25.08.2009 · Die 225 Kilogramm schwere Bonneville SE ist pflegeleicht und handzahm. Auch wer schon lange nicht mehr auf einem Motorrad gesessen hat, dürfte sich auf der Traditions-Triumph ohne Aufwärmphase wohl fühlen.
Von Michael KirchbergerMy Bonnie ist nicht über den Ocean, aber doch immerhin über den Ärmelkanal gekommen. Und sie tut gut. Bei all diesen Superlativen, der Leistungshatz und Tempojagd steht das Retro-Bike von Triumph für Klassik und lange Urlaubsfahrten durch strömenden Regen, die einst mit eisernem Durchhaltevermögen gemeistert wurden und von denen gern abends am Kamin erzählt wird. Die Knochen würden das heute vielleicht nicht mehr mitmachen. Die Bonneville dagegen schon. Im Stil der alten Zeit geformt (nach der jüngsten Modellpflege mit Anklängen an die Siebziger), mit zwei sehr aufrecht stehenden Zylindern, 865 Kubikzentimeter Hubraum und zwei wundervoll chromglänzenden Auspuffrohren kostet sie schnörkellose 8790 Euro. Dafür gibt es viel gute Laune und die Erkenntnis, dass Fahrspaß nicht zwingend an brachiale Leistung und flammendes Design geknüpft ist.
Das SE im Namenszug der schönen Engländerin steht für Special Edition, eine Reminiszenz an das große Jubiläum, denn die Bonneville-Serie ist gerade 50 Jahre alt geworden. Die Sonderausgabe des Traditionsbikes hat zierenden Chrom am Tank bekommen, poliertes Aluminium für die Verkleidung der Zylinderköpfe, einen Drehzahlmesser und schwarze Gussräder. Moderne Zutaten wie Benzineinspritzung und geregelter Katalysator sind natürlich ebenfalls mit von der Partie. Die Bonnie bietet einen vorzüglichen Fahrerplatz auf weicher, breiter Sitzbank in eben mal 74 Zentimeter Höhe, was auch kleineren Fahrern das Balancieren im Stand sowie das Rangieren erleichtert. Dicke Gummiüberzüge an den Fußrasten künden von hoher Alltagstauglichkeit, die Bonneville gehört überdies zu den wenigen Motorrädern, auf denen selbst das Beifahren dank guten Sitzkomforts Freude bereiten kann.
Ross und Reiter wachsen zu einer Einheit
Die Armaturen sind tauglich, aber keine Offenbarung an Hochwertigkeit, die Verarbeitung dagegen ist stimmig. Ein Druck auf den Startknopf und der Zweizylinder blubbert los. Und stirbt gleich wieder ab. Der Kaltstart ist nicht die Stärke der Triumph, sie will zart geweckt und dann langsam auf Touren gebracht werden. Dann aber legt sie sich ordentlich ins Zeug; anfahren, schalten, bremsen, alles funktioniert auf äußerst harmonische Weise, und nach gar nicht langer Strecke wachsen Ross und Reiter zu einer Einheit. 49 kW (67 PS) liefert das Triebwerk bei 7500 Umdrehungen in der Minute, 89 Newtonmeter stehen als Drehmoment-Spitzenwert bei 5800/min bereit. Das genügt für flinke Zwischenspurts sowie eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 190 km/h, die mit der Bonneville mangels Windschutzes kein wirkliches Vergnügen sind. Viel mehr Laune macht das Briten-Bike, wenn es kurvig wird. Dann erweist sie sich als sehr leicht beherrschbar, vermittelt ein wundervolles Gefühl von Sicherheit und Spurtreue. Allein die Absenz eines ABS mag schrecken, zumal die Hinterradbremse bissig zupackt und das Rad schnell zum Blockieren bringt. Vorne ist die Dosierbarkeit besser. Die fünf Gänge rasten genau und leicht ein.
Die 225 Kilogramm schwere Bonneville SE ist pflegeleicht und handzahm. Die großen Spiegel liefern unverzerrte Bilder vom Verkehrsgeschehen, die Instrumente sind gut ablesbar, der Verbrauch von 5,5 Liter für 100 Kilometer geht auch in Ordnung. Auch wer schon lange nicht mehr auf einem Motorrad gesessen hat, dürfte sich auf der Traditions-Triumph ohne Aufwärmphase wohl fühlen.