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Samstag, 18. Februar 2012
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Vor 50 Jahren Das große Leben und die Autos dazu

21.02.2008 ·  Wir drehen die Zeit zurück: Im Autojahr 1958 geht es aufwärts - mit Hubraum, Leistung, Luxus und Geschwindigkeit. Ein Rückblick auf die Automobillandschaft, wie sie vor einem halben Jahrhundert noch war.

Von Walter Hönscheidt
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Am 1. Januar 1958 treten die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft. Tags drauf nimmt in West-Berlin das Bundeskartellamt seine Arbeit auf, in Flensburg das Verkehrszentralregister (vulgo Verkehrssünderkartei). Die Bundesrepublik Deutschland avanciert mit 1,3 Millionen Einheiten dank der rund 600.000 VW zum zweitstärksten Automobilproduzenten der Welt. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten sind es 4,2 Millionen. Selbst die Sowjetunion stellt mit 125.000 Automobilen mehr als doppelt so viele her wie Japan (51.000). In China wird das allererste Auto gefertigt.

Das deutsche Wirtschaftswunder bläst zum Halali auf die Nachkriegs-Kleinstwägelchen. Die Produktion der Winzlinge mit weniger als 500 Kubikzentimeter Hubraum schrumpft um ein Drittel. Dennoch fertigt die Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH Regensburg vom 2. Mai an den FMR Tg 500, eine vierrädrige Version des dreirädrigen früheren Messerschmitt- und nun FMR-Kabinenrollers. Ursprünglich soll der Flitzer Tiger heißen, stellt Hanns-Peter von Thyssen-Bornemissza in seinem Nachschlagewerk „Europäische Kleinwagen“ fest. Aber weil Krupp in Essen diesen Namen schon für Lastwagen hat schützen lassen, weichen die Regensburger auf das prosaische Kürzel aus.

Altmeistern darf man Übertreibungen nachsehen

Laut Prospekt bringt der 490-Kubik-Zweitaktmotor von Fichtel & Sachs mit Gebläsekühlung für jeden der beiden Zylinder dieses Gefährt auf 126 km/h. Zeitzeugen berichten aber, dass nahezu jedes Exemplar mindestens 130, wenn nicht 135 km/h erreicht. Unfälle schon bei geringeren Tempi bekommen den beiden hintereinander sitzenden Insassen des knautschzonenarmen Tigers aber gar nicht gut. Die Unternehmensleitung erwägt deshalb ernsthaft, ihn nur an Kunden zu verkaufen, die ihren Führerschein schon mehrere Jahre besitzen.

Erfolgreiche kleine Automobile haben zum Ende des Jahrzehnts einen Hubraum von 600 Kubikzentimeter und mehr, so zum Beispiel der Prinz von NSU und der überraschend vorgestellte Sport-Prinz, dessen Karosserie Bertone gestaltet und zunächst auch herstellt. Sein Motor leistet 30 PS bei 5700/min, seine Höchstgeschwindigkeit gibt NSU mit 130 km/h an, und Altmeister Roger Gloor beschreibt ihn in seinem Werk „Nachkriegswagen“ so: „Die elegante saubere Linie mit Fließheck, den vorkragenden Kotflügelabschlüssen und großzügigen Fensterflächen hielt hinsichtlich Vollkommenheit einem Vergleich mit dem ebenfalls bei Bertone geschaffenen Alfa Romeo Giulietta Sprint durchaus stand!“ Altmeistern darf man Übertreibungen nachsehen. Zwar gibt es den Sport-Prinz noch nicht mit Wankelmotor, aber die NSU-Werke in Neckarsulm, und die Wankel GmbH in München freuen sich über die erste Lizenzvergabe: an die Curtiss-Wright Corp. „für alle technischen Bereiche und Verwendungszwecke“.

