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VW Bulli Das Ding und ein Wunder der Wirtschaft

07.10.2007 ·  Der VW Bulli kam vor sechzig Jahren. Er war der Motor des Wirtschaftswunders. Erinnerungen an unser Liefer- und Reisetier, jenseits der üblichen Modellhistorie, mit Bildern aus dem Leben des Busses.

Von Wolfgang Peters
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Privat fuhr Vater am liebsten Porsche. Aber auch Borgward, zuvor noch Lloyd und Hansa und später Opel Kapitän und einen großen Fiat. Daneben hielt er aber immer einen Porsche. Diese Liebe hat er ebenso wenig abgelegt wie jene Verbindung zu den Fahrzeugen seiner Erwerbstätigkeit, die von manchen seiner Geschäftspartner als seltsam oder zumindest geprägt von höchster Treue betrachtet worden war. Für Vater freilich war seine Hinwendung an die kleinen Nutzfahrzeuge von Volkswagen nicht nur von geschäftlichen Interessen geprägt. Er liebte die unscheinbaren Brüder des VW Käfers ebenso, wie er diesen selbst überhaupt nicht mochte. Dass der Porsche 356, sein erstes Auto überhaupt, mit dem Käfer sehr eng verwandt war, schien ihn nicht zu stören. Wahrscheinlich hat es ihn gar nicht interessiert.

Die Liebe zu dem Lastesel aus Wolfsburg, der später aus dem VW-Transporterwerk in Hannover kam, war eine Beziehung fürs Leben. Wenn Vater von seinem VW-Nutztier (oder später von seinen Transportern) sprach, nannte er ihn nur „das Ding“. Das Ding, sagte er gerne, das kannst du bis unter das Dach vollladen, umwerfen, wieder auf die Räder stellen, und dann fährt es weiter zu den Kunden. Diesen Vorgang hatte Vater auch insgesamt zweimal am Ausgang etwas zu rasch angegangener Kurven durchgeprobt, nicht ohne Beschädigungen für Fahrzeug und Fahrer. Aber beide waren anschließend nach einer gewissen Rekonvaleszenz wieder bereit für die nächste Tour.

Ein Rudel von Bullis

Nun war der Einsatz des VW Transporters in der deutschen Wirtschaft zu keiner Zeit ein ungewöhnlicher Vorgang. Der technische Ableger des Käfers lieferte praktisch und prompt die Segnungen des Wirtschaftswunders in jedes Haus. So waren die VW Lieferwagen und Transporter rasch im Rudel unterwegs und beinahe so alltäglich wie der Käfer selbst. Und mit diversen Modifikationen, Überarbeitungen und technischen Anpassungen mutierte der wohl nützlichste VW aller Zeiten über mehr als vierzig Jahre hinweg zu einem alltäglich wiederkehrenden Anblick. Praktisch, pragmatisch und mit den richtigen Eigenschaften versehen, war der VW Transporter immer und überall unterwegs. Aufregend aber war er niemals. Wenn es um den Transport von Gütern oder Menschen ging, war der schmucklose VW die erste Wahl. Doch niemand hat diesem trotz seiner massenhaften Verbreitung unauffälligen Nutztier jemals wirklich gehuldigt.

VW Bulli: Das Ding und ein Wunder der Wirtschaft

Man hatte ihn, „er lief und lief und lief“ (Werbespruch von VW für den Käfer), und hin und wieder zapfte man Sprit in ihn und kippte nach einer über den Daumen gepeilten Laufleistung ein bisschen Öl in den Motor. Dann galt wieder: Klappe zu, und los zum nächsten Kunden. Der Lieferwagen von VW war das perfekte Nutztier. Anspruchslos wie ein Esel auf Sardinien. Eine Schachtel mit einem Rad in jeder seiner Ecken. Der motorisierte Helfer unter der Tarnkappe. Aber Vater hing an jedem einzelnen der zahlreichen Exemplare, die er über etliche Jahre hinweg für seine Unternehmungen entweder selbst fuhr oder von Mitarbeitern bewegen ließ. Jeder Transporter war für ihn eine mechanische Persönlichkeit. Jede Trennung war ein Schmerz.

Der praktische Käfer

Die Geschichte des VW Transporters begann 1947 in Wolfsburg. Damals besuchte der holländische VW-Importeur Ben Pon das Werk, und er war begeistert vom Käfer, aber enttäuscht von dessen praktischen Eigenschaften. In ein Ringbuch skizzierte der Belgier einen praktischeren Käfer, und die entsprechenden Männer bei VW schalteten so schnell, wie das damals in einem Land mit zerstörter Industrie und praktisch ohne Infrastruktur überhaupt möglich war. Schon 1949 gab es Prototypen, die Technik hatte man vom VW Käfer zur Verfügung. Und im März 1950 lief die Produktion an. Zuerst kam der Kastenwagen, ohne Fenster im Blech hinter der Fahrerkabine, dann kamen der Kombi und kurz darauf der Bus. Fertig war eine kleine Familie von Nutztieren.

