09.02.2010 · Seit zwei Wochen sind klemmende Gaspedale und malade Bremsen bei Toyota-Fahrzeugen ein ganz großes Thema. Seit dem Umfallen der A-Klasse ist nicht mehr so intensiv über ein technisches Problem eines Automobilherstellers berichtet worden.
Von Boris SchmidtSeit zwei Wochen sind klemmende Gaspedale und malade Bremsen bei Toyota-Fahrzeugen ein ganz großes Thema - in der Automobilbranche und darüber hinaus. Das japanische Unternehmen ruft nun sogar mehrere Modelle seiner prestigeträchtigen Hybrid-Reihe zurück und stoppt deren Verkauf in Japan. Seit dem Umfallen der A-Klasse (1997) ist nicht mehr so intensiv über ein technisches Problem eines Automobilherstellers berichtet worden.
Damals war es ein schwedischer Journalist, der Mercedes-Benz ins Wanken brachte, jetzt sorgten die peniblen Toyota-Techniker in Eigenregie für das Aufdecken der Schwierigkeiten. Dem gebührt Anerkennung, sie haben die Angelegenheit nicht versteckt - obwohl der Vorwurf erhoben wird, man habe mit der Bekanntgabe zu lange gezögert. Das gilt auch für die aktuelle Prius-Problematik mit den Bremsen (F.A.Z. vom 4. September), was wiederum technisch mit der anderen Sache nichts zu tun hat. Bei den Gaspedalen sind wesentlich mehr Fahrzeuge und mehr als ein Modell betroffen, die Rede ist von mehr als vier Millionen in der Welt und knapp 216.000 Autos in Deutschland.
„Plötzliche, ungewollte Beschleunigung“
Die Vorgeschichte: Toyota war und ist dabei, die Ergebnisse oder besser gesagt Vorwürfe einer amerikanischen Untersuchung zu überprüfen, denen zufolge es seit dem Jahr 1999 in den Vereinigten Staaten genau 2262 Vorfälle von „plötzlicher, ungewollter Beschleunigung“ mit Toyota-Fahrzeugen gegeben hat. Daraus resultierten angeblich 815 Unfälle, 341 Verletzte und 19 Tote. Toyota hat aber noch in keinem einzigen dieser Fälle bestätigt, dass technische Mängel ursächlich für einen der Unfälle war. Dass diese Unfall-Ereignisse im einen oder anderen Fall mit verrutschten und das Gaspedal blockierenden Fußmatten zu tun hatten, wurde aber offensichtlich.
Bei den Untersuchungen seitens Toyota kam dann zutage, dass es beim Gaspedal selbst zu Pannen kommen kann. Es könnte schwergängig werden oder gar in seiner gewählten Stellung verharren. Toyota entschied sich Ende Januar, bei den betreffenden Modellen die Produktion anzuhalten, die inzwischen wieder angelaufen ist. Diese Maßnahme betraf nur Amerika, in Japan gebaute Modelle sind bis auf den RAV4 und den iQ problemfrei. Gleichzeitig begann man mit den Vorbereitungen für einen großen Rückruf, schließlich schwappte der Gaspedal-Fall nach Europa.
Toyota spricht von 26 Kundenbeschwerden
Was nochmals gesagt werden muss: In Europa hat es noch keinen einzigen dokumentierten Fall gegeben. Und auch in Amerika seien es keine zwölf, hebt der Zulieferer des Pedals, das amerikanische Unternehmen CTS, hervor - Toyota spricht von 26 Kundenbeschwerden.
Etwas überraschend ist CTS (Chicago Telephone Supply, gegründet schon 1896) gleichzeitig in den Fokus der (amerikanischen) Diskussion gezerrt worden. Bei CTS beeilte man sich mit der Aussage, dass man die gestellten Vorgaben stets erfüllt habe und Toyota als Hersteller ohnehin in der Verantwortung stehe. CTS beliefert Toyota erst seit 2005, der Rückruf bezieht sich auch nur auf Fahrzeuge aus den Baujahren 2005 bis Januar 2010.
Für Europa sind dies die Modelle Aygo (2/2005 bis 8/2009), iQ (11/2008 bis 11/2009), Yaris (11/2005 bis 9/2009), Auris (10/2006 bis 1/2010), Corolla (10/2006 bis 12/2009), Verso (2/2009 bis 1/2010), Avensis (11/2008 bis 12/2009) und RAV4 (11/2005 bis 11/2009). Definitiv nicht betroffen sind Lexus und die amerikanische Toyota-Marke Scion.
