05.08.2009 · Auf der Straße begegnet man ihnen nicht allzu oft, aber immer öfter: Velomobile, vollverkleidete Liegefahrräder. Wie fährt sich so ein Kabinenroller zum Treten? Eine Probefahrt mit dem Borealis von Importeur Icletta.
Von Hans-Heinrich PardeyMeine Güte, was für ein Poltern! Dieses Rumpeln! Was von außen betrachtet wie die polierte Kreuzung aus der Nase eines Segelflugzeugs und einem Formel-1-Wagen auf verdammt schmalen Pneus aussieht, das Velomobil Borealis, hat innen die technoid-karge Anmutung eines Versuchsfahrzeugs. Der nach oben zeigende Alulenker unten am Schalensitz wie ein Steuerknüppel, die niedrige Sitzposition und die eingeschränkte Sicht wie im Monoposto. Dass man allseits umgeben von Glasfiber vermutlich bös ins Schwitzen kommen werde, zumal an einem sonnigen Tag, das erschien absehbar.
Es stellt sich aber komplett als Irrtum heraus: Die windschnittige Karosserie schafft jede Menge Luftaustausch - unterhalb der Pedalerie ist sie offen. Irgendwie muss man ja die Füße auf den Boden bekommen, um sich beim Rangieren nach rückwärts abstoßen zu können. Aber dass diese knapp 17 Kilogramm wiegende Hülle solch einen Radau macht, weil sie rundherum wie ein großer Resonanzkörper auf jeden Fahrbahnstoß des Feldwegs am Rand des südhessischen Weiterstadt reagiert, das ist eine echte Überraschung.
Mehr Karosserien als je
Auf der internationalen Spezialradmesse „Spezi“, die im April wieder die europäische Liegeradszene und die „Human Power“-Aktivisten (samt ihrer Solarstrom-Elektro-Fraktion) im vorderpfälzischen Germersheim zusammengeführt hat, waren sie unübersehbar: Mehr Karosserien als je, noch schnittiger als in den Vorjahren und besser ausgestattet, überzeugender in der Verarbeitung, immer mehr echte Produkte neben den zahlreichen Basteleien. So wie es ein Schritt ist, vom „Normalrad“ (das es natürlich nicht als einheitlichen Typ gibt) aufs Sessel- oder Liegerad (das es als einheitlichen Typ noch weniger gibt) umzusteigen, so ist es noch einmal ein Schritt, solch ein Liegerad mit einer Karosserie drum herum zu bewegen.
Ein einspuriges Normalrad nicht nur mit einem Wetterschutz nach vorn zu versehen, sondern es voll zu verkleiden, versuchen nur wenige Sonderlinge: Wegen der Höhe des Fahrrads bietet solch eine Karosserie dem Seitenwind eine enorme Angriffsfläche. Die meisten Velomobile ducken sich also an die Straße - so auch das (oder etwa: der?) Borealis.
Es begann mit der Entwicklung eines Wetterschutzes
Mit dem stand Kirk Seifert, der sich nach einigen Jahren als Vertriebsleiter des Liegerad-Herstellers HP Velotechnik mit Icletta selbständig gemacht hat, bereits zum zweiten Mal auf der Spezi. Er lud in Germersheim wegen des „Formel-1-Gefühls“ zum Probesitzen und zum Probefahren am Montageort nach Weiterstadt ein und erzählte die Geschichte des Fahrzeugs: In Maple Ridge, in der kanadischen Provinz British Columbia, backt ein gewisser Steve Schleicher aus Glasfaserkunststoff und Kevlar die Seekajaks der wohlbeleumdeten Marke Nimbus wie zum Beispiel den 16 Fuß 3 Zoll langen und in drei handlichere Teile zerlegbaren Horizon-S. Außerdem fährt Steve - ein dezidierter Liegerad-Fan - mit dem Rad in sein Unternehmen, wobei er gelegentlich schon mal einem Schwarzbären mit uneingeschränktem Vorfahrtsrecht begegnet.
Weil der Startpunkt seiner täglichen Tour hoch liegt und man sich auf einem Liegerad dem Wetter stärker ausgesetzt fühlt, weil ihm also morgens gleich nach dem Start der Wind öfter unangenehm frisch um die Nase wehte, begann Steve im Sommer 2004 mit der Entwicklung eines Wetterschutzes. Aus dem wurde allmählich eine komplette Karosserie für das deutsche Sesseldreirad KettWiesel von Hase Bikes in Waltrop. Ein Jahr später hieß das kontinuierlich verfeinerte Produkt Aurora: eine abgerundet keilförmige Hülle, vorn über dem einen gelenkten Rad schmal und nach hinten breiter werdend mit einem kleinen Häubchen über dem Kopf des Piloten.
