Golf V, der zeitlos gestaltete Langzeiterfolg Touran und der jüngst präsentierte Zukunfts-Golf Plus. Und jetzt macht sich VW mit dem neuen VW Passat auf den Weg.

Die nächste Generation des Wolfsburger Millionensellers wird im Februar 2005 präsentiert und tritt bereits im März auf den Märkten in Europa an. Der neue Passat ist im Vergleich zu seinem Vorgänger in allen Dimensionen gewachsen, allerdings sehr maßvoll, und er ist ein Testat für die Technikorientiertheit von VW. Gleichzeitig ist er mehr als jedes andere Produkt aus diesem Haus ein Beleg für veränderte Lebensqualitäten: Der Passat 2005 wirkt wie eine automobile Delikatesse, und seine Herkunft scheint nicht der Massenhersteller, sondern eine der Schönheit verpflichtete Manufaktur zu sein. Das gilt für sein äußeres Design und noch mehr für die Gestaltung des Innenraums. Wir haben im Vorfeld der ersten offiziellen Fotos und der Herausgabe technischer Daten mit Murat Günak, Leiter VW-Konzern-Design, gesprochen. Seine Aufgabe klingt einfach und umschreibt doch einen sehr komplexen Auftrag: Jeder VW der Zukunft wird ungeachtet allen technischen Fortschritts sehr designorientiert sein und beim Betrachter den Wunsch nach Besitz auslösen: "Der neue Passat ist der Beginn einer leidenschaftlicheren Interpretation der Marke VW", sagt Günak.

Ein VW der Körperlichkeit

Damit spricht der von Mercedes-Benz über Peugeot und dann abermals Mercedes zu VW gekommene Designer den vielleicht gravierendsten Mangel der Marke an: Volkswagen steht (trotz mancher Querelen auf diesem Gebiet) in erster Linie für Solidität, für Dauerhaltbarkeit, für begreif- und bezahlbare Technik, für Fortschritt mit Augenmaß, für jene vierrädrigen Gefährten, mit denen man sich im Alltag umgibt, weil sie praktisch und zuverlässig sind und weil man sie wieder gut verkaufen kann. Das sind alles Eigenschaften, die nicht das Herz, sondern das Hirn ansprechen. Für einen ambitionierten Designer ist der Gedanke, seine Autos würden allein deshalb gekauft, weil man sich nach vier Jahren wieder ohne Probleme von ihnen trennen kann, wie ein Nachtgespenst. Deshalb steht der neue Passat auch anders auf den Rädern als der jetzt unvermittelt alt gewordene Passat.

Der VW Passat des Jahrgangs 2005 ist ein VW der Körperlichkeit. Und er ist ein VW des Selbstbewußtseins. Das sind Ergebnisse einer veränderten Philosophie hinter den Linien, Kanten, Proportionen und Rundungen. Das beginnt mit der gesamten Frontpartie: Sie wirkt wie aus einem Guß, die Radhäuser sind stark ausgestellt, sie wölben sich um Räder, die schon im Stand zu rollen scheinen. Dynamik ist die Botschaft des Passat-Gesichts. Allerdings läßt sich die Wucht des vorderen Überhangs nicht leugnen, und die Haube wirkt seltsam stumpf: erste Folgen der künftigen Crash-Vorschriften zum Fußgängerschutz. In der Mitte sitzt der stark mit chromähnlichem Material akzentuierte Kühlergrill, der sich ohne definierte Prallflächen mit feingerasterten Lufteinlässen fortsetzt: Ausdruck für das Selbstbewußtsein, mit dem der Passat antritt. Daneben die nach unten in Rundungen gebetteten Scheinwerfer und die davon abgesetzten Blinkleuchten: beides Beleg für High-Tech, der Passat kommt künftig mit Xenon- und Kurvenlicht.

Damit der Rücken des Autos mit der sehr sanft verlaufenden Heckscheibe nicht in der Harmonie des Langweiligen versinkt, trägt der Kofferraumdeckel eine scharf definierte Abrißkante, und mit LED-Leuchten sorgen die Rücklichter für die Hinwendung zur Technik. Am deutlichsten werden die neuen Formen am Verlauf des Daches, an etlichen Einzelheiten und vor allem in der Seitenpartie: Der neue VW Passat lebt aus seinen Flanken heraus. Hier hat man sich mit einer sehr klar konturierten Kante (soll Präzision suggerieren) von einfachen, planen Flächen verabschiedet, und mit ungewöhnlich dezenten Veränderungen im Blechverlauf wird dafür gesorgt, daß Licht und Schatten hier für einen mehrdimensionalen Auftritt sorgen können: "Wir wollen uns dem Eindruck einer Skulptur nähern", sagt Günak und sieht darin die ersten Ansätze für jene Vorgehensweise, die er als "Konzeptharmonie" bezeichnet.

Zwischen Luxusschlitten und Einfachauto

In den neuen Kleidern des Konzerns stecken offenbar Überlegungen, die weit über das Bewahren hinausgehen. Natürlich darf VW seine inneren Stärken nicht verlieren. Gewiß kann man VW nicht einfach einen neuen Auftritt verordnen. VW wird sich auch künftig zweifellos nicht als Kleinserienhersteller mit individueller Fertigung definieren. Und die Marke wird mit der weiten Spreizung zwischen dem Luxusschlitten Phaeton und dem Einfachauto Fox sehr genau auf ihren Inhalt achten müssen. Auf diesem Weg soll ihr eine Erkenntnis von Konzern-Design-Chef Günak zugute kommen: "Keiner anderen Marke wird insgesamt mehr Sympathie entgegengebracht", sagt er und erinnert an die "tollen Autos" aus einer Vergangenheit, in der VW viele bunte Hunde in seiner Modellfamilie hatte. Da waren der erste Golf GTI, der Scirocco, der Golf Country, der rustikale VW 181 und anfänglich noch der skurrile VW 411. Alles Autos, die Normen sprengten und Begehrlichkeiten weckten. Aber auch Fahrzeuge, die nicht makellos waren in Technik und Auftritt.

Am besten demonstriert der Innenraum des neuen VW Passat den Fortschritt im Denken. Die Armaturen legen Zeugnis ab von feiner Klarheit, ihre Hutze wölbt sich schützend, Tasten und Schalter rasten beruhigend ein, und die Materialien leugnen zwar nicht ihre Kunststoff-Herkunft. Aber sie tragen ruhige Oberflächen, und sie folgen in den Farben ebenfalls einer Philosophie der neuen Grenzen. "Latte macchiato" nennen die VW-Designer jene Zusammenstellung von sensiblen Brauntönen, die im Innenraum Geborgenheit und den Erhalt der traditionellen VW-Werte signalisieren.

Der neue VW Passat wird für Aufregung sorgen. Bei der Konkurrenz (der neue 3er-BMW, von dem man Details im VW zu entdecken glaubt, wird sehr gut sein müssen, um ihm Paroli zu bieten) und bei den Kunden. Diese sind nun aufgerufen, sich bewußter als bisher mit einem Produkt von VW auseinanderzusetzen. Aber vielleicht genügt schon der erste Blick: Vorne kauert der Passat beinahe auf dem Boden, und in seinem Heck sammelt er sich zum Sprung. Nach vorne und nach oben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2004, Nr. 51 / Seite V9
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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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