So ist Hewlett-Packard größter CTS-Kunde
CTS beliefert im Übrigen auch andere Hersteller. Weil der Peugeot 107 und der Citroën C1 baugleich mit dem Toyota Aygo sind, haben vereinzelte Chargen dieser Kleinwagen ebenfalls mit der Gaspedal-Problematik zu tun. CTS ist auf elektronische Komponenten und Sensoren spezialisiert, bedient aber nicht nur die Auto-Industrie. So ist Hewlett-Packard größter CTS-Kunde. Bei CTS schätzt man den eigenen Marktanteil bei den elektronischen Gaspedalen in der Welt auf 16 bis 20 Prozent.
Kern der Schwierigkeiten im Pedal ist ein Reibdämpfer, der im Extremfall aufgrund von Witterungs- oder anderen Einflüssen schwergängig werden kann. Er dient dazu, die Pedalbewegung zu dämpfen. Obwohl die Toyotas wie alle modernen Autos ein elektronisches Gaspedal haben - das heißt der Gasbefehl wird schließlich elektrisch weitergegeben -, ist das Problem bemerkenswerterweise ein rein mechanisches. Deshalb kann man auch, sollte der Fall des Klemmens doch eintreten, das Pedal mit dem Fuß oder manuell selbst zurückholen. Grund für die ganze Unbill sind zwei Kunststoff-Teile, die im Dämpfer ineinanderlaufen, und die sich gegenseitig hemmen können - was nicht sein soll. Toyota wird dieses Problem mit Distanzscheiben lösen. Setze man diese zusätzlich ein, liefen die Nuten besser ineinander, der Anpressdruck zwischen den beiden Oberflächen werde reduziert, heißt es. Das Distanzstück verstärkt zudem die Kraft der Rückholfeder, die das betätigte Gaspedal in seine ursprüngliche Position zurückbringt. Die Feder als solche hat mit dem Ärger nichts zu tun. Wie man in Köln beteuerte, setzt die Toyota-Organisation in Deutschland und Europa alles daran, den Rückruf für die Kunden so reibungslos wie möglich zu gestalten. CTS produziert die Distanzscheiben selbst, 98 000 täglich.
„Wir riskieren lieber negative Schlagzeilen als ihre Sicherheit“
Fein raus sind übrigens die wenigen Toyota-Kunden, die ein Fahrzeug ohne ESP fahren (zum Beispiel Toyota Aygo in der Basisvariante). Denn dort verbaut Toyota immer noch einen Seilzug (wie einst im VW Käfer), der die Kraft rein mechanisch überträgt und die Drosselklappe öffnet, damit das Benzin in den Brennraum gelangen kann. Ältere Autofahrer erinnern sich noch: Das Seil kann reißen oder auch schwergängig werden beziehungsweise hängen. Aber früher war man sich dieser kleinen Malaisen viel mehr im klaren und erkannte sofort, was zu tun war. Zur Not hat man das gerissene Seil aus seiner Führung genommen und mit der Hand Gas gegeben. Diese Aufgabe konnte man auch dem Beifahrer übertragen. Aber damals war die Verkehrssituation auch eine andere. Heute sollte man solche Übungen tunlichst bleiben lassen.
Um ESP zu ermöglichen, braucht es zwingend ein elektronisches Gaspedal, weil das elektronische Stabilsierungs-Programm bei Bedarf auch auf die Motorsteuerung Zugriff haben muss. Nur so kann ESP das Gas sofort wegnehmen, um einen Ausritt aus der Kurve möglichst zu verhindern.
Wer einen der gefährdeten Toyotas fährt, bekommt in den nächsten Tagen Post vom Kraftfahrtbundesamt. Toyota informierte am Sonntag in großformatigen Zeitungsanzeigen über die „größte Reparatur-Aktion der Welt“ (Schlagzeile in „Bild“). Motto: „Wir riskieren lieber negative Schlagzeilen als ihre Sicherheit.“ Toyota wird auf die Fahrzeug-Besitzer zukommen, um die Reparatur einzuleiten, heißt es. Wer Fragen hat, kann eine Hotline unter 0 22 34/1 02-77 77 anrufen.