Bis zum Beginn der fünfziger Jahre ging Vater seinem Gewerbe mit einem Privatwagen nach. Das war ein Porsche 356, den er günstig von einem seiner Lieferanten übernommen hatte. Vater war nach dem Krieg mit Futtermitteln gestartet, die er an Hühnerfarmen verkaufte, ohne die Säcke mit den Körnern je gesehen zu haben. Er vermittelte einfach das Futter zwischen Hof und Hühnern. Die Bauern lieferten direkt an die Betriebe und wurden von Vater dafür bezahlt. Als einer seiner Kunden (auf der Hühnerfarmseite) nicht bezahlen konnte, kam Vater durch den direkten Zugriff zu seinem Porsche und hatte dann jene Idee, die ihn zum Wohlstand, zu einer kleinen Flotte von VW Transportern und später zu einem Magengeschwür führte: beim Versuch, die rückständigen Rechnungen einzutreiben, traf Vater seinen Schuldner im Garten an, wie er zwei Hähnchen über einem Grillfeuer briet.

Liefer- und Reisetiere

Diesen Duft legte er nicht mehr ab, übernahm wenig später die gesamte Hühnerfarm mit einem abenteuerlichen Kredit, grillte Hähnchen und fuhr sie in seinem Porsche zuerst zu den Bauern, um damit die Futtermittel günstiger zu erhalten, und später in die Stadt zu seinen Ständen. Bald grillte er aber vor Ort. Dort rotierten die lecker gewürzten Hähnchen an Spießen, und über die zuerst gemieteten und später gekauften Ruinengrundstücke (in der Nähe von Trambahnhaltestellen oder Fabriktoren) waberten die verführerischsten Düfte, die man sich Anfang der fünfziger Jahre nur vorstellen konnte. Die Unternehmung mit einem lachenden Hähnchen über freundlich loderndem Grillfeuer als Markenzeichen wuchs so schnell wie der Hunger der Menschen nach frisch gegrilltem Fleisch. Immer mehr Hähnchen mussten befördert werden.

Dafür war der Porsche 356 bald zu klein. Außerdem roch der Wagen wegen der Lieferungen von Grillware in die Fabriken so intensiv nach Brathähnchen, dass die Mutter sich weigerte, mit ihm zu fahren. Deshalb stieg Vater geschäftlich um auf VW Transporter. Er hat es nicht bereut, und seine Liebe zu den kastenförmigen Lastentieren war beinahe grenzenlos. Vielleicht deshalb, weil sie für ihn den Aufstieg bedeuteten. Der nüchterne VW war das Symbol für den Erfolg. Die Liaison mit dem Lieferwagen begann Anfang der fünfziger Jahre. Und sie hielt bis zur Mitte der Siebziger.

Bis der Motor anfing zu knattern

Der erste Kastenwagen war in hellem Blau lackiert. Das lachende Hähnchen mit Grillfeuer ließ Vater damals noch von einem ihm bekannten Künstler direkt mit Lackfarbe auf das Auto malen. An den Seiten, am Heck und - ein besonderer Einfall - auf dem Dach prangte das Hähnchen-Signet. Das Auto war im nördlichen Bayern bald zu einem Markenzeichen geworden. Es handelte sich um den VW Transporter Typ 2/T1 Kasten, der mit 25 PS motorisiert war und ein Raum auf Rädern war: 4,6 Kubikmeter Stauvolumen gab es auf einer Länge von 4,15 Meter, und der Boxermotor im Heck musste sich mit einer Nutzlast von 750 Kilogramm abplagen. Kein Wunder, dass Vater mit seinem Hähnchen-Express zu jener Fahrweise gezwungen wurde, die er später, auch mit weitaus stärkeren Wagen, nicht mehr ablegte: Der Transporter wurde nur mit Vollgas gefahren. Wenn der Wagen beladen war, entweder mit Futtermittel oder Hähnchen, dann war von dem im Heck hockenden Maschinchen nichts mehr zu hören.

Und Vater drehte jeden Gang voll aus, bis der Motor anfing zu knattern, dann schaltete er hoch. Er fuhr grundsätzlich im kleinsten Gang, der möglich war, immer hochtourig, der Verbrauch interessierte damals noch keinen. Aber von Schäden in diesen frühen Generationen ist nichts bekanntgeworden. Auch die folgenden VW-Liefertiere hielten jeglichen Torturen stand. Im Gegenteil. Manche wurden unter den väterlichen Fahrtbedingungen eher besser und schneller. Ihr Innenraum war so spartanisch, wie es ein Arbeitsplatz eben noch sein konnte. Es gab drei Sitzplätze auf einer nicht wirklich gemütlich gepolsterten Bank, natürlich ohne Sicherheitsgurte, doch alle neueren Modelle hatten ein durchgehendes Armaturenbrett, ungepolstert, und das Lenkrad lag flach vor dem Fahrer, der sich damit vorkam, als dirigiere er einen veritablen Lastzug.