Vielfältige Verbesserungen in den aktuellen Baureihe
Nach etlichen tausend Meilen mit dem Aurora fasste Steve den Entschluss, auch einem grundsätzlich anderen Dreirad zu einer Karosserie zu verhelfen. Im Frühling 2008 stand dann auf der Spezi als Weltpremiere Borealis, eine aerodynamische Velomobilverkleidung von Schleicher über dem Trice QNT, einem Dreirad des britischen Herstellers ICE. Deutscher Importeur: Kirk Seifert.
Inspired Cycle Engineering nannten die beiden Maschinenbauingenieure Chris Parker und Neil Selwood bei der Übernahme 1999 das von Peter Ross gegründete Unternehmen in Falmouth, Cornwall. Ross hatte schon 1986 das erste Trice als sportliches Renndreirad vorgestellt. Dessen Gene eines Hochleistungs-“Tadpole-Trike“ - „Kaulquappen“ heißen englisch „Reverse“-Dreiräder mit zwei Vorder- und einem angetriebenen Hinterrad - tragen nach vielfältigen Verbesserungen in den aktuellen Baureihen T (wie Tourer) vor allem die sportlicheren Q-Modelle in sich: zum Beispiel der tiefe Schwerpunkt als Sicherheitsreserve bei hohen Kurvengeschwindigkeiten.
Leichtbau, wohin man schaut
In der Kombination von zwei Größen des Antriebsrads (20 und 26 Zoll) mit zwei unterschiedlichen Spurbreiten - 80 Zentimeter oder als Trice NT 70 Zentimeter - bietet ICE vier unterschiedliche Modelle an. Alle sind vielfältig anpassbar: unterschiedlichen Körpergrößen durch den großen Verstellbereich des Zentralrohr-rahmens, den Erfordernissen des Komforts durch austauschbare Feder-Elastomere. Die 20-Zoll-Version ist grundsätzlich faltbar. Rund 16 Kilogramm wiegt ein Trice, dessen Grundpreis 2590 Euro beträgt.
Die Karosserie, die ein Trice QNT, also die schmale Sportversion, zu einem Borealis macht, kostet noch einmal 3590 Euro. Und dann gibt es noch einige Optionen: die leichtere Kevlar-Variante oder die Signallichter, jeweils zwischen knapp 350 und 400 Euro. Der Vorzug der Verkleidung von Schleicher: Sie setzt keinen irreversiblen Umbau des Dreirads voraus, sondern lässt sich, zwar nicht so schnell, wie ein Cabriodach eingeklappt ist, aber doch binnen Stundenfrist auf- oder abbauen. Leichtbau, wohin man schaut: Klettstreifen stellen Verbindungen her, zum Beispiel um die Speichen abzudecken, kein Gestänge, sondern eine Schnur hält die Abdeckung der Einstiegsluke in zurückgeklapptem Zustand.
24 Farben stehen zur Auswahl
Der erste Eindruck, nachdem Kirk Seifert die Karosserie von außen geschlossen hat: Junge, pass auf, du hast jetzt einen anderen Wendekreis als mit dem Fahrrad. Tatsächlich braucht das Trice QNT bei einem Radstand von 1,07 Meter 5,20 Meter für die 180-Grad-Kehre. Kaum auf dem Wirtschaftsweg, wo samstäglicher Radverkehr gemütlich entlangpedalt, wechseln angespannte Aufmerksamkeit und ein Gefühl von lässiger Überlegenheit so, als ob man einen Supersportwagen durch den Wochenendverkehr auf der Autobahn bewegen würde: das Velomobil ist sauschnell, das plötzliche Auftauchen vor, neben oder hinter anderen Radlern provoziert unterschiedlichste Reaktionen. Manche wähnen sich von einem Motorfahrzeug überholt. Borealis ist ein Geschwindigkeitswunder, aber kein Sprinter. Das Anfahren setzt drehmomentstarke Waden voraus, aber erst einmal auf Tempo gebracht, saust das Dreirad mühelos im Verkehr mit.
Weiß muss übrigens nicht sein: man hat 24 Farben zur Auswahl. Die Sicht zwischen wogenden Getreidefeldern und im Kreuzungsbereich von Bundesstraßen ist speziell zur Seite und nach schräg hinten nicht so berühmt. Aber man wird offenkundig gut gesehen, und man sieht sich, als Pedaltreter unter der Hülle verborgen, wie ein Auto respektiert. Wenn es doch nur nicht so rumpelte!