„Die deutsche Automobilindustrie“

Hans C. Graf von Seherr-Toss erinnert in seinem Buch „Die Deutsche Automobilindustrie“ an die Gründung der Borgward do Brasil S.A., für die Carl F.W. Borgward 250 Millionen Cruzeiro oder 8,25 Millionen Mark aufwendete. Derweil produzieren auch das argentinische Gemeinschaftswerk Dinfia, die Borgward South Africa Ltd. und das philippinische Montagewerk Borgward Lastwagen und die Isabella. Borgwards Lloyd-Motorenwerke entwickeln aus dem 19-PS-Alexander den Alexander TS. Auch dank eines Solex-Vergasers mit Beschleunigerpumpe leistet der Motor des sportlichsten Lloyd nun 25 PS bei 5000/min und macht ihn damit bis zu 110 km/h schnell. Die Hinterachsaufhängung besteht aus gezogenen Längsschwingen mit Schraubenfedern. Der Preis: 4250 Mark. Auf Wunsch gibt es den Alexander TS mit der automatischen Kupplung Saxomat. Auf der Basis des Alexander TS überrascht der Karossier Pietro Frua auf dem Turiner Salon dieses Jahres mit einem bildhübschen Coupé, das von Februar 1959 an ausgeliefert wird. Vier Meter lang, 1,45 Meter breit, nur 1,28 Meter hoch und 500 Kilogramm leicht, kostet es 5980 Mark.

Den Saxomat bietet Borgward auch für den im Herbst präsentierten Hansa 1100 des Modelljahrs 1959 an. Auf Hansa, die Borgward-Vorgängermarke, ist nämlich inzwischen der Goliath umbenannt worden, Borgwards mittlere Baureihe. Der Hansa 1100 wartet außerdem mit einer Karosserie-Neuheit auf, der später viele andere Automobilhersteller folgen: Seine Rücksitzlehne ist zweigeteilt und lässt sich umklappen. So ergibt sich ein für Limousinen ungewohnt großes Gepäckraumvolumen. Die Zulassungszahlen der Borgward Isabella wachsen auch in den Vereinigten Staaten. 1955 verkaufte Borgward dort nur 144 Stück, 1958 sind es schon 8000. Und der „Große Borgward“, der noch Hansa heißt, erhält das zusammen mit der britischen Hobbs Transmission Ltd. entwickelte Automatikgetriebe Hansamatic.

Darüber freut sich Adenauers Chauffeur

Den Porsche Speedster löst der Convertible D ab, dessen Karosserie Drauz in Heilbronn herstellt (daher das D in der Modellbezeichnung). „Er hat eine höhere Windschutzscheibe, ein Verdeck mit größerer Heckscheibe und Kurbelfenster“, erinnert sich Le-Mans-Sieger Jürgen Barth in seinem „Großen Buch der Porsche-Typen“. In diesem Jahr werden 386 Exemplare des nur 855 Kilogramm schweren Convertible mit 1,6-Liter-Motor und 60 oder 75 PS gebaut, von September an mit Synchrongetriebe Typ 716.

Den Mercedes 300d bestückt Daimler-Benz erstmals serienmäßig mit der Bosch-Einspritzanlage für die Ansaugleitung von Viertaktmotoren. Das bringt eine Benzinersparnis von 15 Prozent, eine Leistungssteigerung um zehn Prozent und mithin eine flotte Gangart. Darüber freut sich nicht zuletzt Konrad Adenauers Chauffeur Peter Seibert.

Seinen Erfolgstyp Olympia Rekord versieht Opel mit einer Windschutzscheibe, die nach amerikanischer Manier weit um die Ecken bis in den Fronttürbereich herumgezogen ist. Und die wahlweise eingebaute automatische Kupplung von Fichtel & Sachs heißt nun nicht mehr Saxomat, sondern Olymat. Jedenfalls verkauft Opel vom Olympia Rekord innerhalb von drei Jahren bemerkenswerte 848.000 Stück.

„Er möchte einen schönen Wagen fahren“

Ebenfalls mit Panoramascheiben vorn und hinten nach Yankee-Geschmack gestaltet ist der Opel Kapitän P1. Trotz seiner untadeligen, wenngleich nur 80 PS leistenden 2,5-Liter-Maschine und auf Wunsch lieferbarem Overdrive-Getriebe stellt Opel dessen Produktion allerdings schon im Jahr darauf wieder ein. Design follows function, weiß man schon damals in anspruchsvollen Kreisen, Styling ist Geschmacksache. Die um die Ecken gezogenen Scheiben, zudem das hinten hübsch heruntergezogene Dach machen den Passagieren den Einstieg schwer. Immer weniger potentielle Kapitän-Käufer kommen in die Opel-Läden. Der P1 erreicht gerade einmal 34.842 Einheiten.