Der Tacho zeigt nun 100

Das Lenkrad vor dem ebenso einfachen wie gut abzulesenden Tacho war aus weißem Kunststoff und hatte an seiner Unterseite im Abstand des Durchmessers eines Fahrerfingers rundum Höcker eingearbeitet, sie sollten den festen Griff erleichtern. Was wohl auch nötig war, denn von einer Servolenkung war damals keine Rede. Geschaltet wurde mit einem aus dem Boden ragenden Hebel, der einen weißen Knauf hatte und so lang wie die Deichsel bei einem Pferdefuhrwerk war. Der Schaltvorgang war einfach zu bewerkstelligen. Man trat die Kupplung, knallte den Gang hinein und ließ die Kupplung springen. Bis Anfang der sechziger Jahre waren für den Hähnchen-Express insgesamt elf Exemplare der Transporter unterwegs. Die meisten von ihnen waren Mitte bis Ende der fünfziger Jahre gekauft worden, anspruchslose Dinger, die aber schon den neuen, stärkeren Motor aufwiesen: VW hatte im Jahr 1954 den 1,2-Liter-Boxer eingeführt, der jetzt immerhin schon 30 PS abgab.

Deshalb musste der Tacho erweitert werden, er zeigte nun bis 100 km/h an, und Vater trieb seinen eigenen Lieferwagen (er ließ ihn wohl ein bisschen verstärken in der Werkstatt, der Begriff des Tunings war völlig unbekannt, höchstens sprach man von „frisieren“) noch über diese Marke hinaus. Dass Vater seine Beziehung zu diesen VW (und zu diversen Porsche-Modellen) pflegte, hatte vielleicht einen ganz einfachen Grund: Er war zutiefst wasserscheu. Als Kind wäre er in einem Spree-Kanal beinahe ertrunken, er konnte nie schwimmen. Und gegenüber allen wassergekühlten Motoren hatte er ein in dieser Zeit nicht unbegründetes Misstrauen entwickelt: VW kühlte nur mit Luft (wie Porsche in diesen Jahren), und die konnte (was man in Wolfsburg werblich ausschlachtete) tatsächlich nicht einfrieren und nicht überkochen.

Plötzlich war der Bulli weg

In seinen besten Jahren ließ Vater wohl um die zwanzig VW-Lieferwagen für sich laufen. Er erneuerte sie immer nach einer Laufleistung von vielleicht hunderttausend Kilometern, ließ sie umlackieren und verkaufte sie ohne Mühe. Als der Hunger der Westdeutschen sich Ende der sechziger Jahre etwas raffinierteren Genüssen zuwandte und Vater auch die Konkurrenz eines übermächtigen Hähnchenbraters verspürte, der im großen Stil Restaurants gründete und diese werblich als Tempel lukullischer Lebensart pries, da stieg Vater aus diesem Geschäft aus. Er war damals schon fast siebzig, und der Umgang mit renitenten Kunden und immer schlauer werdenden Bäuerchen lag ihm nicht mehr. Also verkaufte er die Grundstücke seiner Grillstationen in besten Innenstadtlagen und entging bei seinem Einstieg ins Hotelgeschäft nur knapp der Pleite seines Lebens.

Aber er nahm seinen letzten Transporter mit in das Pensionärsleben. Es war ein (blau lackierter) T2-Bus mit Sitzbänken (die man ausbauen konnte) und mit einem Schiebedach aus Stoff. Das Auto hielt sich etwa zwölf Jahre in einem Zustand, der besser war als im Prospekt. Noch nie zuvor war ein Lieferwagen ähnlich gepflegt worden. Doch in einer Novembernacht des Jahres 1973 wurde sein vielleicht schönster Transporter gestohlen. Er verschwand aus der unverschlossenen Garage. Und niemand hat jemals von diesem VW auch nur einen Schatten gesehen. Vater hat sich davon nicht mehr erholt. Privat fuhr er dann nur noch Porsche.

Und los: Sechzig Jahre Bulli

Wenn Volkswagen Nutzfahrzeuge feiert, dann nicht nur an einem einzigen Tag: Vom 5. bis zum 7. Oktober initiiert die Marke auf dem Messegelände in Hannover ein internationales VW-Bus-Treffen. Dazu gehören natürlich die T1 bis T4 und die ganze Historie des Bullis, und es wird Musik und Tanz und unglaubliches Rambazamba geben. Anmelden und informieren kann man sich unter: www.vwn.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite V9
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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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