Nicht völlig kritiklos, aber dennoch diesem geneigt ist ein zeitgenössischer Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Der Freund also, dem ich raten würde, sich lieber heute noch als morgen einen Opel Kapitän zu kaufen, sieht etwa so aus: Er (oder seine Firma) kann zehntausend Mark (und monatlich etwa 200 Mark Unterhaltskosten, ohne Benzin) gut entbehren und möchte dafür die Möglichkeit eintauschen, zuverlässig, sehr schnell und mühelos um die tausend Kilometer am Tag zurückzulegen; er möchte einen schönen Wagen fahren, ohne allzu feierlich oder offiziell zu wirken . . .

Die Luk Lamellen und Kupplungen August Häussermann GmbH in Esslingen-Mettingen entwickelt für Autos bis zur Mittelklasse den Lukomat, eine automatische Fliehkraft-Kupplung, und Fritz Ostwald erinnert sich bei Ate in Frankfurt am Main der Vorteile des negativen Lenkrollradius, der 1931 in den Vereinigten Staaten entwickelt und patentiert worden war.

Lizenzen für die Welt

Continental Motors in Detroit, Citroën in Paris, in Neu-Delhi die Regierung von Indien und Rolloy Piston Company in Port Melbourne erwerben von MAN Lizenzen zur Fertigung der Vier- und Sechszylinder-M- und FM-Vielstoff-Dieselmotoren. Bundesinnenminister Gerhard Schröder, Vorsitzender des Bundesgesundheitsrats, sagt diesem am 15. Juli 1958: „Durch die zunehmende Industrialisierung und Motorisierung hat die Luftverunreinigung durch Staub und Abgase einen solchen Grad angenommen, dass erhebliche Besorgnisse begründet sind.“

Simcas Erfolgsmodell Aronde, auch in Mitteleuropa immer beliebter, erhält die Bezeichnung P60, wegen Personalisierung; denn das Angebot wird erheblich vergrößert und umfasst zum Beispiel vier verschiedene Motoren: 1,1 Liter mit 40 PS sowie 1,3 Liter mit 45, 48 und 57 PS. „L'Auto è Femmina“ lautet der Titel eines italienischen Buchs, das Auto ist ein Weibchen. So galt es seit je in Frankreich. Doch einem Antrag Jean Cocteaus entsprechend verfügt die Académie Française, l'auto, das Auto, sei künftig männlich. Allerdings wird wohl mindestens so häufig von der voiture gesprochen. Und die wird stets weiblich bleiben.

„Wagen, der in eine Zitrone gebissen hat“

Die American Motors Corporation, 1954 aus der Fusion von Hudson und Nash hervorgegangen, streicht die Marke Nash aus ihrem Portfolio und macht Ambassador, die frühere Prestige-Linie von Nash, zur Oberklassenmarke ihres Einheitsprogramms namens Rambler. Den Ambassador dieses Jahres mit umdekorierter Rambler-Karosserie von 5,08 Meter Länge treibt ein 5,4-Liter-V8 an, der 274 PS leistet und den Wagen auf maximal 170 km/h bringt.

Ford erlebt die größte Pleite seiner Modellgeschichte. Der Ford Edsel, so genannt nach dem 1943 verstorbenen Sohn von Henry I., soll in diesem seinem ersten Modelljahr 200.000 Mal verkauft werden. Tatsächlich werden es 63.110. Das Buch „Auto Klassik“ von Quentin Willson zitiert einen Komiker, der den Edsel vor allem wegen seines aparten senkrechten Kühlergrills als „Wagen, der in eine Zitrone gebissen hat“, beschreibt.

Quelle: F.A.Z., 19.02.2008, Nr. 42 / Seite T1
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